»Äh«, sagte ich. »Ich glaube nicht, dass …«
»Die Massage der Millionen Hände!«, rief Grover und ließ sich fallen. »Ach, Leute, ist das cool!«
»Hmmmm«, sagte Crusty und streichelte sein ledernes Kinn. »Fast, fast.«
»Fast was?«, fragte ich.
Er schaute Annabeth an. »Tu mir den Gefallen und probier das hier mal aus, Herzchen. Könnte passen.«
Annabeth sagte: »Aber was …«
Er streichelte beruhigend ihre Schulter und führte sie zum Safari-de-luxe-Modell mit eingeschnitzten Teaklöwen und Nackenrolle mit Leopardenmuster. Als Annabeth sich nicht hinlegen wollte, versetzte Crusty ihr einen Stoß.
»He«, protestierte sie.
Crusty schnippte mit den Fingern. »Ergo!«
Riemen schnellten von den Bettseiten hoch, schlossen sich um Annabeth und fesselten sie an die Matratze.
Grover wollte aufspringen, doch auch sein schwarzes Satinbett hatte Riemen, die ihn festhielten.
»Nicht gerade cool!«, schrie er und seine Stimme vibrierte von der Massage der Millionen Hände. »Überhaupt nicht cool!«
Der Riese schaute Annabeth an, dann drehte er sich zu mir um und sagte grinsend: »Fast, verflixt.«
Ich wollte zurückweichen, aber seine Hand schnellte vor und schloss sich um meinen Nacken. »Aber, Kleiner. Keine Sorge. Wir finden gleich eins für dich.«
»Lassen Sie meine Freunde frei.«
»Klar doch. Aber zuerst müssen sie passend gemacht werden.«
»Wie meinen Sie das?«
»Alle Betten sind genau eins achtzig lang, klar? Deine Freunde sind zu kurz. Muss sie passend machen.«
Annabeth und Grover zappelten noch immer.
»Kann unvollkommene Maße nicht leiden«, murmelte Crusty. »Ergo.«
Neue Riemen lösten sich von Kopf-und Fußende der Betten und wickelten sich um Annabeths und Grovers Knöchel und dann um ihre Arme. Die Riemen spannten sich und zerrten aus beiden Richtungen an ihnen.
»Keine Sorge«, sagte Crusty zu mir. »Sie werden nur gedehnt. So zehn Zentimeter etwa. Vielleicht überleben sie das sogar. Und jetzt suchen wir uns ein Bett für dich, ja?«
»Percy!«, schrie Grover.
Meine Gedanken überschlugen sich. Ich wusste, dass ich mit diesem riesigen Wasserbettenverkäufer allein nicht fertig werden könnte. Er würde mir den Hals umdrehen, noch ehe ich mein Schwert ziehen könnte.
»Sie heißen in Wirklichkeit gar nicht Crusty, oder?«, fragte ich.
»Offiziell heiße ich Prokrustes«, gab er zu.
»Der Strecker«, sagte ich. Ich kannte die Geschichte von dem Riesen, der versucht hatte, Theseus auf dem Weg nach Athen mit übermäßiger Gastfreundschaft umzubringen.
»Ja«, sagte der Verkäufer. »Aber wer kann sich das schon merken? Schlecht fürs Geschäft. Crusty dagegen prägt sich leicht ein.«
»Da haben Sie Recht. Das klingt richtig gut.«
Seine Augen leuchteten auf. »Findest du?«
»Ja, unbedingt«, sagte ich. »Und die Betten sind Meisterwerke.«
Er grinste strahlend, aber sein Zugriff um meinen Nacken lockerte sich nicht. »Das werde ich der Kundschaft erzählen. Jedes Mal. Niemand macht sich die Mühe, sich die Verarbeitung wirklich anzusehen. Ich meine, wie viele eingebaute Lavalampen hast du in deinem Leben schon gesehen?«
»Nicht viele.«
»Ja, eben.«
»Percy!«, schrie Annabeth. »Was machst du da?«
»Achten Sie nicht auf sie«, sagte ich zu Prokrustes. »Sie ist einfach unmöglich.«
Der Riese lachte. »Das sind meine Kunden alle. Nie genau eins achtzig groß. So rücksichtslos. Und dann beklagen sie sich, wenn sie passend gemacht werden.«
»Was machen Sie, wenn sie größer sind als eins achtzig?«
»Ach, das kommt auch dauernd vor. Da hab ich eine einfache Technik.«
Er ließ meinen Nacken los, doch ehe ich reagieren konnte, griff er auch schon hinter einen in der Nähe stehenden Tresen und holte eine Messingaxt mit Doppelschneide hervor. »Ich leg sie, so gut es geht, in die Mitte und hacke alles ab, was über die Kante hängt.«
»Ah«, sagte ich und schluckte. »Vernünftig.«
»Es freut mich wirklich, einen intelligenten Kunden zu treffen.«
Die Seile rissen immer schlimmer an meinen Freunden. Annabeth war schon ganz bleich. Grover stieß gurgelnde Geräusche aus, wie eine Gans, die erwürgt wird.
»Also, Crusty«, sagte ich und versuchte, mich ganz lässig anzuhören. Ich schaute zu dem Preisschild auf dem herzförmigen Flitterwochenbett. »Hat das da wirklich dynamische Stabilisatoren, um die Wellenbewegung zu stoppen?«
»Aber sicher doch. Probier mal.«
»Ja, gleich. Aber funktioniert das auch bei einem Brocken wie dir? Gar keine Wellen?«
»Garantiert.«
»Gibt’s nicht.«
»Gibt’s.«
»Zeig’s.«
Er setzte sich auf das Bett und streichelte die Matratze. »Keine Wellen. Siehst du?«
Ich schnippte mit den Fingern. »Ergo.«
Seile schnellten hervor und fesselten Crusty an die Matratze.
»He!«, schrie er.
»Legt ihn schön in die Mitte«, sagte ich.
Auf diesen Befehl hin zurrten die Seile Crusty fest. Sein Kopf schaute oben über das Bett hinaus, die Füße unten.
»Nein!«, sagte er. »Warte! Das war doch nur ein Test!«
Ich drehte die Kappe von meinem Schwert. »Eine ganz einfache Technik …«
Ich verspürte keinerlei Gewissensbisse bei dem, was ich jetzt vorhatte. Wenn Crusty ein Mensch war, konnte ich ihn ja überhaupt nicht verletzen. Und wenn er ein Ungeheuer war, dann hatte er es verdient, für eine Weile zu Staub zu zerfallen.
»Du bist ja wirklich ein harter Verhandlungspartner«, sagte er. »Ich lass dir ausgesuchte Vorführmodelle für dreißig Prozent weniger.«
»Ich glaube, ich fange oben an.« Ich hob mein Schwert.
»Ohne Anzahlung. Keine Zinsen in den ersten sechs Monaten!«
Ich schwang das Schwert. Crusty hörte auf, Angebote zu machen.
Ich zerschnitt die Riemen der anderen Betten. Annabeth und Grover sprangen auf, sie stöhnten und jammerten und verfluchten mich wütend.
»Ihr seht größer aus«, sagte ich.
»Zum Totlachen«, sagte Annabeth. »Vielleicht machst du nächstes Mal ein bisschen schneller.«
Ich schaute mir die Pinnwand hinter Crustys Tresen an. Ich sah eine Werbung für den Hermes-ÜberNacht-Expressversand und eine für das neue Nachschlagewerk für die Ungeheuer des Bezirks L. A. – »Das einzige Monsterbranchenbuch, das Sie jemals benötigen werden!« Darunter hing ein leuchtend orangefarbener Prospekt der DOA-Aufnahmestudios mit Angeboten für Helden: »Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Talenten!« Gleich darunter die DOA-Adresse und ein Stadtplan.
»Na los«, sagte ich zu den anderen.
»Lass uns einen Moment Zeit«, beschwerte Grover sich. »Wir sind fast zu Tode gedehnt worden.«
»Dann seid ihr ja bereit für die Unterwelt«, sagte ich. »Es ist nur eine Straße weiter.«
Annabeth wird Hundetrainerin
Wir standen auf dem Valencia Boulevard und schauten hoch zu goldenen, in schwarzen Marmor gravierten Buchstaben: DOA-AUFNAHMESTUDIOS.
Darunter auf den Glastüren stand: KEINE ANWÄLTE. KEIN HERUMLUNGERN. KEINE LEBENDEN.
Es war fast Mitternacht, aber die Rezeption war hell erleuchtet und es wimmelte von Leuten. Hinter dem Sicherheitsschalter saß ein ziemlich brutal aussehender Wächter mit Sonnenbrille und einem Ohrstöpsel.
Ich drehte mich zu den anderen um. »Na gut. Ihr kennt den Plan.«
»Den Plan«, sagte Grover gepresst. »Ja. Supertoller Plan.«
Annabeth sagte: »Was machen wir, wenn der Plan nicht funktioniert?«
»Sei nicht so pessimistisch.«
»Na gut«, sagte sie. »Wir betreten das Reich des Todes, aber wir sollen nicht pessimistisch sein.«
Ich zog die Perlen aus meiner Tasche, die drei milchigen Kugeln, die die Nereide mir in Santa Monica gegeben hatte. Sie versprachen nicht gerade, eine Hilfe zu sein, wenn etwas schiefging.
Annabeth legte mir die Hand auf die Schulter. »Tut mir leid, Percy. Du hast Recht, wir schaffen das schon. Wird schon klappen.«