Sie versetzte Grover einen Rippenstoß.
»Aber klar doch«, sagte auch der. »Wir sind so weit gekommen. Wir werden den Herrscherblitz finden und deine Mom retten. Kein Problem.«
Ich sah die beiden an und war zutiefst dankbar. Nur wenige Minuten zuvor wäre ich fast daran schuld gewesen, dass sie auf De-luxe-Wasserbetten zu Tode gedehnt wurden, aber jetzt versuchten sie, mir zuliebe tapfer zu sein, einfach damit ich mich besser fühlte.
Ich ließ die Perlen wieder in meine Tasche gleiten. »Und jetzt treten wir in irgendeinen Unterwelthintern.«
Wir betraten die Lobby der DOA.
Aus verborgenen Lautsprechern strömte leise Musik. Teppich und Wände waren stahlgrau. In den Ecken ragten schmale Kakteen auf wie Skeletthände. Die Möbel waren aus schwarzem Leder und jeder Platz war besetzt. Leute saßen auf Sofas, Leute standen herum, Leute starrten aus dem Fenster oder warteten auf den Fahrstuhl. Niemand bewegte sich, redete, machte überhaupt etwas. Aus dem Augenwinkel konnte ich sie alle sehr gut sehen, aber wenn ich mich auf jemanden konzentrierte, dann war er sofort … durchsichtig. Ich konnte einfach durch diese Körper hindurchblicken.
Der Schalter des Sicherheitstypen befand sich auf einer Art Podium, deshalb mussten wir zu ihm hochblicken.
Er war groß und elegant, er hatte schokoladenbraune Haut und ganz kurz geschorene, gebleichte blonde Haare. Er trug eine Sonnenbrille aus Schildpatt und einen italienischen Seidenanzug, der zu seiner Haarfarbe passte. Eine schwarze Rose war unter dem silbernen Namensschild an seinem Revers befestigt.
Ich las das Namensschild und schaute ihn dann verwirrt an. »Sie heißen Chiron?«
Er beugte sich über seinen Tisch vor. Ich konnte in seiner Sonnenbrille nur mein eigenes Spiegelbild sehen, sein Lächeln aber war süß und kalt, wie das einer Pythonschlange in dem Moment, ehe sie ihr Opfer verschlingt.
»Was für ein köstlicher kleiner Knabe.« Er sprach mit einem seltsamen Akzent – britisch vielleicht, es klang aber auch, als sei Englisch nicht seine Muttersprache. »Sag mal, Kumpel, seh ich vielleicht aus wie ein Zentaur?«
»N-nein.«
»Sir«, fügte er zuckersüß hinzu.
»Sir«, sagte ich.
Er berührte sein Namensschild und ließ einen Finger unter den Buchstaben dahinwandern. »Kannst du lesen, Kumpel? Hier steht C-H-A-R-O-N. Sprich mir nach: Cha-ron.«
»Charon.«
»Erstaunlich! Und jetzt: Mr Charon.«
»Mr Charon«, sagte ich.
»Gut gemacht.« Er ließ sich zurücksinken. »Ich finde es schrecklich, mit diesem alten Pferdekerl verwechselt zu werden. Und jetzt sag mal, wie kann ich euch kleinen Toten helfen?«
Seine Frage traf mich im Bauch wie ein scharf getretener Ball. Ich schaute Annabeth hilfesuchend an.
»Wir möchten in die Unterwelt«, sagte sie.
Charons Lippen zuckten. »Na, das ist doch erfrischend.«
»Wirklich?«
»Offen und ehrlich. Kein Geschrei. Kein ›Nein, das muss ein Irrtum sein, Mr Charon!‹.« Er musterte uns. »Und wie seid ihr bitte gestorben?«
Ich stieß Grover an.
»Äh«, sagte er. »Na ja … ertrunken … in der Badewanne.«
»Alle drei?«, fragte Charon.
Wir nickten.
»Große Badewanne.« Charon wirkte ein wenig beeindruckt. »Ich nehme an, ihr habt keine Münzen für die Überfahrt. Wenn ihr erwachsen wärt, könnte ich eure Kreditkarte belasten oder die Kosten auf eure letzte Telefonrechnung aufschlagen. Aber Kinder … leider sind die nie auf den Tod vorbereitet. Ich nehme an, ihr werdet ein paar Jahrhunderte warten müssen.«
»Aber wir haben Münzen.« Ich legte drei goldene Drachmen auf den Tresen, Geld, das ich in Crustys Büro gefunden hatte.
»Du meine Güte …« Charon leckte sich die Lippen. »Echte Drachmen. Echte goldene Drachmen. Die hab ich ja seit …«
Seine Finger schwebten gierig über den Münzen.
Wir waren so dicht vor dem Ziel.
Dann sah Charon mich an. Das kalte Starren hinter seiner Sonnenbrille schien mir ein Loch in die Brust zu bohren. »Hör mal«, sagte er. »Du hast meinen Namen nicht richtig lesen können. Bist du etwa Legastheniker, Knabe?«
»Nein«, sagte ich. »Ich bin tot.«
Charon beugte sich vor und roch an mir. »Du bist nicht tot. Hätt ich mir ja denken können. Du bist ein Götterspross.«
»Wir müssen in die Unterwelt«, drängte ich.
Charon knurrte ganz tief in der Kehle.
Sofort sprangen alle Leute im Foyer auf, liefen aufgeregt hin und her, steckten sich Zigaretten an, fuhren sich mit der Hand durch die Haare, schauten auf ihre Armbanduhren.
»Haut lieber ab, solange es noch geht«, sagte Charon zu uns. »Ich nehme die hier und vergesse, dass ich euch jemals gesehen habe.«
Er wollte nach den Münzen greifen, aber ich schnappte sie ihm vor der Nase weg.
»Kein Service, kein Trinkgeld.« Ich versuchte mutiger zu klingen, als ich mich fühlte.
Wieder knurrte Charon – es war ein tiefer Ton, der mir das Blut gefrieren ließ. Die Geister der Toten fingen an, gegen die Fahrstuhltüren zu hämmern.
»Wirklich schade.« Ich seufzte. »Wir hätten nämlich noch mehr.«
Ich hielt den Beutel hoch, den wir von Crusty mitgenommen hatten. Ich nahm eine Hand voll Drachmen heraus und ließ die Münzen durch meine Finger gleiten.
Charons Knurren klang jetzt eher wie das Schnurren eines Löwen. »Glaubst du, ich wäre käuflich, Götterspross? Äh … nur aus purer Neugier, wie viel hast du da eigentlich?«
»Viel«, sagte ich. »Ich wette, Hades bezahlt Sie nicht gut genug für Ihre harte Arbeit.«
»Ach, du hast ja keine Ahnung. Würde es dir gefallen, Tag für Tag den Babysitter für diese Geister spielen zu müssen? Immer ›Bitte, machen Sie, dass ich nicht tot bin‹ oder ›Bitte, setzen Sie mich gratis über‹. Ich hab seit dreitausend Jahren keine Lohnerhöhung mehr gesehen. Und meinst du vielleicht, solche Anzüge sind billig?«
»Sie hätten etwas Besseres verdient«, sagte ich. »Wertschätzung. Respekt. Gute Bezahlung.«
Bei jedem Wort legte ich eine goldene Münze auf den Tresen.
Charon starrte sein seidenes italienisches Jackett an und schien sich vorzustellen, wie er in einem noch teureren Fummel aussehen würde. »Ich muss schon sagen, Knabe, du klingst doch gar nicht so unvernünftig. Jedenfalls nicht mehr so sehr.«
Ich legte weitere Münzen dazu. »Ich könnte die Lohnerhöhung erwähnen, während ich mich mit Hades unterhalte.«
Er seufzte. »Das Boot ist ohnehin schon fast voll. Ich könnte euch drei dazustecken und losfahren.«
Er erhob sich, sackte unser Geld ein und sagte: »Na dann.«
Wir drängten uns durch die vielen wartenden Geister, die sofort nach unserer Kleidung zu greifen versuchten und Dinge flüsterten, die ich nicht verstehen konnte. Charon schob sie aus dem Weg und knurrte: »Schnorrer.«
Er begleitete uns in den Fahrstuhl, in dem es von toten Seelen schon wimmelte; jede hielt eine grüne Boarding Card in der Hand. Charon schnappte sich zwei Geister, die mit uns hineinschlüpfen wollten, und stieß sie zurück ins Foyer.
»So. Und jetzt keine Dummheiten machen, bis ich zurückkomme«, rief er in die Menge. »Und wenn noch mal irgendwer die Sender an meinem Radio verstellt, dann sorg ich dafür, dass ihr noch tausend Jahre hier warten müsst. Klar?«
Er schloss die Türen, schob eine Schlüsselkarte in einen Schlitz und dann ging es nach unten.
»Was passiert mit den Geistern im Foyer?«, fragte Annabeth.
»Nichts«, sagte Charon.
»Wie lange?«
»Für immer oder bis ich gerade meinen großzügigen Moment habe.«
»Ach«, sagte sie. »Das ist … fair.«
Charon hob eine Augenbraue. »Und wer hat behauptet, der Tod sei fair, junge Dame? Warte ab, bis du an die Reihe kommst. Da, wo du hingehst, wirst du bald genug tot sein.«
»Wir kommen hier lebend wieder raus«, sagte ich.
»Ha.«
Mir wurde plötzlich schwindlig. Es ging jetzt nicht mehr abwärts, sondern vorwärts. Die Luft füllte sich mit Nebel. Die Geister um mich herum veränderten ihr Aussehen. Ihre moderne Kleidung flimmerte und verwandelte sich in graue Kutten mit Kapuzen. Der Boden des Fahrstuhls schwankte.