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Ich kniff die Augen zusammen. Als ich sie wieder öffnete, war Charons italienischer Anzug einem langen schwarzen Umhang gewichen. Die Schildpattbrille war verschwunden. Wo seine Augen hätten sitzen sollen, klafften leere Höhlen – wie bei Ares, nur waren Charons einfach schwarz, erfüllt von Nacht und Tod und Verzweiflung.

Er bemerkte meinen Blick und sagte: »Is’ was?«

»Nichts«, brachte ich heraus.

Ich dachte zuerst, er grinst, aber das tat er nicht. Das Fleisch in seinem Gesicht wurde durchsichtig und ich konnte seine Schädelknochen sehen.

Der Boden schwankte noch immer.

Grover sagte: »Ich glaube, ich werde seekrank.«

Als ich meine Augen das nächste Mal aufmachte, war der Fahrstuhl kein Fahrstuhl mehr. Wir standen in einem hölzernen Kahn. Charon setzte uns mit einer langen Stange über einen düsteren, öligen Fluss, in dem Knochen, tote Fische und allerlei seltsame Gegenstände schwammen – Plastikpuppen, zerdrückte Nelken, triefnasse Diplome mit Goldrand.

»Der Fluss Styx«, murmelte Annabeth. »Der ist ganz schön …«

»Verdreckt«, sagte Charon. »Seit Tausenden von Jahren schmeißt ihr Menschen nun schon alles rein, was ihr gerade zur Hand habt – Hoffnungen, Träume, Wünsche, die sich nie erfüllt haben. Unverantwortliche Müllverwertung, wenn ihr mich fragt.«

Nebel stieg aus dem verdreckten Wasser auf. Über uns in der Dunkelheit hingen Stalaktiten. Das in der Ferne vor uns gelegene Ufer schimmerte in einem grünlichen Licht, in der Farbe von Gift.

Vor Panik war meine Kehle wie zugeschnürt. Was machte ich hier? Diese Leute hier um mich herum … die waren tot!

Annabeth griff nach meiner Hand. Unter normalen Umständen wäre mir das peinlich gewesen, aber ich wusste, wie ihr zu Mute war. Sie brauchte die Sicherheit, dass außer ihr auf diesem Boot noch jemand am Leben war.

Ich ertappte mich dabei, dass ich ein Gebet murmelte, auch wenn ich nicht recht wusste, zu wem ich betete. Hier unten war nur ein Gott wichtig und zu diesem einen war ich unterwegs.

Jetzt sahen wir die Küste der Unterwelt deutlicher. Gezackte Felsen und schwarzer vulkanischer Sand zogen sich an die hundert Meter bis zu einer hohen Mauer, die sich, so weit das Auge reichte, in beide Richtungen ausbreitete, ins Land hinein. Irgendwo in unserer Nähe erklang ein Geräusch in der grünlichen Finsternis und hallte von den Felsen wider – das Geheul eines großen Tieres.

»Das alte Dreigesicht hat Hunger«, sagte Charon. Sein Lächeln sah in dem grünlichen Licht aus wie das eines Skeletts. »Pech für euch, Götterkinder.«

Der Boden unseres Bootes streifte über den schwarzen Sand. Die Toten begannen mit dem Ausstieg. Eine Frau hielt ein kleines Mädchen an der Hand. Ein alter Mann und eine alte Frau humpelten Arm in Arm davon. Ein Junge, der kaum älter war als ich, schlurfte in seiner grauen Kutte schweigend weiter.

Charon sagte: »Ich wünsch dir Glück, Kumpel, aber so was gibt’s hier unten nicht. Und vergiss nicht, meine Lohnerhöhung zu erwähnen.«

Er zählte unsere goldenen Münzen und steckte sie in seinen Geldbeutel, dann griff er nach seiner Stange. Er trällerte etwas, das sich anhörte wie ein Stück von Barry Manilow, als er den leeren Kahn über den Fluss zurückstakte.

Wir folgten den Geistern einen ausgetretenen Pfad entlang.

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte – Perlentore oder ein großes schwarzes Fallgitter oder so was. Aber der Eingang zur Unterwelt sah aus wie eine Mischung aus der Sicherheitskontrolle auf einem Flughafen und dem Jersey Turnpike, der Straße, die quer durch den Staat New Jersey führt.

Es gab drei verschiedene Eingänge unter einem riesigen schwarzen Bogen mit der Aufschrift HIERMIT BETRETEN SIE EREBOS. In jedem Eingang gab es einen Metalldetektor und Sicherheitskameras. Dahinter standen Zollhäuschen, die mit Geistern in schwarzen Gewändern wie Charons besetzt waren.

Das Geheul des hungrigen Tieres war jetzt richtig laut, aber ich konnte nicht feststellen, woher es kam. Der dreiköpfige Hund, Zerberus, der Hades’ Tor hütete, ließ sich nicht sehen.

Die Toten stellten sich vor den drei Eingängen auf; über zwei Türen hing ein Schild mit der Aufschrift SCHALTER BESETZT, über der dritten stand DIREKTER TOD. Die Schlange vor diesem Durchgang bewegte sich rasch vorwärts, bei den anderen ging es im Schneckentempo weiter.

»Was meinst du?«, fragte ich Annabeth.

»Die rasche Schlange geht sicher direkt in den Asphodeliengrund«, sagte sie. »Keine Prüfung. Sie wollen kein Gerichtsurteil riskieren, weil es zu ihrem Nachteil ausfallen könnte.«

»Es gibt ein Gericht für Tote?«

»Ja. Drei Richter. Die arbeiten im Rotationsverfahren. König Minos, Thomas Jefferson, Shakespeare – solche Leute. Manchmal sehen sie sich ein Leben an und beschließen, dass dieser Mensch eine besondere Belohnung verdient hat – die Elysischen Felder. Manchmal legen sie eine Bestrafung fest. Aber die meisten Menschen, na ja, die haben einfach nur gelebt. Da gibt’s nichts Besonderes, weder Gutes noch Böses. Und deshalb landen sie im Asphodeliengrund.«

»Und was machen sie da?«

Grover sagte: »Stell dir vor, du stehst in Kansas in einem Kornfeld. Für immer.«

»Bitter«, sagte ich.

»Nicht so bitter wie das da«, murmelte Grover. »Sieh dir das an.«

Einige schwarz gewandete Gestalten hatten einen Geist aus der Schlange gefischt und durchsuchten ihn jetzt am Sicherheitsschalter. Das Gesicht des Toten kam mir irgendwie bekannt vor.

»Das ist der Prediger, der neulich in den Nachrichten war, weißt du noch?«, fragte Grover.

»O ja.« Jetzt konnte ich mich an ihn erinnern. Wir hatten ihn im Schlafsaal der Yancy Academy einige Male im Fernsehen gesehen. Er war ein nerviger Fernsehprediger aus New York, der Millionen von Dollars für Waisenhäuser gesammelt hatte und dann dabei erwischt worden war, dass er sich für dieses Geld einen Landsitz eingerichtet hatte, mit goldenen Toilettensitzen und einer Hallengolfanlage. Er war bei der Verfolgung durch die Polizei ums Leben gekommen, als sein »Lamborghini für den Herrn« von einem Felsen gestürzt war.

Ich fragte: »Und was machen sie mit ihm?«

»Sonderstrafe von Hades«, tippte Grover. »Die wirklich schlechten Menschen nimmt er sich persönlich vor, sowie sie hier eintreffen. Die Fu… die Wohlgesinnten werden sich eine ewige Folter für ihn ausdenken.«

Bei der Erwähnung der Furien bekam ich eine Gänsehaut. Mir ging auf, dass ich mich jetzt auf ihrem Territorium aufhielt. Die alte Mrs Dodds leckte sich sicher schon erwartungsvoll die Lippen.

»Aber wenn er ein Prediger ist«, sagte ich. »Und wenn er an eine andere Hölle glaubt …«

Grover zuckte mit den Schultern. »Wir wissen doch nicht, ob er alles hier so sieht, wie wir es sehen. Menschen sehen, was sie sehen wollen. Ihr seid überaus stur in dieser Hinsicht – ich meine, hartnäckig.«

Wir näherten uns den Toren. Das Geheul des Hundes war jetzt so laut, dass es den Boden unter meinen Füßen beben ließ, aber ich konnte immer noch nicht feststellen, woher es kam.

Dann, ungefähr fünfzig Meter von uns entfernt, leuchtete der grüne Nebel auf. Und genau an der Stelle, wo der Weg sich dreiteilte, stand ein riesiges schattenhaftes Ungeheuer.

Ich hatte es bisher nicht gesehen, weil es ziemlich durchscheinend war, wie die Toten. Solange es sich nicht bewegte, verschmolz es mit seinem Hintergrund. Nur seine Augen und Zähne machten einen handfesten Eindruck. Und jetzt starrte es mir ins Gesicht.

Mir klappte das Kinn herunter. Ich brachte nur einen Satz heraus: »Das ist ja ein Rottweiler.«

Ich hatte mir Zerberus immer als großen schwarzen Mastiff vorgestellt. Aber er war offenbar ein reinrassiger Rottweiler, abgesehen natürlich davon, dass er ungefähr doppelt so groß war wie ein zottiges Mammut, dass er mehr oder weniger unsichtbar war und dass er drei Köpfe hatte.