Grover Underwood – Hüter
Half-Blood Hill
Long Island, New York
(800)009–0009
»Was ist Half…«
»Sag das nicht laut«, keuchte er. »Das ist meine … ähem, Sommeradresse.«
Mein Herz wurde schwer. Grover hatte ein Sommerhaus. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass er so reich wie die anderen in Yancy sein könnte.
»Na gut«, sagte ich düster. »Falls ich, also falls ich dein Landhaus besuchen will.«
Er nickte. »Oder … oder wenn du mich brauchst.«
»Warum sollte ich dich brauchen?«
Das klang gröber, als es gemeint gewesen war.
Grover errötete bis hinunter zu seinem Adamsapfel. »Hör mal, Percy, Tatsache ist, ich … ich muss dich sozusagen beschützen.«
Ich starrte ihn an.
Das ganze Schuljahr hindurch war ich in Schlägereien verwickelt gewesen, um ihn vor Schikanen zu retten. Ich hatte nicht schlafen können vor Angst, dass er nächstes Jahr ohne mich zusammengeschlagen werden könnte. Aber er führte sich auf, als wäre er derjenige, der mich verteidigte.
»Grover«, sagte ich. »Und wovor genau beschützt du mich?«
Unter unseren Füßen hörten wir ein lautes, bohrendes Geräusch. Schwarzer Rauch quoll aus dem Armaturenbrett und im ganzen Bus stank es wie faule Eier. Der Fahrer fluchte und fuhr den schlingernden Bus auf den Seitenstreifen des Highways.
Nachdem er sich einige Minuten lang mit Klappern und Klirren am Motor zu schaffen gemacht hatte, verkündete der Fahrer, dass wir aussteigen müssten. Grover und ich kletterten mit allen anderen Fahrgästen nach draußen.
Wir befanden uns irgendwo auf offener Strecke – es war keine Gegend, die man sich merken würde, wenn man dort nicht eine Panne hatte. Auf unserer Straßenseite gab es nur Ahornbäume und Abfall, der aus vorüberfahrenden Autos geworfen worden war. Auf der anderen Seite, hinter vier in der Nachmittagshitze flirrenden Fahrspuren, stand eine altmodische Obstbude.
Das Obst, das da verkauft wurde, sah richtig gut aus: überquellende Kisten mit blutroten Kirschen und Äpfeln, Walnüssen und Aprikosen und Apfelweinflaschen in einem mit Eis gefüllten Holzbottich. Es gab keine Kundschaft, es gab nur drei alte Damen, die in Schaukelstühlen im Schatten der Ahornbäume saßen und das größte Paar Socken strickten, das ich je gesehen hatte.
Also, es waren Socken, groß wie Pullover, aber es waren einwandfrei Socken. Die Frau rechts strickte die eine Socke. Die Frau links strickte die andere. Die Frau in der Mitte hatte einen riesigen Korb voll elektrisch-blauem Garn auf dem Schoß.
Alle drei sahen uralt aus, sie hatten bleiche, verschrumpelte Gesichter, silberne, mit schwarzen Kopftüchern nach hinten gebundene Haare und knochige Arme, die aus verschossenen Baumwollkleidern ragten.
Das Seltsamste war, dass sie mich alle anzuschauen schienen.
Ich blickte zu Grover hinüber, um eine Bemerkung darüber zu machen, und sah, dass sein Gesicht leichenblass geworden war. Seine Nase zuckte.
»Grover?«, fragte ich. »He, Mann.«
»Sag mir, dass sie dich nicht ansehen. Aber das tun sie. Oder?«
»Ja. Komisch, was? Glaubst du, die Socken würden mir passen?«
»Das ist nicht witzig, Percy. Das ist überhaupt nicht witzig.«
Die alte Dame in der Mitte zog eine riesige Schere hervor – golden und silbern und lang wie eine Schafschere. Ich hörte, wie Grover den Atem anhielt.
»Wir steigen wieder in den Bus«, sagte er zu mir. »Los.«
»Was?«, fragte ich. »Da drinnen sind tausend Grad.«
»Komm schon.« Er öffnete die Tür und stieg ein, ich blieb jedoch stehen.
Die alten Damen starrten mich noch immer von der anderen Straßenseite her an. Die in der Mitte zerschnitt den Faden und ich hätte schwören können, dass ich das über die vier Fahrspuren hinweg gehört hatte. Ihre beiden Freundinnen rollten die elektrisch-blauen Socken auf und ich fragte mich, für wen die wohl bestimmt sein könnten, für Sasquatch oder Godzilla.
Hinten am Bus riss der Fahrer ein riesiges rauchendes Metallteil aus dem Motor. Der Bus bebte und der Motor erwachte brüllend zum Leben.
Die Fahrgäste jubelten.
»Ja, verdammt«, schrie der Fahrer. Er schlug mit seinem Hut gegen den Bus. »Und jetzt alle wieder an Bord!«
Als wir wieder losfuhren, hatte ich das Gefühl, Fieber zu haben, wie bei einer Grippe.
Grover sah nicht viel besser aus. Er zitterte und seine Zähne klapperten.
»Grover?«
»Ja.«
»Was verheimlichst du mir?«
Er fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn. »Percy, was hast du da vorhin an der Obstbude gesehen?«
»Du meinst die alten Damen? Was ist denn mit denen, Mann? Die sind nicht wie … Mrs Dodds, oder?«
Seine Miene war schwer zu deuten, aber ich hatte den Eindruck, dass diese Obstverkäuferinnen etwas viel, viel Schlimmeres waren als Mrs Dodds. Er sagte: »Erzähl mir einfach, was du gesehen hast.«
»Die in der Mitte hat eine Schere hervorgezogen und das Garn durchgeschnitten.«
Er schloss die Augen und bewegte seine Finger, wie um sich zu bekreuzigen, aber es war kein Kreuzzeichen. Es war etwas anderes, etwas noch Älteres.
Er sagte: »Du hast gesehen, wie sie den Faden durchtrennt hat.«
»Ja. Na und?« Aber noch während ich es sagte, wusste ich, dass es sehr wichtig gewesen war.
»Das kann einfach nicht sein«, murmelte Grover. Er fing an, an seinem Daumen zu nagen. »Ich will nicht, dass es wieder so kommt wie beim letzten Mal.«
»Wie beim letzten Mal?«
»Immer in der 6. Klasse. Darüber kommen sie nie hinaus.«
»Grover«, sagte ich, denn jetzt machte er mir wirklich Angst. »Wovon redest du?«
»Lass mich dich vom Busbahnhof nach Hause bringen. Versprich mir das.«
Die Bitte kam mir seltsam vor, aber ich sagte zu.
»Ist das so eine Art Aberglaube?«, fragte ich.
Keine Antwort.
»Grover – das Fadendurchtrennen. Bedeutet das, dass jemand sterben muss?«
Er starrte mich verzweifelt an, als überlegte er sich schon, welche Blumen ich am liebsten auf meinem Sarg hätte.
Grover verliert überraschend seine Hose
Und jetzt die Beichte: Ich ließ Grover sitzen, sowie wir den Busbahnhof erreicht hatten.
Ich weiß, ich weiß. Das war gemein. Aber Grover machte mich einfach fertig. Er starrte mich an wie einen Toten, murmelte: »Warum passiert das immer wieder?«, und: »Warum muss es immer in der 6. Klasse sein?«
Und wann immer er sich aufregte, drehte Grovers Blase durch, deshalb war ich gar nicht überrascht, als er mich, kaum waren wir aus dem Bus gestiegen, bat, auf ihn zu warten, und dann zu den Toiletten wetzte. Aber statt zu warten, holte ich meinen Koffer, lief nach draußen und setzte mich ins erstbeste Taxi.
»Ecke East One Hundred and Fourth und York«, sagte ich dem Fahrer.
Kurz etwas über meine Mutter, ehe ihr sie kennenlernt.
Sie heißt Sally Jackson, und sie ist der beste Mensch auf der Welt, was meine Theorie bestätigt, dass die besten Menschen das größte Pech haben. Ihre Eltern sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, als sie fünf war, und sie wurde von einem Onkel großgezogen, der sich kaum um sie kümmerte. Sie wollte Schriftstellerin werden und deshalb sparte sie die ganze High-School-Zeit hindurch, um dann ein College mit gutem Unterricht für Kreatives Schreiben besuchen zu können. Dann bekam ihr Onkel Krebs und sie musste im letzten Jahr von der Schule abgehen, um ihn zu pflegen. Nach seinem Tod saß sie da, ohne Geld, ohne Familie und ohne Schulabschluss.
Das einzig Gute, was ihr je passiert ist, war, dass sie meinen Vater kennengelernt hat.
Ich kann mich nicht an ihn erinnern, ich weiß nur, dass da so ein warmes Glühen war, vielleicht eine Spur seines Lächelns. Meine Mom spricht nicht gern über ihn, das macht sie traurig. Fotos von ihm hat sie nicht.
Ihr müsst wissen, dass sie nicht verheiratet waren. Sie hat mir erzählt, dass er reich und wichtig war und dass sie ihre Beziehung deshalb geheim halten mussten. Dann ging er eines Tages auf irgendeine dringende Reise über den Atlantik und kam nie zurück.