Und jetzt stellt euch ein Feld vor, das eine Million Mal so groß ist und auf dem Menschen dicht an dicht stehen, und dann stellt euch vor, dass der Strom ausfällt, dass es kein Geräusch gibt, kein Feuerzeug, keinen Gummiball, der über der Menge herumhüpft. Hinter der Bühne ist irgendetwas Schreckliches passiert. Flüsternde Menschenmassen stehen im Dunkeln herum und warten auf ein Konzert, das niemals beginnen wird.
Wenn ihr euch das vorstellen könnt, dann habt ihr schon mal einen ziemlich guten Eindruck vom Asphodeliengrund. Das schwarze Gras war über Äonen platt getrampelt worden. Ein warmer, feuchter Wind wehte, wie über einem Sumpfgelände. In kleinen Gruppen wuchsen hier und da schwarze Bäume – Grover sagte, es handele sich um Pappeln.
Die Decke der Höhle war so hoch über uns, dass wir sie für zusammengeballte Sturmwolken hätten halten können, wenn da nicht die Stalaktiten gewesen wären, die in dumpfem Grau leuchteten und gefährlich spitz aussahen. Ich versuchte nicht daran zu denken, dass sie uns jeden Moment auf den Kopf fallen könnten, aber es lagen überall Stalaktiten, die heruntergefallen waren und sich in das schwarze Gras gebohrt hatten. Ich ging davon aus, dass es den Toten im Grunde egal sein konnte, ob sie auch noch von Stalaktiten in der Größe von Abwehrraketen zerschmettert wurden.
Annabeth, Grover und ich versuchten mit der Menge zu verschmelzen und hielten dabei Ausschau nach den Sicherheitsmonstern. Ich musste einfach unter den Geistern von Asphodel nach bekannten Gesichtern suchen, aber es ist schwer, die Toten anzusehen. Ihre Gesichter schimmern. Alle wirken wütend oder verwirrt. Sie kommen auf einen zu und reden, aber ihre Stimmen klingen wie wirres Geplapper, wie das Zwitschern von Fledermäusen. Wenn sie dann begriffen haben, dass man sie nicht verstehen kann, runzeln sie die Stirn und wenden sich ab.
Die Toten sind nicht unheimlich. Sie sind einfach nur traurig.
Wir kamen langsam voran und folgten der Schlange der Neuankömmlinge, die sich vom Haupteingang zu einem schwarzen zeltähnlichen Pavillon hinzog, vor dem ein Transparent verkündete:
URTEILE FÜR ELYSIUM UND EWIGE VERDAMMNIS
Willkommen, frisch Verstorbene!
Zwei viel kürzere Schlangen verließen den Pavillon auf seiner Rückseite.
Auf der linken Seite wurden die Geister von Sicherheitsmonstern einen felsigen Pfad hinunter zu den Feldern der Bestrafung getrieben, die in der Ferne glühten und rauchten; es war eine riesige, zerklüftete Wüste mit Flüssen aus Lava und Minenfeldern und Kilometern von Stacheldraht, der die unterschiedlichen Folterbereiche voneinander trennte. Noch aus der Ferne konnte ich erkennen, wie Leute von Höllenhunden gejagt, auf Scheiterhaufen verbrannt, nackt durch Kaktuspflanzungen getrieben oder dazu gezwungen wurden, sich Opern anzuhören. Ich konnte sogar einen winzigen Hügel erkennen, vor dem ein ameisengroßer Sisyphos sich damit abmühte, seinen Felsblock nach oben zu rollen. Und ich sah noch schlimmere Foltern – Dinge, die ich einfach nicht beschreiben will.
Die Leute, die aus dem rechten Ausgang des Gerichtspavillons kamen, waren viel besser dran. Sie wurden zu einem kleinen, ummauerten Tal geführt – einem umzäunten Wohnbereich, bei dem es sich um den einzigen glücklichen Teil der Unterwelt zu handeln schien. Hinter dem Sicherheitstor lagen Wohnviertel mit wunderschönen Häusern aus jeder geschichtlichen Periode, römische Villen, mittelalterliche Burgen und viktorianische Herrensitze. Silberne und goldene Blumen blühten auf den Rasenflächen. Das Gras wogte in allen Farben des Regenbogens. Ich konnte Gelächter hören und Barbecues riechen.
Das Elysium.
In der Mitte des Tales funkelte ein blauer See mit drei kleinen Inseln, die aussahen wie Ferienorte auf den Bahamas. Die Inseln der Seligen, reserviert für diejenigen, die sich für eine dreimalige Wiedergeburt entschieden und es jedes Mal ins Elysium geschafft hatten. Sofort wusste ich, wohin ich nach meinem Tod gelangen wollte.
»Darum geht es doch überhaupt nur«, sagte Annabeth, die meine Gedanken gelesen zu haben schien. »Das ist der richtige Aufenthaltsort für Heldinnen oder Helden.«
Aber ich dachte daran, wie wenige Menschen es im Elysium gab, wie winzig es im Vergleich zu dem Asphodeliengrund oder der Strafabteilung war. So wenige Menschen taten Gutes in ihrem Leben. Es war deprimierend.
Wir verließen den Gerichtspavillon und gingen weiter in den Asphodeliengrund hinein. Es wurde dunkler. Die Farben unserer Kleidung verblassten. Die Gruppen wispernder Geister wurden kleiner.
Nach einigen Kilometern hörten wir in der Ferne ein vertrautes Kreischen. Am Horizont ragte ein Palast aus funkelndem schwarzem Obsidian auf. Über der Brüstung kreisten drei dunkle fledermausartige Figuren: die Furien. Ich hatte das Gefühl, dass sie auf uns warteten.
»Ich nehme an, es ist zu spät zum Umkehren«, sagte Grover sehnsüchtig.
»Wir schaffen das schon.« Ich versuchte, mich zuversichtlich anzuhören.
»Vielleicht sollten wir uns erst woanders umsehen«, schlug Grover vor. »Zum Beispiel im Elysium …«
»Komm schon, Ziegenknabe.« Annabeth packte ihn am Arm.
Grover jammerte. Seine Turnschuhe bekamen Flügel und seine Beine schossen vorwärts und zogen ihn von Annabeth weg. Schließlich fiel er rücklings ins Gras.
»Grover«, tadelte Annabeth. »Jux hier nicht rum.«
»Aber ich hab doch gar nicht …«
Er schrie auf. Seine Schuhe flatterten jetzt wie verrückt. Sie hoben vom Boden ab und zogen ihn von uns fort.
»Maia«, schrie er, aber dieses Zauberwort schien hier keine Wirkung zu haben. »Maia noch mal! 110! Hilfe!«
Ich überwand meine Verblüffung und wollte Grovers Hand packen, kam aber zu spät. Er wurde immer schneller und rutschte den Hang hinunter wie ein Schlitten.
Wir rannten hinterher.
Annabeth brüllte: »Zieh dir die Schuhe aus!«
Das war eine gute Idee, aber vermutlich nicht ganz leicht, wenn die Schuhe einen im Affenzahn mit den Füßen nach vorn durch die Luft jagen lassen. Grover versuchte sich aufzusetzen, kam aber nicht an die Schnürsenkel heran.
Wir rannten weiter hinter ihm her und versuchten, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, während er im Zickzack durch die Beine der Geister flog, die ihm aufgebracht nachzischelten.
Ich war sicher, dass Grover durch die Tore in Hades’ Palast hineinbrettern würde, aber plötzlich bogen seine Schuhe scharf nach rechts ab und zogen ihn in die Gegenrichtung.
Der Hang wurde steiler. Grover wurde schneller. Annabeth und ich mussten ziemlich die Beine in die Hand nehmen, um mit ihm Schritt zu halten. Die Wände der Höhle kamen auf beiden Seiten näher und mir ging auf, dass wir eine Art Tunnel erreicht hatten. Kein schwarzes Gras und keine Bäume waren mehr zu sehen, es gab nur Felsboden unter uns und den trüben Schimmer der Stalaktiten über uns.
»Grover!«, schrie ich und meine Stimme hallte wider. »Halt dich irgendwo fest!«
»Was?«, schrie er zurück.
Er kratzte über die Steine, aber nichts war groß genug, um ihn aufzuhalten.
Der Tunnel wurde dunkler und kälter. Die Haare auf meinen Armen sträubten sich. Hier unten stank es entsetzlich. Ich musste dabei an Dinge denken, von denen ich eigentlich keine Ahnung haben dürfte – an Blut, das auf einem uralten Steinaltar vergossen wurde, an den stinkenden Atem eines Mörders.
Dann sah ich, was vor uns lag, und fuhr zurück.
Der Tunnel weitete sich zu einer neuen, riesigen Höhle, in deren Mitte ein Abgrund von der Größe eines Wohnblocks klaffte.
Und Grover hielt auf den Abgrund zu.
»Los, Percy«, schrie Annabeth und zerrte an meinem Handgelenk.
»Aber das ist …«
»Ich weiß«, brüllte sie. »Das hast du in deinem Traum gesehen. Aber Grover wird hineinstürzen, wenn wir ihn nicht erwischen.« Sie hatte natürlich Recht. Grovers Notlage setzte mich wieder in Bewegung.
Er schrie, kratzte über den Boden, aber die geflügelten Schuhe zogen ihn auf den Abgrund zu, und es kam uns unmöglich vor, ihn noch rechtzeitig zu erreichen.