»Es ist wirklich mutig von dir herzukommen, Sohn des Poseidon«, sagte er mit salbungsvoller Stimme. »Nach allem, was du mir angetan hast, ist das sogar sehr, sehr tapfer. Aber vielleicht bist du ja auch nur sehr töricht.«
Meine Glieder fühlten sich taub an und ich hätte mich gern hingelegt, um zu Hades’ Füßen ein Nickerchen zu machen. Mich hier zusammengerollt, um für immer zu schlafen.
Ich kämpfte gegen dieses Gefühl an und trat vor. Ich wusste, was ich sagen musste: »Mein Herr und Onkel, ich komme mit zwei Bitten.«
Hades hob eine Augenbraue. Als er sich auf seinem Thron vorbeugte, tauchten in den Falten seines schwarzen Gewandes schattenhafte Gesichter auf, gequälte Gesichter, als sei das Gewand mit gefangenen Seelen von den Feldern der Bestrafung bestickt, die nach einem Fluchtweg suchten. Der ADHD-Teil in mir fragte sich so ganz nebenbei, ob seine restliche Kleidung wohl auch so aussah. Welche entsetzlichen Taten musste man in seinem Leben wohl begehen, um in die Unterwäsche von Hades eingewebt zu werden?
»Nur zwei Bitten?«, fragte Hades. »Arrogantes Kind. Als ob du nicht schon genug genommen hättest. Aber sprich nur. Es amüsiert mich, dich nicht sofort totzuschlagen.«
Ich schluckte. Die Sache lief ungefähr so glatt, wie ich das befürchtet hatte.
Ich warf einen Blick auf den leeren, kleineren Thron neben dem des Hades. Er war geformt wie eine schwarze Blume und mit Gold überzogen. Ich wünschte, Königin Persephone wäre da gewesen. Ich wusste aus den Sagen noch vage, dass sie die Launen ihres Gatten besänftigen konnte. Aber es war Sommer. Und Persephone weilte jetzt natürlich oben in der Welt des Lichtes bei ihrer Mutter, der Erdgöttin Demeter. Ihre Besuche ließen die Jahreszeiten entstehen, nicht die Drehungen der Erde.
Annabeth räusperte sich. Ihre Finger bohrten sich in meinen Rücken.
»Hoher Herr Hades«, sagte ich. »Seht mal, Sir, unter den Göttern darf es keinen Krieg geben. Das wäre … nicht gut.«
»Überhaupt nicht gut«, fügte Grover hilfsbereit hinzu.
»Gebt mir den Herrscherblitz des Zeus zurück«, sagte ich. »Bitte, Sir. Lasst ihn mich zum Olymp bringen.«
Hades’ Augen wurden gefährlich hell. »Du wagst es, diese Lüge aufrechtzuerhalten, nach allem, was du getan hast?«
Ich schaute mich zu meinen Freunden um. Sie wirkten ebenso verwirrt wie ich.
»Äh, Herr Onkel«, sagte ich. »Ihr redet immer wieder von dem, ›was ich getan habe‹. Aber was habe ich denn nun eigentlich getan?«
Der Thronsaal bebte dermaßen, dass es vermutlich noch oben in Los Angeles zu spüren war. Splitter fielen von der Höhlendecke. Überall an den Wänden sprangen Türen auf und Kriegerskelette marschierten herein, Hunderte von ihnen, aus allen Zeiten und Nationen der abendländischen Zivilisation. Sie stellten sich an den Wänden des Saales auf und versperrten die Ausgänge.
Hades brüllte: »Glaubst du vielleicht, ich will einen Krieg, Göttersohn?«
Ich hätte gern gesagt: Na ja, diese Typen sehen nicht gerade aus wie Friedensaktivisten. Aber ich dachte, diese Bemerkung würde sicher nicht auf fruchtbaren Boden fallen.
»Ihr seid der Herr des Todes«, sagte ich vorsichtig. »Ein Krieg würde Euer Königreich doch vergrößern, nicht wahr?«
»Typisch für meine Brüder, so was zu sagen. Meinst du vielleicht, ich brauche noch mehr Untertanen? Hast du das Gewühl draußen im Asphodeliengrund gesehen?«
»Na ja …«
»Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, wie sehr mein Königreich allein im vergangenen Jahrhundert gewachsen ist, wie viele Unterabteilungen ich eröffnen musste?«
Ich machte den Mund auf, um zu antworten, aber Hades hatte sich jetzt in Rage geredet.
»Noch mehr Wachmonster«, stöhnte er. »Verkehrsprobleme am Gerichtspavillon. Doppelte Überstunden für die Angestellten. Früher einmal war ich ein reicher Gott, Percy Jackson. Ich kontrolliere alles Edelmetall unter der Erdoberfläche. Aber was das kostet!«
»Charon wünscht sich eine Lohnerhöhung«, rutschte es mir heraus, es war mir eben gerade eingefallen. Aber kaum hatte ich es gesagt, da hätte ich mir die Zunge abbeißen können.
»Komm mir hier bloß nicht mit Charon«, schrie Hades. »Der ist einfach unmöglich, seit er italienische Anzüge entdeckt hat. Nichts als Probleme und um alles muss ich mich selber kümmern. Allein die Zeit, die ich brauche, um vom Palast zu den Toren zu kommen, treibt mich in den Wahnsinn. Und es kommen einfach immer neue Tote. Nein, Götterspross. Ich brauche wahrlich keine neuen Untertanen. Ich habe nicht um diesen Krieg gebeten.«
»Aber Ihr habt den Herrscherblitz des Zeus gestohlen!«
»Gelogen!« Noch mehr Beben. Hades erhob sich von seinem Thron und ragte auf wie ein Torpfosten beim Football. »Dein Vater kann vielleicht Zeus an der Nase herumführen, Knabe, aber ich bin nicht so blöd. Ich durchschaue seinen Plan.«
»Seinen Plan?«
»Du warst der Dieb zur Wintersonnenwende«, sagte er. »Dein Vater wollte dich als sein kleines Geheimnis behalten. Er hat dich in den Thronsaal auf dem Olymp geschleust. Du hast den Herrscherblitz und meinen Helm gestohlen. Wenn ich nicht meine Furie geschickt hätte, um dich an der Yancy Academy ausfindig zu machen, dann hätte Poseidon es vielleicht geschafft, seinen Plan geheim zu halten und einen Krieg vom Zaun zu brechen. Aber jetzt bist du aufgeflogen. Du wirst als Dieb in Poseidons Diensten entlarvt werden und ich bekomme meinen Helm zurück.«
»Aber …«, sagte Annabeth. Ich spürte, wie ihre Gedanken sich in wildem Wirbel überschlugen. »Hoher Herr Hades, ist denn auch Euer Helm der Finsternis verschwunden?«
»Spiel hier nicht das Unschuldslamm, Mädel. Du und der Satyr, ihr habt diesem Helden geholfen – ihr seid zweifellos hergekommen, um mich im Namen von Poseidon zu bedrohen, um mir ein Ultimatum zu stellen. Meint Poseidon wirklich, mich durch Erpressung auf seine Seite bringen zu können?«
»Nein!«, sagte ich. »Poseidon hat nicht … ich hab nicht …«
»Ich habe nichts über das Verschwinden des Helms verlauten lassen«, fauchte Hades, »weil ich mir nicht eingebildet habe, dass ich von irgendwem auf dem Olymp auch nur einen Hauch von Gerechtigkeit, eine Spur von Hilfe erwarten könnte. Und ich kann es mir nicht leisten, dass sich herumspricht, dass meine mächtigste Waffe der Angst verschwunden ist. Also habe ich mich selbst auf die Suche nach dir gemacht, und als klar war, dass du herkommen würdest, um mich zu bedrohen, habe ich nichts unternommen, um dich davon abzuhalten.«
»Ihr habt nicht versucht, uns davon abzuhalten? Aber …«
»Gib jetzt meinen Helm her oder ich werde den Tod aufheben«, drohte Hades. »Das ist mein Gegenvorschlag. Ich werde die Erde öffnen und die Toten zurück in die Welt strömen lassen. Ich werde eure Länder in Albträume verwandeln. Und du, Percy Jackson – dein Skelett wird meine Armee aus dem Hades führen.«
Die Skelettsoldaten traten einen Schritt vor und präsentierten ihre Waffen.
Jetzt hätte ich vor Angst wirklich außer mir sein müssen. Seltsamerweise aber war ich beleidigt. Nichts ärgert mich mehr, als wenn mir Dinge vorgeworfen werden, die ich nicht getan habe. Und damit kannte ich mich wirklich aus.
»Ihr seid genauso schlimm wie Zeus«, sagte ich. »Glaubt Ihr wirklich, ich hätte Euch bestohlen? Und habt Ihr mir deshalb die Furien auf den Hals gehetzt?«
»Natürlich«, sagte Hades.
»Und die übrigen Ungeheuer?«
Hades verzog die Lippen. »Mit denen hatte ich nichts zu tun. Ich hatte keinen raschen Tod für dich vorgesehen – ich wollte dich lebend hier haben und dir jede Folter auf den Feldern der Bestrafung demonstrieren. Was glaubst du wohl, warum du so leicht in mein Königreich gelangt bist?«
»Das soll leicht gewesen sein?«
»Gib mir mein Eigentum zurück.«
»Aber ich habe Euren Helm nicht. Ich bin gekommen, um den Herrscherblitz zu holen.«