Wir explodierten an der Wasseroberfläche, mitten in der Los Angeles Bay, und warfen einen Surfer von seinem Brett. »Idiot!«, schrie er wütend.
Ich packte Grover und zerrte ihn zu einer Rettungsboje. Ich bekam Annabeth zu fassen und zog sie ebenfalls zu uns. Ein neugieriger Hai umkreiste uns, ein großer weißer, der über drei Meter lang war.
Ich sagte: »Zieh Leine.«
Der Hai drehte ab und verschwand.
Der Surfer schrie etwas von verdorbenen Pilzen und paddelte, so schnell er konnte, davon.
Aus irgendeinem Grund wusste ich, wie spät es war: Es war der frühe Morgen des 21. Juni, der Tag der Sommersonnenwende.
In der Ferne brannte Los Angeles, überall in der Stadt stiegen Rauchsäulen auf. Die ganze Nacht hatte die Erde gebebt und daran war Hades schuld. Vermutlich schickte er jetzt gerade seine Totenarmee hinter mir her.
Aber im Augenblick war nicht die Unterwelt mein größtes Problem.
Ich musste ans Ufer gelangen. Ich musste Zeus’ Blitzstrahl zurück auf den Olymp bringen. Und vor allem musste ich ein ernstes Gespräch mit dem Gott führen, der mich in die Falle gelockt hatte.
Ich kämpfe gegen die durchgedrehte Verwandtschaft
Ein Boot der Küstenwache fischte uns auf, aber sie hatten zu viel zu tun, um uns lange festzuhalten oder sich darüber zu wundern, wie drei Jugendliche in Straßenkleidung in die Bucht geraten waren. Sie mussten sich um eine Katastrophe kümmern. Ihre Funkgeräte quollen über von Notrufen.
Sie setzten uns am Pier von Santa Monica ab, legten uns Handtücher um die Schultern und gaben uns Wasserflaschen mit der Aufschrift NACHWUCHS FÜR DIE KÜSTENWACHE, dann jagten sie davon, um weitere Überlebende zu retten.
Unsere Kleidung triefte vor Nässe, sogar meine. Als das Boot der Küstenwache aufgetaucht war, hatte ich in Gedanken gebetet, dass sie mich nicht in strohtrockenem Zustand aus dem Wasser fischen sollten, denn das hätte doch zu einigem Stirnrunzeln geführt. Also hatte ich meinen ganzen Willen darauf gerichtet, nass zu werden. Und mein üblicher Wasser abwehrender Zauber hatte mich tatsächlich verlassen. Außerdem war ich barfuß, weil ich meine Schuhe Grover gegeben hatte. Sollte die Küstenwache sich lieber darüber wundern, dass einer von uns barfuß war, als dass einer von uns Hufe hatte.
Nachdem wir das trockene Land erreicht hatten, stolperten wir über den Strand und sahen zu, wie die Stadt vor einem wunderschönen Sonnenaufgang weiter brannte. Ich hatte das Gefühl, soeben von den Toten zurückgekehrt zu sein – und das war ich ja auch. Mein Rucksack, in dem der Herrscherblitz des Zeus lag, war noch immer schwer. Aber mein Herz war noch schwerer, weil ich meine Mutter gesehen hatte.
»Ich glaub es nicht«, sagte Annabeth. »Wir sind den ganzen Weg gegangen …«
»Das war ein Trick«, sagte ich. »Eine Strategie, wie sie nur eine Athene ersinnen kann.«
»Vorsicht«, warnte sie.
»Du kapierst das doch, oder?«
Sie schlug die Augen nieder und ihr Zorn verflog. »Ja, ich kapiere.«
»Also, ich nicht«, beschwerte Grover sich. »Könnte vielleicht irgendwer …«
»Percy«, sagte Annabeth. »Das mit deiner Mutter tut mir leid. Es tut mir so leid …«
Ich stellte mich taub. Wenn ich jetzt über meine Mutter redete, würde ich losheulen wie ein kleines Kind.
»Die Weissagung stimmt«, sagte ich. »Ich bin nach Westen gegangen, zu dem Gott, der sich gewendet. Aber das war nicht Hades. Hades will keinen Krieg zwischen den Großen Dreien. Den Diebstahl hat jemand anders in die Wege geleitet. Irgendwer hat Zeus’ Herrscherblitz und Hades’ Helm gestohlen und mir die Sache in die Schuhe geschoben, weil Poseidon mein Vater ist. Poseidon wird von beiden Seiten angeklagt werden. Und heute bei Sonnenuntergang bricht ein Dreifrontenkrieg aus. An dem ich schuld sein werde.«
Grover schüttelte verwirrt den Kopf. »Aber wer könnte so tückisch sein? Und wer könnte sich einen so schrecklichen Krieg wünschen?«
Ich blieb stehen und schaute über den Strand. »Ja, hmm, lasst mich nachdenken.«
Und da stand er. Er wartete auf uns, in seinem Ledermantel und mit seiner Sonnenbrille und mit einem Baseballschläger aus Aluminium über der Schulter. Sein Motorrad dröhnte neben ihm, der Scheinwerfer färbte den Sand rot.
»Na, Kleiner«, sagte Ares und schien sich über meinen Anblick von Herzen zu freuen. »Du solltest doch sterben.«
»Du hast mich ausgetrickst«, sagte ich. »Du hast den Helm und den Herrscherblitz gestohlen.«
Ares grinste. »Na ja, das war ich nicht persönlich. Gottheiten, die sich gegenseitig ihre Machtsymbole klauen – das ist nun wirklich streng verboten. Aber du bist nicht der einzige Held auf der Welt, der sich zum Laufburschen eignet.«
»Wen hast du benutzt? Clarisse? Die war bei der Wintersonnenwende dabei.«
Die Vorstellung schien ihn zu belustigen. »Spielt keine Rolle. Worum es geht, Kleiner, ist, dass du die Kriegspläne behinderst. Hör mal, du hast in der Unterwelt zu sterben. Dann ist der alte Seetang stocksauer auf Hades, weil der dich abgemurkst hat. Leichenhauch hat Zeus’ Herrscherblitz, also ist Zeus sauer auf ihn. Und Hades sucht noch immer das hier …«
Er zog eine Skimütze aus der Tasche, eine Hasskappe, wie Bankräuber sie tragen, und legte sie auf den Lenker seines Motorrads. Sofort verwandelte die Mütze sich in einen reich verzierten Kriegshelm.
»Der Helm der Finsternis«, sagte Grover und schnappte nach Luft.
»Genau«, sagte Ares. »Aber wo war ich gerade? Ach ja. Hades ist stocksauer auf Zeus und Poseidon, weil er nicht weiß, wer das Ding hat. Und schon bald haben wir dann ein nettes kleines Schützenfest mit drei Teilnehmern.«
»Aber das sind doch deine Verwandten«, sagte Annabeth entsetzt.
Ares zuckte mit den Schultern. »Das ist doch der netteste Krieg. Und immer der blutigste. Nichts ist so lustig, wie zuzusehen, wie die Verwandtschaft sich fetzt, sag ich immer.«
»Du hast mir schon in Denver den Rucksack gegeben«, sagte ich. »Und der Herrscherblitz hat die ganze Zeit darin gesteckt.«
»Ja und nein«, sagte Ares. »Vermutlich kann dein kleines sterbliches Gehirn mir nicht folgen, aber der Rucksack ist das Behältnis für den Herrscherblitz, wir haben ihn nur ein wenig anders aussehen lassen. Der Blitz ist damit verbunden, das ist ungefähr so wie bei deinem Schwert, Kleiner. Das kehrt doch auch immer in deine Tasche zurück, oder?«
Mir war nicht ganz klar, woher Ares das wusste, aber ich nehme an, ein Kriegsgott muss einfach alles über Waffen wissen.
»Egal«, sagte Ares, »ich habe ein wenig an der Magie gedreht, damit der Blitz erst dann in sein Behältnis zurückkehrt, wenn du die Unterwelt erreicht hast. Du stehst vor Hades und … bingo, Post für dich. Wenn du unterwegs gestorben wärst – auch nicht schlimm, dann hätte ich ja immer noch den Blitz.«
»Aber warum behältst du ihn nicht einfach selbst?«, fragte ich. »Warum schickst du ihn an Hades?«
Ares’ Wangenmuskel zuckte. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, dass er einer anderen Stimme lauschte, tief in seinem Kopf. »Warum ich nicht … ja … also diese Art Feuermacht …«
Er blieb eine Sekunde in Trance … noch eine …
Ich wechselte nervöse Blicke mit Annabeth.
Ares’ Gesicht entspannte sich wieder. »Ich wollte mir den Ärger ersparen. Besser, du würdest mit dem Ding auf frischer Tat ertappt.«
»Du lügst«, sagte ich. »Es war nicht deine Idee, den Blitz in die Unterwelt zu schicken, stimmt’s?«
»O doch!« Rauch stieg von seiner Sonnenbrille auf, als habe sie gerade Feuer gefangen.
»Du hast den Diebstahl nicht befohlen«, tippte ich. »Irgendwer hat einen Helden diese beiden Gegenstände stehlen lassen. Und dann, als Zeus dich geschickt hat, diesen Helden zu finden, hast du den Dieb gefangen. Aber du hast ihn nicht Zeus ausgeliefert. Irgendetwas hat dich dazu gebracht, ihn laufen zu lassen. Du hast die Sachen behalten, bis dann ein anderer Held kam und die Zustellung übernehmen konnte. Du erhältst deine Befehle von dem Ding in der Grube.«