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»Ich bin der Gott des Krieges! Niemand erteilt mir Befehle! Ich habe keine Träume!«

Ich zögerte. »Wer hat denn was von Träumen gesagt?«

Ares sah erregt aus, versuchte aber, das mit einem Feixen zu überspielen.

»Kümmern wir uns doch lieber wieder um das aktuelle Problem, Kleiner. Du lebst. Ich kann nicht zulassen, dass du den Blitz zum Olymp bringst. Du könntest diese sturen Trottel noch dazu veranlassen, auf dich zu hören. Also muss ich dich umbringen. Ist nicht persönlich gemeint.«

Er schnippte mit den Fingern. Der Sand zu seinen Füßen explodierte und ein wilder Eber brach daraus hervor, er war noch größer und hässlicher als der, dessen Kopf in Camp Half-Blood über der Tür von Hütte 7 hing. Das Vieh scharrte im Sand und glotzte mich aus stechenden Augen an, während es seine rasierklingenscharfen Stoßzähne senkte und auf den Befehl zu töten wartete.

Ich trat in die Brandung. »Kämpf lieber selbst mit mir, Ares.«

Er lachte, aber ich hörte da einen Unterton in seinem Lachen … Nervosität. »Du hast ein einziges Talent, Kleiner, nämlich wegzulaufen. Du bist vor der Chimäre weggelaufen. Du bist aus der Unterwelt weggelaufen. Dir fehlt der Mumm.«

»Angst, Ares?«

»In deinen Teenieträumen!« Aber seine Sonnenbrille wurde durch die Hitze seiner Augen zum Schmelzen gebracht. »Kein direktes Eingreifen. Tut mir leid, Kleiner. Aber du bist nicht auf meinem Niveau.«

Annabeth sagte: »Lauf, Percy.«

Der riesige Eber grunzte.

Aber ich wollte nicht mehr vor Ungeheuern davonlaufen. Oder vor Hades oder Ares oder sonst wem.

Als der Eber auf mich zukam, drehte ich die Kappe von meinem Kugelschreiber und trat zur Seite. Ich riss das Schwert nach oben. Der rechte Stoßzahn des Ebers fiel mir vor die Füße und das desorientierte Tier rannte ins Wasser.

Ich brüllte: »Welle!«

Sofort erhob sich aus dem Nirgendwo eine Welle und umhüllte den Eber wie eine Decke. Das Tier schrie einmal auf vor Angst. Dann war es verschwunden, verschlungen vom Meer.

Ich drehte mich zu Ares um. »Willst du jetzt mit mir kämpfen?«, fragte ich. »Oder willst du dich hinter noch so einem Schmuseschwein verstecken?«

Ares’ Gesicht wurde lila vor Zorn. »Pass auf, Kleiner. Sonst verwandele ich dich in …«

»Eine Kakerlake«, sagte ich. »Oder einen Bandwurm. Aber klar doch. Das würde dich davor bewahren, dass dir deine göttliche Haut gegerbt wird, was?«

Flammen tanzten über den Rand seiner Sonnenbrille. »O Mann, du bettelst ja geradezu darum, in einen Fettfleck verwandelt zu werden.«

»Wenn ich verliere, dann verwandle mich in was immer du willst und du hast den Blitz. Wenn ich gewinne, gehören Blitz und Helm mir und du musst hier verschwinden.«

Ares schnaubte.

Er riss sich den Baseballschläger von der Schulter. »Wie möchtest du zu Brei geschlagen werden, klassisch oder modern?«

Ich zeigte ihm mein Schwert.

»Okay, toter Knabe«, sagte er. »Also klassisch.« Der Baseballschläger verwandelte sich in ein riesiges Schwert. Der Griff war ein großer silberner Schädel mit einem Rubin im Mund.

»Percy«, sagte Annabeth. »Lass das. Er ist ein Gott.«

»Er ist ein Feigling«, sagte ich.

Sie schluckte. »Dann nimm wenigstens das. Als Glücksbringer.«

Sie nahm ihr Halsband mit den fünf Perlen und dem Ring ihres Vaters ab und legte es mir um.

»Versöhnung«, sagte sie. »Athene und Poseidon gemeinsam.«

Mein Gesicht fühlte sich ein wenig heiß an, aber ich brachte doch ein Lächeln zu Stande. »Danke.«

»Und nimm das«, sagt Grover. Er reichte mir eine platt gedrückte Blechdose, die er vermutlich seit tausend Kilometern in seiner Tasche aufbewahrt hatte. »Die Satyrn stehen hinter dir.«

»Grover … ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Er streichelte meine Schulter. Ich stopfte die Dose in meine Hosentasche.

»Abschied genommen?« Ares kam auf mich zu, sein schwarzer Ledermantel schleifte hinter ihm her, sein Schwert funkelte im Sonnenaufgang wie Feuer. »Ich kämpfe seit einer Ewigkeit, Kleiner. Meine Kraft kennt keine Grenzen und ich kann nicht sterben. Wie sieht’s bei dir aus?«

Ich habe ein kleineres Ego, dachte ich, sagte aber nichts. Ich blieb mit den Füßen in der Brandung und wich zurück, bis das Wasser meine Knöchel überspülte. Ich dachte daran, was Annabeth in dem Imbiss in Denver gesagt hatte, vor langer Zeit. Ares ist stark. Mehr aber auch nicht. Und sogar Stärke muss der Weisheit manchmal unterliegen.

Er zielte mit dem Schwert auf meinen Kopf, aber ich war nicht da.

Mein Körper dachte für mich. Das Wasser schien mich in die Luft zu drücken, ich wurde wie von einem Katapult auf ihn geschleudert und schlug zu, als ich auf ihn fiel. Aber Ares war ebenso schnell. Er fuhr herum, und der Hieb, der ihn im Rückgrat hätte treffen sollen, wurde von seinem Schwertgriff abgelenkt.

Er grinste. »Nicht schlecht, nicht schlecht.«

Wieder schlug er zu und ich musste ans Ufer springen. Ich versuchte zur Seite zu treten, wieder ins Wasser zu gelangen, aber Ares schien diesen Wunsch durchschaut zu haben. Er trickste mich aus, setzte mir dermaßen zu, dass ich mich voll und ganz darauf konzentrieren musste, nicht in Scheiben geschnitten zu werden. Ich wich immer weiter von der Brandung zurück. Ich fand keine Angriffsmöglichkeiten. Sein Schwert hatte zudem eine Reichweite, die die von Anaklysmos um mehr als einen Meter übertraf.

Geh dicht heran, hatte Luke mir einmal im Schwertunterricht gesagt. Wenn du die kürzere Klinge hast, dann geh dicht heran.

Ich sprang vor, aber darauf hatte Ares schon gewartet. Er trat mir die Klinge aus der Hand und versetzte meiner Brust einen Tritt. Ich flog in die Luft – sieben, vielleicht auch zehn Meter hoch. Ich hätte mir das Rückgrat gebrochen, wenn ich nicht auf den weichen Sand einer Düne aufgeschlagen wäre.

»Percy«, schrie Annabeth. »Bullen!«

Ich sah doppelt. Meine Brust schien soeben von einem Rammbock getroffen worden zu sein, aber es gelang mir, wieder auf die Füße zu kommen.

Ich durfte meinen Blick nicht von Ares abwenden, aus Angst, er könnte mich mittendurch schneiden, aber aus dem Augenwinkel sah ich auf der Küstenstraße rote Blinklichter. Autotüren wurden zugeknallt.

»Da drüben«, schrie jemand. »Sehen Sie das?«

Eine grobe Bullenstimme antwortete: »Sieht aus wie der Kleine aus den Nachrichten … ja, verflixt …«

»Der Typ ist bewaffnet«, sagte ein anderer Polizist. »Hol Verstärkung.«

Ich rollte zur Seite und Ares’ Klinge schnitt durch den Sand.

Ich rannte zu meinem Schwert, riss es an mich und zielte auf Ares’ Gesicht, doch abermals wurde meine Klinge abgelenkt.

Ares schien genau zu wissen, was ich vorhatte, und zwar noch bevor ich mein Vorhaben ausführte.

Ich trat zurück in die Brandung und zwang ihn damit, mir zu folgen.

»Sieh’s ein, Kleiner«, sagte Ares. »Du hast keine Chance. Ich spiel nur mit dir.«

Meine Sinne liefen auf vollen Touren. Ich begriff jetzt, was Annabeth damit gemeint hatte, dass ADHD uns in einem Kampf das Leben retten könnte. Ich war hellwach und mir fiel jedes kleinste Detail auf.

Ich konnte sehen, wann Ares angespannt war. Ich wusste, in welche Richtung er schlagen würde. Zugleich registrierte ich, dass Annabeth und Grover zehn Meter links von mir standen. Ich sah einen zweiten Streifenwagen vorfahren, hörte die heulende Sirene. Zuschauer, Leute, die vom Erdbeben auf die Straße getrieben worden waren, scharten sich zusammen. In der Menge glaubte ich auch einige zu sehen, die den seltsamen trottenden Gang von verkleideten Satyrn hatten. Es gab schimmernde Umrisse von Geistern, als seien die Toten aus dem Hades gekommen, um sich den Kampf anzusehen. Und irgendwo über mir hörte ich das Flattern lederner Flügel.