Das alles erzählten uns die Presseleute. Wir nickten brav, weinten und wirkten erschöpft (was gar nicht schwer war) und spielten für die Kameras die armen kleinen Opfer.
»Ich will doch nur«, sagte ich mit tränenerstickter Stimme, »meinen lieben Stiefvater wiedersehen. Immer wenn ich im Fernsehen gesehen habe, wie er mich als verbrecherische Missgeburt bezeichnet hat, wusste ich … irgendwie … dass alles wieder gut werden würde. Und ich weiß, er wird jedem Menschen in dieser wunderschönen Stadt Los Angeles als Belohnung irgendeinen teuren Apparat aus seinem Laden schenken wollen. Hier ist seine Telefonnummer.« Polizei und Presse waren so gerührt, dass sie einen Hut rumgehen ließen und so das Geld für drei Flugtickets nach New York zusammenbrachten.
Ich wusste, dass mir nichts anderes übrig blieb, als zu fliegen. Ich hoffte, dass Zeus unter diesen Umständen fünf gerade sein lassen würde. Aber es fiel mir doch schwer, mich an Bord des Flugzeugs zu zwingen.
Der Start war ein Albtraum. Jede kleine Turbulenz war beängstigender als ein griechisches Ungeheuer. Ich löste meine Hände erst von den Armlehnen, als wir sicher am Flughafen La Guardia gelandet waren. Vor der Sicherheitsschranke wartete die lokale Presse auf uns, aber der konnten wir entgehen, weil Annabeth sie mit ihrer Tarnkappe auf dem Kopf ablenkte, indem sie schrie: »Sie sind da drüben beim Joghurteis! Los!«, um sich dann bei der Gepäckausgabe wieder zu uns zu gesellen.
Wir trennten uns am Taxistand. Ich sagte Annabeth und Grover, sie sollten nach Half-Blood Hill fahren und Chiron alles berichten. Sie protestierten und es fiel mir schwer, sie ziehen zu lassen, nach allem, was wir durchgemacht hatten, aber ich wusste, ich musste den Rest meines Auftrags allein durchführen. Wenn alles schiefginge, wenn die Götter mir nicht glaubten … ich wollte, dass Annabeth und Grover überlebten und Chiron die Wahrheit erzählen könnten.
Ich setzte mich in ein Taxi und fuhr nach Manhattan.
Dreißig Minuten später betrat ich das Foyer des Empire State Building.
Ich sah mit meiner zerfetzten Kleidung und meinem zerschrammten Gesicht sicher aus wie ein Straßenkind. Und ich hatte seit mindestens vierundzwanzig Stunden nicht mehr geschlafen.
Ich ging zum Sicherheitsbeamten an der Rezeption und sagte: »Sechshundertster Stock.«
Er las in einem dicken Buch mit dem Bild eines Zauberers auf dem Umschlag. Ich hatte nicht viel Ahnung von Fantasy, aber es war sicher ein gutes Buch, denn der Mann schaute erst nach einer ganzen Weile auf: »Gibt’s nicht, Kleiner.«
»Ich brauche eine Audienz bei Zeus.«
Er lächelte vage. »Bitte?«
»Sie haben gehört, was ich gesagt habe.«
Ich wollte gerade beschließen, dass ich es mit einem gewöhnlichen Sterblichen zu tun hatte, und abhauen, ehe er nach der Zwangsjacke schrie, als er sagte: »Ohne Termin keine Audienz, Kleiner. Der hohe Herr Zeus empfängt nicht unangemeldet.«
»Ach, ich glaube, heute macht er mal eine Ausnahme.« Ich streifte den Rucksack ab und zog den Reißverschluss auf.
Der Sicherheitsmann schaute sich den Metallzylinder an und begriff nicht sofort, was er da vor sich hatte. Dann erbleichte er. »Das ist doch nicht …«
»Doch, das ist er«, sagte ich. »Soll ich ihn rausnehmen und …«
»Nein! Nein!« Er sprang auf, wühlte auf seinem Tisch nach einer Schlüsselkarte und reichte sie mir. »Steck die in den Sicherheitsschlitz. Und sorg dafür, dass du allein im Fahrstuhl bist.«
Ich tat wie mir geheißen. Als sich die Fahrstuhltüren geschlossen hatten, schob ich sofort die Karte in den Schlitz. Sie verschwand und auf dem Schaltbrett tauchte ein neuer Knopf auf, ein roter mit der Nummer 600.
Ich drückte darauf und wartete und wartete.
Musik ertönte. »Raindrops keep falling on my head …«
Und dann endlich: ding. Die Türen öffneten sich. Ich trat hinaus und hätte fast einen Herzinfarkt erlitten.
Ich stand auf einer schmalen Steinbrücke mitten in der Luft. Unter mir lag Manhattan, wie aus dem Flugzeug gesehen. Vor mir führte eine weiße Wendeltreppe aus Marmor durch eine Wolke hinauf in den Himmel. Meine Augen wanderten die Treppe entlang nach oben, während mein Gehirn einfach nicht aufnehmen konnte, was es da sah.
Noch mal hinschauen, sagte mein Gehirn.
Wir schauen, erklärten meine Augen. Es ist wirklich so, wie es aussieht.
Oben aus den Wolken ragte ein schneebedeckter Berggipfel hervor. An den Berghang klammerten sich Dutzende von Palästen mit vielen Stockwerken – eine Stadt aus Palästen –, alle mit weißen Säulengängen, vergoldeten Terrassen und bronzenen Feuerbecken, in denen tausend Feuer glühten. Straßen schlängelten sich in Serpentinen um den Gipfel, wo der höchste Palast vor dem Schnee glühte. In gefährlich schräg hängenden Gärten blühten Olivenbäume und Rosensträucher. Ich konnte einen Marktplatz mit bunten Buden sehen, ein steinernes Amphitheater am Hang und eine Pferderennbahn. Es war eine altgriechische Stadt, nur lag sie nicht in Trümmern. Sie war neu und sauber und bunt, so wie Athen vor fünfundzwanzig Jahrhunderten ausgesehen haben muss.
Das kann nicht sein, sagte ich mir. Dieser Gipfel soll wie ein Asteroid von einer Milliarde Tonnen über New York City hängen? Wie könnte so etwas über dem Empire State Building schweben, vor den Augen von Millionen von Menschen, und nicht bemerkt werden?
Aber es war da. Und ich war da.
Meinen Weg durch den Olymp legte ich wie in Trance zurück. Ich kam an kichernden Waldnymphen vorbei, die mich mit Oliven aus ihrem Garten bewarfen. Straßenhändler wollten mir Eis am Stiel verkaufen oder einen neuen Schild oder eine echte Kopie des Goldenen Vlieses, mit eingewebten Glitzerfäden, wie es im Hephaistos-TV zu sehen war. Die neun Musen stimmten ihre Instrumente für ein Konzert im Park, wo eine kleine Menge sich sammelte – Satyrn und Najaden und allerlei gut aussehende Teenager, bei denen es sich um mindere Gottheiten handeln musste. Niemand schien sich Sorgen wegen eines bevorstehenden Krieges zu machen. Alle schienen vielmehr zum Feiern aufgelegt zu sein. Einige drehten sich um, als ich vorüberkam, und tuschelten miteinander.
Ich stieg die Hauptstraße hoch, auf den großen Palast ganz oben zu. Er war das genaue Gegenstück des Palastes in der Unterwelt. Dort war alles schwarz und bronzefarben gewesen. Hier funkelte alles in Weiß und Silber.
Mir ging auf, dass Hades sicher einen Palast gewollt hatte, der so aussah wie dieser. Er war nur zur Wintersonnenwende im Olymp willkommen, deshalb hatte er sich seinen eigenen unterirdischen Olymp gebaut. Trotz meiner schlechten Erfahrungen mit ihm tat er mir ein wenig leid. Es war einfach unfair, dass er von hier verbannt worden war. Da wäre doch jeder sauer geworden.
Eine Treppe führte zu einem zentralen Innenhof. Dahinter lag der Thronsaal.
Aber selbst das Wort Saal ist nicht großartig genug. Im Vergleich zu diesem Raum wirkte die Grand Central Station wie eine Besenkammer. Massive Säulen trugen eine gewölbte Decke, die mit beweglichen Sternbildern geschmückt war.
Zwölf Thronsessel, errichtet für Wesen von der Größe des Hades, waren in Hufeisenform aufgestellt, wie die Hütten im Camp Half-Blood. In der Feuerstelle in der Mitte knisterte ein gewaltiges Feuer. Nur die beiden Thronsessel in der Mitte waren besetzt, der rechte Hauptthron und der unmittelbar daneben. Niemand brauchte mir zu sagen, welche beiden Gottheiten dort saßen und meinem Näherkommen entgegensahen. Ich ging mit zitternden Knien auf sie zu.