Die Gottheiten waren so riesengroß wie Hades, aber ich konnte sie kaum ansehen, ohne ein Prickeln zu verspüren; mein ganzer Körper schien Feuer zu fangen. Zeus, der Herr der Götter, trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug und saß auf einem schlichten Thron aus Platin. Er hatte einen gepflegten Bart, in dem sich Grau und Weiß mischten wie in einer Gewitterwolke. Sein Gesicht war stolz, schön und grimmig, seine Augen regengrau. Als ich auf ihn zuging, knisterte die Luft und roch nach Ozon.
Der Gott neben ihm war zweifellos sein Bruder, war aber ganz anders gekleidet. Er erinnerte mich an einen Strandpenner aus Key West. Er trug Ledersandalen, khakifarbene Bermudashorts und ein mit Kokosnüssen und Papageien bedrucktes Hawaiihemd. Seine Haut war tiefbraun, seine Hände narbig wie die eines alten Fischers. Seine Haare waren dunkel wie meine. Sein Gesicht zeigte die grüblerische Miene, die mir immer den Ruf eines Aufsässigen eingebracht hatte. Aber seine Augen, meergrün wie meine, waren umgeben von Fältchen, die mir verrieten, dass er auch gern lächelte.
Sein Thron sah aus wie der Sitz eines Hochseefischers. Es war ein schlichter drehbarer Sessel mit schwarzem Ledersitz und eingebautem Gestell für eine Angelrute. Statt einer Angel steckte darin jedoch ein Dreizack, dessen Spitzen von grünem Licht umflackert wurden.
Die Götter bewegten sich nicht, sie sagten nichts, aber in der Luft hing eine Spannung, als ob sie eben erst eine Auseinandersetzung beendet hätten.
Ich näherte mich dem Thron des Fischers und fiel davor auf die Knie. »Vater.« Ich wagte nicht aufzuschauen. Mein Herz hämmerte wie wild. Ich spürte die Energie, die die beiden Götter ausstrahlten. Wenn ich hier das Falsche sagte, könnten sie mich zweifellos zu Staub zerfallen lassen.
Zeus zu meiner Linken sagte: »Solltest du dich nicht zuerst an den Hausherrn wenden, Knabe?«
Ich hielt den Kopf gesenkt und wartete.
»Friede, Bruder«, sagte schließlich Poseidon. Seine Stimme rief meine frühesten Erinnerungen wach, Erinnerungen an ein warmes Glühen, das ich als Baby gespürt hatte, daran, wie sich die Hand des Gottes auf meiner Stirn anfühlte. »Der Junge ehrt seinen Vater. Das ist nur gut und richtig so.«
»Du bekennst dich also noch immer zu ihm?«, fragte Zeus mit drohender Stimme. »Du bekennst dich zu diesem Kind, das du trotz unseres geheiligten Eides gezeugt hast?«
»Ich habe meine Missetat eingestanden«, sagte Poseidon. »Jetzt möchte ich hören, was er zu sagen hat.«
Missetat.
Ich spürte einen Kloß im Hals. War ich denn nur das? Die Folge einer Missetat? Das Ergebnis eines göttlichen Fehltritts?
»Ich habe ihn schon einmal verschont«, knurrte Zeus. »Dass er es gewagt hat, durch mein Herrschaftsgebiet zu fliegen … ha! Für diese Unverschämtheit hätte ich ihn vom Himmel pusten müssen!«
»Um dabei deinen Herrscherblitz zu gefährden?«, fragte Poseidon gelassen. »Lass ihn jetzt sprechen, Bruder.«
Zeus knurrte deutlich hörbar. »Ich werde zuhören«, beschloss er dann. »Dann werde ich entscheiden, ob ich diesen Knaben vom Olymp werfen will oder nicht.«
»Perseus«, sagte Poseidon. »Sieh mich an.«
Das tat ich, aber ich wusste nicht recht, was ich in seinem Gesicht sah. Es gab keinen deutlichen Hinweis auf Liebe oder Wertschätzung. Nichts, was mich ermutigen konnte. Ich hätte auch den Ozean anschauen können. An manchen Tagen wusste man, in welcher Stimmung er war. An den meisten Tagen jedoch war er unergründlich, rätselhaft.
Ich hatte das Gefühl, dass Poseidon nicht wusste, was er von mir halten sollte. Er wusste nicht, ob er sich darüber freute, dass ich sein Sohn war, oder nicht. Irgendwie war ich froh darüber, dass Poseidon so distanziert war. Wenn er versucht hätte, sich zu entschuldigen, wenn er behauptet hätte, mich zu lieben, oder wenn er auch nur gelächelt hätte, wäre mir das falsch vorgekommen. Wie ein menschlicher Vater, der eine schwache Entschuldigung dafür vorbringt, dass er nie da ist, wenn sein Kind ihn braucht. Mit seiner Distanz konnte ich leben. Ich wusste ja auch noch nicht, was ich von ihm zu halten hatte.
»Sprich zum Herrn Zeus, Knabe«, befahl mir Poseidon. »Erzähl ihm deine Geschichte.«
Also erzählte ich Zeus alles, so wie es passiert war. Ich zog den Metallzylinder hervor, der in Anwesenheit des Himmelsgottes Funken sprühte, und legte ihn zu seinen Füßen nieder.
Ein langes Schweigen folgte, unterbrochen nur vom Knistern des Kaminfeuers.
Zeus öffnete die Hand. Der Blitzstrahl flog hinein. Als er die Faust ballte, loderten die Spitzen elektrisch auf, bis er etwas in der Hand hielt, das schon eher aussah wie ein klassischer Blitzstrahclass="underline" ein über sechs Meter langer Wurfspeer voller zischender, knisternder Energie, die meine Haare zu Berge stehen ließ.
»Ich spüre, dass der Knabe die Wahrheit spricht«, murmelte Zeus. »Aber dass Ares so etwas tun konnte … Das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich.«
»Er ist stolz und impulsiv«, sagte Poseidon. »Das liegt in der Familie.«
»Herr?«, fragte ich.
Beide sagten: »Ja?«
»Ares war nicht allein. Jemand anderes – etwas anderes – hat die Idee gehabt.«
Ich beschrieb meine Träume und das Gefühl, das ich am Strand gehabt hatte, diesen kurzen Hauch des Bösen, der die Welt anzuhalten schien und der Ares daran gehindert hatte, mich umzubringen.
»In meinen Träumen«, sagte ich, »hat die Stimme mir befohlen, den Blitzstrahl in die Unterwelt zu bringen. Ares hat angedeutet, dass auch er solche Träume hat. Ich glaube, dass er ebenso wie ich benutzt werden sollte, um einen Krieg auszulösen.«
»Du machst also doch Hades verantwortlich?«, fragte Zeus.
»Nein«, sagte ich. »Also, Herr Zeus, was ich sagen will, ist, ich war bei Hades. Das Gefühl am Strand war anders. Es war genau das, was ich auch gespürt habe, als ich vor dem Abgrund stand – am Eingang zum Tartarus, nicht wahr? Etwas Mächtiges und Böses bewegt sich dort unten … etwas, das noch älter ist als die Gottheiten.«
Poseidon und Zeus wechselten einen Blick. Sie führten eine kurze, intensive Diskussion auf Altgriechisch. Ich verstand nur ein Wort. Vater.
Poseidon schlug etwas vor, aber Zeus wehrte ab. Poseidon wollte widersprechen. Zeus hob erzürnt die Hand. »Wir reden nicht mehr darüber«, sagte Zeus. »Ich muss diesen Blitzstrahl eigenhändig in den Quellen von Lemnos läutern, um die Besudelung durch Menschenhand zu tilgen.«
Er erhob sich und sah mich an. Seine Miene wurde ein ganz klein wenig freundlicher. »Du hast mir einen Dienst erwiesen, Knabe. Nur wenige Helden hätten das schaffen können.«
»Ich hatte Hilfe, Sir«, sagte ich. »Grover Underwood und Annabeth Chase …«
»Um dir meine Dankbarkeit zu beweisen, werde ich dein Leben schonen. Ich traue dir nicht, Percy Jackson. Es gefällt mir nicht, was dein Erscheinen für die Zukunft des Olymps bedeutet. Aber um des Familienfriedens willen werde ich dich am Leben lassen.«
»Äh … danke, Sir.«
»Aber versuch ja nicht noch mal zu fliegen. Und lass dich bei meiner Rückkehr hier nicht mehr von mir erwischen. Sonst bekommst du diesen Blitzstrahl zu kosten. Und das wird dann das Letzte sein, was du jemals wahrnimmst.«
Donner ließ den Palast erbeben. Mit einem blendenden Blitz war Zeus verschwunden.
Ich war mit meinem Vater allein im Thronsaal.
»Dein Onkel«, sagte Poseidon seufzend, »hatte immer schon einen Sinn für dramatische Abgänge. Ich glaube, auch als Gott des Theaters hätte er sich gut gemacht.«
Ein unbehagliches Schweigen folgte.
»Sir«, sagte ich. »Was war das in der Grube?«
Poseidon sah mich an. »Hast du es nicht erraten?«