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»Kronos«, sagte ich. »Der König der Titanen.«

Sogar im Thronsaal auf dem Olymp, weit entfernt vom Tartarus, verdüsterte der Name Kronos den Raum und das Feuer hinter mir kam mir nicht mehr ganz so warm vor.

Poseidon griff nach seinem Dreizack. »Im Ersten Krieg, Percy, hat Zeus unseren Vater Kronos in tausend Stücke gehackt, so wie Kronos das mit seinem eigenen Vater, Uranos, gemacht hatte. Zeus hat die Überreste des Kronos in die tiefste Grube des Tartarus geworfen. Die Titanenarmee wurde zerschlagen, ihre Bergfestung auf dem Ätna zerstört, die mit ihnen verbündeten Ungeheuer in die abgelegensten Winkel der Erde vertrieben. Aber Titanen können ebenso wenig sterben wie Götter. Was immer von Kronos übrig ist, lebt auf irgendeine entsetzliche Weise fort, ist sich noch immer seiner ewigen Qualen bewusst, hungert noch immer nach Macht.«

»Er ist auf dem Weg der Besserung«, sagte ich. »Er wird zurückkehren.«

Poseidon schüttelte den Kopf. »Von Zeit zu Zeit, im Laufe der Äonen, hat Kronos sich immer wieder bewegt. Er dringt in die Albträume der Menschen und haucht ihnen böse Gedanken ein. Er erweckt ruhelose Ungeheuer aus den Tiefen. Aber zu glauben, er könne aus seiner Grube entweichen, ist etwas ganz anderes.«

»Das hat er aber vor, Vater. Das hat er gesagt.«

Poseidon blieb lange stumm. Dann sagte er:

»Der Herr Zeus hat die Diskussion über diese Angelegenheit beendet. Er will nicht über Kronos sprechen. Du hast deine Aufgabe ausgeführt, Kind. Mehr wird von dir nicht erwartet.«

»Aber …« Ich verstummte. Widerspruch hätte mir nicht geholfen. Ich könnte damit nur den einzigen Gott erzürnen, der auf meiner Seite stand. »Wie … wie du wünschst, Vater.«

Ein leichtes Lächeln kräuselte seine Lippen. »Gehorsam ist nicht gerade deine starke Seite, was?«

»Nein … Sir.«

»Ich bin da wohl nicht ganz ohne Schuld. Das Meer lässt sich nicht gern bändigen.« Er erhob sich zu seiner vollen Größe und griff nach seinem Dreizack. Dann leuchtete er auf, nahm die Größe eines normalen Mannes an und stand plötzlich direkt vor mir. »Jetzt musst du gehen, Kind. Aber zuerst sollst du noch wissen, dass deine Mutter zurückgekehrt ist.«

Ich starrte ihn sprachlos vor Verblüffung an. »Meine Mutter?«

»Du wirst sie zu Hause finden. Hades hat sie gehen lassen, als du seinen Helm gefunden hattest. Sogar der Herr der Finsternis begleicht seine Schulden.«

Mein Herz hämmerte. Ich konnte es nicht glauben. »Hast du … würdest du …«

Ich wollte fragen, ob Poseidon mit mir zu ihr gehen wollte, aber dann wurde mir klar, dass diese Frage lächerlich wäre. Ich stellte mir vor, wie ich den Meeresgott in ein Taxi verfrachtete und mit ihm in die Upper East Side fuhr. Wenn er in all den Jahren Lust gehabt hätte, meine Mom zu sehen, dann hätte er sie aufgesucht. Und da war ja auch noch Gabe der Stinker.

Poseidons Augen sahen ein bisschen traurig aus. »Wenn du nach Hause kommst, Percy, musst du eine wichtige Entscheidung treffen. Du wirst in deinem Zimmer ein Paket finden.«

»Ein Paket?«

»Du wirst alles verstehen, wenn du es siehst. Niemand kann deinen Weg für dich wählen, Percy. Die Entscheidung liegt bei dir.«

Ich nickte, obwohl ich nicht wusste, was er meinte.

»Deine Mutter ist eine Königin unter den Frauen«, sagte Poseidon sehnsüchtig. »Mir ist seit tausend Jahren keine solche sterbliche Frau mehr begegnet. Aber trotzdem … es tut mir leid, dass du geboren worden bist, Kind. Ich habe dir das Schicksal eines Helden beschert und ein solches Schicksal ist niemals glücklich. Es ist immer nur tragisch.«

Ich versuchte mich nicht verletzt zu fühlen. Mein eigener Vater bereute, dass ich geboren worden war. »Das ist mir egal, Vater.«

»Im Moment vielleicht«, sagte er. »Im Moment. Aber meinerseits war es ein unverzeihlicher Fehler.«

»Dann gehe ich wohl besser.« Ich machte eine unbeholfene Verbeugung. »Ich werde dich nicht wieder belästigen.«

Ich hatte schon fünf Schritte zurückgelegt, als er rief: »Perseus!«

Ich fuhr herum.

In seinen Augen schimmerte ein neues Licht, eine Art feuriger Stolz. »Du hast deine Sache gut gemacht, Percy. Missversteh mich nicht. Was immer du auch unternehmen magst, vergiss nicht, dass du mein Sohn bist. Du bist der wahre Sohn des Meeresgottes.«

Als ich durch die Stadt der Götter zurückging, verstummten die Gespräche. Die Musen unterbrachen ihr Konzert. Menschenähnliche Wesen und Satyrn und Najaden drehten sich zu mir um und ihre Gesichter waren voller Achtung und Dankbarkeit. Sie knieten nieder, als sei auch ich eine Art Gottheit.

Fünfzehn Minuten darauf, noch immer wie in Trance, stand ich wieder auf den Straßen von Manhattan.

Ich fuhr mit einem Taxi zur Wohnung meiner Mutter, klingelte – und da war sie, meine wunderschöne Mutter, die nach Pfefferminz und Lakritz duftete, und Erschöpfung und Sorge verschwanden bei meinem Anblick sofort aus ihrem Gesicht.

»Percy! Ach, Gott sei Dank. O mein Kleiner!«

Sie drückte mich so, dass alle Luft aus mir entwich. Wir standen in der Diele und sie weinte und fuhr mir mit den Händen durch die Haare.

Ich gebe es ja zu – auch meine Augen wurden ein wenig feucht. Ich zitterte, so erleichtert war ich, als ich sie sah.

Sie erzählte mir, sie sei an diesem Morgen in der Wohnung aufgetaucht und habe Gabe einen Wahnsinnsschrecken eingejagt. Sie konnte sich an nichts erinnern, was nach der Sache mit dem Minotaurus passiert war, und wollte es nicht glauben, als Gabe ihr erzählte, ich sei ein gesuchter Verbrecher, der quer durch das Land zog und Nationaldenkmäler in die Luft sprengte. Sie war den ganzen Tag vor Sorge außer sich gewesen, weil sie nichts von mir gehört hatte. Gabe hatte sie gezwungen, zur Arbeit zu gehen, weil sie einen Monat lang keinen Lohn nach Hause gebracht habe und sich jetzt wirklich ranhalten müsse.

Ich schluckte meinen Zorn hinunter und erzählte ihr meine Geschichte, wobei ich versuchte, alles viel weniger gefährlich klingen zu lassen, als es gewesen war. Ich war gerade bei meinem Kampf mit Ares angekommen, als Gabes Stimme aus dem Wohnzimmer erscholl und mich unterbrach: »He, Sally, sind die Buletten endlich fertig?«

Sie schloss die Augen. »Er wird nicht gerade glücklich sein, wenn er dich sieht, Percy. Im Laden sind heute eine halbe Million Anrufe aus Los Angeles eingegangen … irgendwas wegen Gratisgeräten.«

»Ach ja. Also, das …«

Sie brachte ein müdes Lächeln zu Stande. »Mach ihn nicht noch wütender, ja? Los, komm.«

In dem Monat, seit ich zuletzt hier gewesen war, hatte die Wohnung sich in Gabeland verwandelt. Ich watete bis zu den Knöcheln durch Abfall. Das Sofa war mit Bierdosen gepolstert. Schmutzige Socken und Unterwäsche hingen von den Lampen.

Gabe und seine drei großen lauten Kumpels saßen am Tisch beim Poker.

Als Gabe mich sah, fiel ihm die Zigarre aus dem Mund. Sein Gesicht wurde röter als Lava. »Traust du dich noch her, du kleine Missgeburt. Ich dachte, die Polizei …«

»Er ist eben doch nicht durchgebrannt«, schaltete meine Mom sich ein. »Ist das nicht wunderbar, Gabe?«

Gabe ließ seinen Blick zwischen uns hin-und herwandern. Er schien meine Heimkehr kein bisschen wunderbar zu finden.

»Schlimm genug, dass ich das Geld für deine Lebensversicherung zurückzahlen musste, Sally«, grummelte er. »Bring mir das Telefon. Ich ruf die Bullen an.«

»Gabe, nein!«

Er hob die Augenbrauen. »Hast du eben ›nein‹ gesagt? Glaubst du wirklich, ich lass mir diese Missgeburt noch mal aufs Auge drücken? Ich kann ihn immer noch dafür vor Gericht bringen, dass er meinen Camaro ruiniert hat.«

»Aber …«

Er hob die Hand und meine Mutter zuckte zusammen.

Jetzt wurde mir endlich alles klar. Gabe hatte meine Mutter geschlagen. Ich wusste nicht, wann und wie oft. Aber ich war sicher, dass er es getan hatte. Vielleicht jahrelang, wenn ich nicht in der Nähe gewesen war.

In meiner Brust breitete sich wilder Zorn aus. Ich ging auf Gabe zu und zog instinktiv den Kugelschreiber aus meiner Tasche.