Auf See geblieben, hat meine Mom mir erzählt. Nicht tot. Auf See geblieben.
Sie hat dann allerlei Jobs angenommen und Abendkurse gemacht, um ihren Schulabschluss zu schaffen, und sie hat mich allein großgezogen. Hat sich nie beklagt, wurde nie wütend. Kein einziges Mal. Aber ich weiß, dass ich kein pflegeleichtes Kind war.
Dann hat sie Gabe Ugliano geheiratet, der in den ersten dreißig Sekunden, die wir ihn kannten, nett war und sich dann als Mistkerl von Weltklasse entpuppte. Als ich kleiner war, hab ich ihn Gabe den Stinker genannt. Tut mir leid, aber so ist es eben. Der Kerl stinkt wie schimmelige Knoblauchpizza, die in eine Turnhose gewickelt ist.
Er und ich gemeinsam haben meiner Mom das Leben ganz schön schwer gemacht. So, wie Gabe der Stinker sie behandelt hat, wie er und ich uns gefetzt haben … Also, meine Heimkehr ist da ein gutes Beispiel.
Ich betrat unsere kleine Wohnung und hoffte, dass meine Mom schon von der Arbeit nach Hause gekommen wäre. Aber im Wohnzimmer saß nur Gabe der Stinker mit seinen Kumpels beim Pokern. Der Fernseher brüllte. Auf dem Teppich lagen überall Pommes und Bierdosen.
Er schaute kaum auf, sondern nuschelte, seine Zigarre im Mund: »Da bist du ja wieder.«
»Wo ist meine Mom?«
»Bei der Arbeit«, sagte er. »Hast du Geld?«
Das war’s. Kein Willkommen zu Hause. Schön, dich zu sehen. Wie waren denn die letzten sechs Monate so für dich?
Gabe hatte zugenommen. Er sah aus wie ein Walross ohne Stoßzahn, in Kleidern von der Heilsarmee. Er hatte ungefähr drei Haare auf dem Kopf, die er sorgfältig auf seinem kahlen Schädel verteilt hatte, als ob ihn das verschönen könnte.
Er leitete den Electronics Mega Mart in Queens, aber meistens saß er zu Hause herum. Ich habe keine Ahnung, warum sie ihn nicht schon längst gefeuert hatten. Er holte einfach weiter sein Gehalt ab und gab das Geld für Zigarren aus, von denen mir schlecht wurde, und natürlich für Bier. Immer Bier. Wenn er zu Hause war, erwartete er von mir Geld für seine Pokerrunden. Das nannte er »unser Geheimnis unter Jungs«. Was bedeutete, dass er mich zu Brei schlagen würde, wenn ich meiner Mom davon erzählte.
»Ich hab kein Geld«, sagte ich.
Er hob eine schmierige Augenbraue.
Gabe konnte Geld riechen, wie ein Bluthund eben Blut riecht, und das fand ich überraschend, schließlich hätte sein eigener Gestank eigentlich alle anderen neutralisieren müssen.
»Du hast am Busbahnhof ein Taxi genommen«, sagte er. »Hast vermutlich mit einem Zwanziger bezahlt. Hast sechs oder sieben Eier zurückgekriegt. Und wer hier unter diesem Dach leben will, muss sich an den Kosten beteiligen. Hab ich Recht, Eddie?«
Eddie, der Hausmeister bei uns im Block, schaute mich mit einem Hauch von Mitgefühl an. »Hör doch auf, Gabe«, sagte er. »Der Kleine ist ja gerade erst angekommen.«
»Hab ich Recht?«, fragte Gabe noch einmal.
Eddie schaute düster in eine Schüssel mit kleinen Brezeln. Die beiden anderen Typen ließen einträchtig einen fahren.
»Schön«, sagte ich. Ich fischte ein paar Dollars aus meiner Tasche und warf das Geld auf den Tisch. »Hoffentlich verlierst du.«
»Dein Zeugnis ist gekommen, Superhirn!«, rief er hinter mir her. »Ich an deiner Stelle wäre nicht so hochnäsig.«
Ich knallte mit der Tür zu meinem Zimmer, das im Grunde gar nicht mein Zimmer war. In den Schulmonaten war es Gabes »Arbeitszimmer«. Er arbeitete dort zwar nicht, er vertiefte sich einfach nur in alte Autozeitschriften, aber er fand es wunderbar, meine Sachen in den Schrank zu stopfen, seine schmutzigen Stiefel auf meine Fensterbank zu stellen und sich ansonsten große Mühe zu geben, dass alles nach seinem widerlichen Rasierwasser und seinen Zigarren und abgestandenem Bier roch.
Ich ließ meinen Koffer auf das Bett fallen. Trautes Heim, Glück allein.
Gabes Gestank war fast schlimmer als meine Albträume von Mrs Dodds oder das Geräusch, mit dem die Obstverkäuferin den Faden durchgeschnitten hatte.
Bei diesem Gedanken kriegte ich gleich wieder weiche Knie. Mir fiel Grovers panische Miene ein – und wie ich ihm hatte versprechen müssen, mich von ihm nach Hause bringen zu lassen. Mir wurde plötzlich eiskalt. Ich hatte das Gefühl, dass irgendwer – irgendwas – nach mir Ausschau hielt und vielleicht gerade die Treppe hochkam und dabei lange, entsetzliche Krallen ausfuhr.
Dann hörte ich die Stimme meiner Mom: »Percy?«
Sie öffnete die Zimmertür und meine Angst schmolz dahin.
Meine Mutter kann dafür sorgen, dass ich mich wohl fühle, einfach indem sie ins Zimmer kommt. Ihre Augen funkeln und ändern im Licht ihre Farbe. Ihr Lächeln ist warm wie eine Decke. Sie hat in ihren langen braunen Haaren ein paar graue Strähnen, aber für mich ist sie niemals alt. Wenn sie mich ansieht, dann scheint sie alle meine guten Seiten zu sehen und keine der schlechten. Ich habe nie gehört, dass sie laut geworden ist oder zu irgendwem ein unfreundliches Wort gesagt hat, nicht einmal zu Gabe.
»Ach, Percy!« Sie drückte mich an sich. »Ich kann es nicht fassen. Du bist seit Weihnachten gewachsen.«
Ihre rot-weiß-blaue Sweet-on-America-Uniform duftete nach allem, was auf der Welt wunderbar ist: Schokolade, Lakritz und was sie in dem Süßigkeitenkiosk in der Grand Central Station sonst noch verkaufte. Sie hatte mir eine riesige Tüte voller »Gratisproben« mitgebracht, das machte sie immer, wenn ich nach Hause kam.
Wir setzten uns nebeneinander auf die Bettkante. Während ich mich über die Blaubeergummischnecken hermachte, fuhr sie mir mit der Hand durch die Haare und wollte alles hören, was nicht in meinen Briefen gestanden hatte. Meinen Rausschmiss erwähnte sie mit keinem Wort. Der schien sie nicht weiter zu interessieren. Aber war alles in Ordnung mit mir? Ging es ihrem Kleinen wirklich gut?
Ich sagte: »Du drückst mich ja tot« und »Hände weg« und so, aber insgeheim freute ich mich ganz schrecklich darüber, sie zu sehen.
Aus dem Nachbarzimmer brüllte Gabe: »He, Sally, wie wär’s mit etwas Bohnendip, hä?«
Ich knirschte mit den Zähnen.
Meine Mom ist die liebste Frau auf der ganzen Welt. Sie müsste mit einem Millionär verheiratet sein, nicht mit einem Mistkerl wie Gabe.
Ihr zuliebe versuchte ich, mich ziemlich fröhlich anzuhören, was meine letzten Tage in der Yancy Academy anging. Ich behauptete, dass der Rausschmiss mir nicht so schrecklich viel ausmachte. Ich hatte doch immerhin fast ein ganzes Jahr durchgehalten. Ich hatte ein paar neue Freunde gefunden. In Latein war ich ziemlich gut geworden. Und ehrlich, die Prügeleien waren nicht so schlimm gewesen, wie der Rektor behauptet hatte. Die Yancy Academy hatte mir gefallen. Wirklich. So, wie ich es erzählte, klang das Jahr richtig gut. Fast hätte ich mir selbst geglaubt. Ich redete immer weiter, über Grover und Mr Brunner. Plötzlich kam mir nicht einmal mehr Nancy Bobofit so schrecklich vor.
Bis ich zu dem Ausflug ins Museum kam.
»Was?«, fragte meine Mom. Ihre Blicke zupften an meinem Gewissen und versuchten, ihm seine Geheimnisse zu entlocken. »Hat dir da irgendwas Angst gemacht?«
»Nein, Mom.«
Ich fand es schrecklich, sie anzulügen. Ich hätte ihr so gern von Mrs Dodds und den drei alten Damen mit dem Faden erzählt, aber ich dachte, das würde sich blödsinnig anhören.
Sie schob die Lippen vor. Sie wusste, dass ich ihr etwas verschwieg, aber sie bedrängte mich nicht.
»Ich hab eine Überraschung für dich«, sagte sie. »Wir fahren an den Strand.«
Ich machte große Augen. »Montauk?«
»Drei Nächte – in derselben Hütte.«
»Wann?«
Sie lächelte. »Ich muss mich nur noch schnell umziehen.«
Ich konnte es nicht fassen. Meine Mom und ich waren zwei Sommer nicht mehr in Montauk gewesen, weil Gabe behauptete, wir hätten nicht genug Geld.
Gabe erschien in der Tür und knurrte: »Bohnendip, Sally, hast du mich nicht gehört?«