Er lachte nur. »Is’ was, du Missgeburt? Willst du was auf mir schreiben? Fass mich nur einmal an, dann endest du für immer im Knast, ist das klar?«
»Hör mal, Gabe«, schaltete sein Freund Eddie sich ein. »Das ist doch nur ein Kind.«
Gabe starrte ihn beleidigt an und äffte ihn mit Fistelstimme nach: »Nur ein Kind!«
Seine anderen Freunde lachten wie die Blöden.
»Aber ich will hier mal Gnade vor Recht ergehen lassen.« Gabe zeigte mir seine tabakgelben Zähne. »Ich geb dir fünf Minuten, um deinen Kram zu packen und von hier zu verschwinden. Danach ruf ich die Polizei!«
»Gabe«, bettelte meine Mutter.
»Er ist abgehauen«, sagte Gabe zu ihr. »Soll er doch wegbleiben.«
Es juckte mir in den Fingern, mein Schwert zu ziehen, aber seine Klinge hätte einen Menschen ja doch nicht verwunden können. Und Gabe war, wenn man nicht zu genau hinsah, eben doch ein Mensch.
Meine Mutter nahm meinen Arm. »Bitte, Percy. Komm jetzt. Wir gehen in dein Zimmer.«
Ich ließ mich von ihr wegziehen, aber meine Hände zitterten vor Wut.
Mein Zimmer war vollgestopft mit Gabes Müll. Ich sah Stapel von Autobatterien und einen verfaulenden Blumenstrauß mit einer Beileidskarte von irgendwem, der ihn in der Sendung von Barbara Walters gesehen hatte.
»Gabe ist im Moment nicht ganz er selbst, Schatz«, sagte meine Mutter zu mir. »Ich spreche später mit ihm. Bestimmt findet sich dann alles.«
»Mom, das wird sich niemals finden. Nicht solange Gabe hier ist.«
Sie rang verzweifelt die Hände. »Ich kann … du kannst für den Rest des Sommers mit mir zur Arbeit kommen. Im Herbst finden wir dann vielleicht ein neues Internat …«
»Mom.«
Sie schlug die Augen nieder. »Ich geb mir doch Mühe, Percy. Nur … ich brauche Zeit.«
Auf meinem Bett tauchte ein Paket auf. Jedenfalls hätte ich schwören können, dass es eben noch nicht dort gelegen hatte.
Es war ein verschlissener Karton, in den genau ein Basketball gepasst hätte. Die Paketkarte war in meiner eigenen Handschrift beschrieben:
AN DIE GÖTTER
Berg Olymp
600. Stock
Empire State Building
New York, NY
Mit besten Grüßen
Percy Jackson
Oben standen mit schwarzem Edding in deutlicher Männerschrift unsere Adresse und die Mitteilung ZURÜCK AN ABSENDER.
Und plötzlich begriff ich, was Poseidon auf dem Olymp zu mir gesagt hatte.
Ein Paket. Eine Entscheidung.
Was immer du auch unternehmen magst, vergiss nicht, dass du mein Sohn bist. Du bist der wahre Sohn des Meeresgottes.
Ich sah meine Mutter an. »Mom, möchtest du Gabe los sein?«
»Percy, so einfach ist das nicht. Ich …«
»Mom, sag es mir einfach. Der Mistkerl hat dich geschlagen. Willst du ihn los sein oder nicht?«
Sie zögerte, dann nickte sie fast unmerklich. »Ja, Percy, das will ich. Und ich versuche den Mut aufzubringen, es ihm zu sagen. Aber das kannst du mir nicht abnehmen. Du kannst meine Probleme nicht lösen.«
Ich sah den Karton an.
Ich konnte ihr Problem sehr wohl lösen. Ich hätte den Karton gern aufgerissen, ihn auf den Pokertisch gestellt und seinen Inhalt herausgeholt. Ich hätte mir einen Garten voller Statuen anlegen können, direkt dort im Wohnzimmer.
Das hätte ein griechischer Held in einer Sage gemacht, dachte ich. Und Gabe hätte es verdient.
Aber die Heldengeschichten endeten immer tragisch. Das hatte Poseidon mir gesagt.
Mir fiel die Unterwelt ein. Ich dachte an Gabes Geist, wie er für immer über den Asphodeliengrund schwebte oder hinter dem Stacheldraht der Felder der Bestrafung zu einer entsetzlichen Qual verurteilt werden würde – zu einer ewigen Pokerrunde, bei der er bis zur Hüfte in siedendem Öl saß und sich Opern anhören musste. Hatte ich das Recht, jemanden dorthin zu schicken? Selbst, wenn dieser Jemand Gabe war?
Einen Monat zuvor hätte ich nicht gezögert. Jetzt aber …
»Ich kann es«, sagte ich zu meiner Mom. »Er braucht nur einen Blick in diesen Karton zu werfen und er wird dich nie wieder belästigen.«
Sie sah das Paket an und schien sofort zu begreifen. »Nein, Percy«, sagte sie und trat zurück. »Das kannst du nicht tun.«
»Poseidon hat dich eine Königin genannt«, sagte ich. »Er sagt, dass er seit tausend Jahren keine Frau wie dich getroffen hat.«
Ihre Wangen wurden rot. »Percy …«
»Du hast etwas Besseres verdient als dieses Leben, Mom. Du müsstest aufs College gehen, deinen Abschluss machen. Du könntest deinen Roman schreiben, vielleicht einen netten Typen kennenlernen, in einem schönen Haus wohnen. Du brauchst mich nicht mehr zu beschützen, indem du bei Gabe bleibst. Bitte, lass mich dafür sorgen, dass er verschwindet.«
Sie wischte sich eine Träne von der Wange. »Du hörst dich so sehr an wie dein Vater«, sagte sie. »Der wollte einmal für mich die Flut aufhalten. Er wollte mir auf dem Meeresgrund einen Palast bauen. Er glaubte, mit einer einzigen Handbewegung all meine Probleme lösen zu können.«
»Was wäre daran so schrecklich?«
Ihre Augen mit den vielen Farben schienen etwas in mir zu suchen. »Ich glaube, das weißt du, Percy. Ich glaube, du bist mir ähnlich genug, um zu verstehen. Wenn mein Leben irgendeinen Sinn haben soll, dann muss ich es selbst leben. Ich kann mir nicht von einem Gott alles abnehmen lassen … oder von meinem Sohn. Ich muss … ich muss selbst den Mut aufbringen. Das hat dein Abenteuer mir klargemacht.«
Wir hörten Fluchen und Kartenknallen aus dem Wohnzimmer. Und dazu den Lärm des Fernsehers.
»Ich lass den Karton hier«, sagte ich. »Wenn er dich bedroht …«
Sie wurde blass, nickte aber. »Wohin gehst du, Percy?«
»Half-Blood Hill.«
»Für den Sommer … oder für immer?«
»Das kommt wohl darauf an.«
Wir schauten einander an und ich spürte, dass wir uns verstanden hatten. Wir würden die Lage nach dem Sommer neu überdenken.
Sie küsste mich auf die Stirn. »Du wirst ein Held werden, Percy. Der größte von allen.«
Ich schaute mich ein letztes Mal in meinem Zimmer um. Ich hatte das Gefühl, dass ich es niemals wiedersehen würde. Dann ging ich mit meiner Mutter zur Wohnungstür.
»Gehst du schon, Missgeburt?«, rief Gabe hinter mir her. »Fort mit Schaden!«
Ich verspürte einen letzten Zweifel. Konnte ich wirklich die perfekte Möglichkeit, uns von ihm zu befreien, ungenutzt lassen? Ich ging weg, ohne meine Mutter zu retten.
»He, Sally«, schrie er. »Was ist denn jetzt mit den Buletten?«
Zorn flackerte in den Augen meiner Mutter auf und ich dachte, vielleicht, ganz vielleicht ließ ich sie ja doch in guten Händen zurück. Ihren eigenen.
»Die kommen gleich, Schatz«, rief sie Gabe zu. »Überraschungsbuletten.«
Sie schaute mich an und zwinkerte.
Bevor die Tür zufiel, sah ich meine Mutter Gabe anstarren und überlegen, wie er sich wohl als Gartenstatue machen würde.
Die Weissagung geht in Erfüllung
Wir waren seit Luke die ersten Helden, die lebendig nach Half-Blood Hill zurückkehrten, weshalb uns natürlich alle Welt behandelte, als ob wir im Fernsehen einen Reality Contest gewonnen hätten. Der Camptradition zufolge trugen wir Lorbeerkränze auf dem großen Fest, das zu unseren Ehren vorbereitet wurde, und wir führten eine Prozession zum Freudenfeuer an, wo wir die Leichenhemden verbrannten, die unsere Hütten während unserer Abwesenheit für uns angefertigt hatten.
Annabeths Hemd war wunderschön – graue, mit Eulen bestickte Seide – und ich sagte ihr, es sei eine Schande, sie darin nicht beerdigen zu können. Worauf sie mir einen Stoß versetzte und erwiderte: »Halt die Klappe.«
Ich, der Sohn des Poseidon, war ja allein in meiner Hütte, deshalb hatte die Areshütte angeboten, mein Leichenhemd herzustellen. Sie hatten ein altes Bettlaken genommen und es am Rand mit Smileys bemalt, die Augen der Smileys hatten sie mit großen X ausgestrichen und in der Mitte stand ganz dick das Wort »Versager«.