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Es machte Spaß, dieses Leichenhemd zu verbrennen.

Während Apollos Hütte den Rundgesang leitete und Marshmallows mit Schokolade röstete, saß ich bei meinen alten Mitbewohnern aus der Hermeshütte, Annabeths Freundinnen aus der Athenehütte und Grovers Kumpeln von der Satyrfraktion, die die nagelneue Suchlizenz bewunderten, die er vom Rat der behuften Älteren erhalten hatte. Der Rat hatte Grovers Leistung bei unserem Einsatz als »Mutig bis zur Verdauungsstörung« bezeichnet. »Mehrere Hörner-und-Bart-Klassen über allem, was wir in der Vergangenheit gesehen haben.«

Die Einzigen, die nicht in Partystimmung waren, waren Clarisse und die anderen aus ihrer Hütte; ihre giftigen Blicke verrieten mir, dass sie niemals verzeihen würden, dass ich ihren Dad lächerlich gemacht hatte.

Aber damit konnte ich leben.

Nicht einmal Dionysos’ Willkommensrede konnte meiner guten Laune einen Dämpfer verpassen. »Ja, ja, hat der kleine Bengel sich also nicht umbringen lassen und wird die Nase jetzt noch höher tragen. Na, darauf rufen wir doch hussa. Ansonsten wird bekannt gegeben, dass es am Sonntag kein Kanurennen geben wird …«

Ich wohnte jetzt wieder in Hütte 3, fühlte mich dort aber nicht mehr so einsam. Tagsüber konnte ich mit meinen Freunden trainieren. Nachts lag ich wach und horchte auf das Meer und wusste, dass mein Vater dort war. Vielleicht wusste er noch immer nicht so recht, was er von mir halten sollte, vielleicht hatte er wirklich nicht gewollt, dass ich geboren wurde, aber er behielt mich im Auge. Und bisher war er stolz auf das, was ich geleistet hatte.

Meine Mutter hatte eine Chance auf ein neues Leben bekommen. Eine Woche nach meiner Rückkehr ins Camp traf ein Brief von ihr ein. Sie erzählte, Gabe sei auf unbegreifliche Weise verschwunden – er schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Sie hatte ihn bei der Polizei als vermisst gemeldet, hatte aber das seltsame Gefühl, dass die ihn niemals finden würde.

Die andere Mitteilung hatte damit gar nichts zu tun: Sie hatte ihre erste lebensgroße Skulptur verkauft, das Werk »Die Pokerpartie«, und zwar über eine Kunstgalerie in SoHo an einen Sammler. Dafür hatte sie so viel Geld bekommen, dass sie die Kaution für eine neue Wohnung bezahlen konnte und nun im ersten Semester an der Universität von New York studierte. Die Galerie in SoHo schrie nach weiteren Werken, die dort als »ein großer Fortschritt im superhässlichen Neorealismus« bezeichnet wurden.

Aber mach dir keine Sorgen, schrieb meine Mom. Mit Skulpturen bin ich durch. Ich habe auch den Karton mit dem Werkzeug weggegeben, den du hiergelassen hattest. Es wird Zeit, mich dem Schreiben zuzuwenden.

Unter den Brief hatte sie ein PS geschrieben: Percy, ich habe hier in der City eine gute Privatschule gefunden. Ich habe für dich ein Depositum bezahlt, für den Fall, dass du dort in die siebte Klasse gehen magst. Dann könntest du zu Hause wohnen. Aber wenn du lieber das ganze Jahr in Half-Blood Hill bleiben möchtest, dann kann ich das auch verstehen.

Ich faltete den Brief sorgfältig zusammen und legte ihn auf meinen Nachttisch. Ich las ihn jeden Abend vor dem Einschlafen und versuchte zu entscheiden, was ich antworten sollte.

Am 4. Juli versammelte das ganze Camp sich am Strand, weil Hütte 9 ein Feuerwerk veranstalten wollte. Als Kinder des Hephaistos wollten sie sich nicht mit ein paar öden blau-weiß-roten Explosionen zufriedengeben. Sie hatten im Wasser ein Boot verankert und es mit Raketen von der Größe von Patriot Missiles beladen. Annabeth, die das alles schon mal gesehen hatte, erzählte, die Explosionen würden so dicht aufeinander folgen, dass sie wie Comicfilme über den Himmel flammten. Als Finale sollte ein mehrere hundert Meter großer spartanischer Krieger über dem Ozean zum Leben erwachen, einen Kampf ausfechten und sich dann in eine Million Farben auflösen.

Als Annabeth und ich eine Picknickdecke ausbreiteten, tauchte Grover auf, um sich von uns zu verabschieden. Er trug wie üblich Jeans, T-Shirt und Turnschuhe, aber seit ein paar Wochen sah er älter aus, fast schon nach High School. Sein Kinnbart war kräftiger geworden. Er hatte zugenommen. Seine Hörner waren mindestens zwei Zentimeter gewachsen, deshalb musste er jetzt immer seine Rastamütze tragen, um als Mensch durchgehen zu können.

»Ich breche auf«, sagte er. »Ich wollte nur sagen … na ja, ihr wisst schon.«

Ich versuchte, mich für ihn zu freuen. Schließlich erhielt nicht jeden Tag ein Satyr die Erlaubnis, sich auf die Suche nach dem großen Gott Pan zu machen. Aber der Abschied fiel mir schwer. Ich kannte Grover erst seit einem Jahr, aber trotzdem war er mein ältester Freund.

Annabeth umarmte ihn. Sie ermahnte ihn, ja seine Fußattrappen zu tragen.

Ich fragte ihn, wo er mit der Suche beginnen werde.

»Ist eine Art Geheimnis«, sagte er und sah verlegen aus. »Ich wünschte, ihr könntet mitkommen, aber Menschen und Pan …«

»Alles klar«, sagte Annabeth. »Hast du genug Blechdosen für unterwegs?«

»Ja.«

»Und hast du an deine Rohrflöten gedacht?«

»Himmel, Annabeth«, meckerte er. »Du bist wie eine alte Ziegenmama.«

Aber er hörte sich nicht wirklich genervt an.

Er packte seinen Wanderstab und warf sich einen Rucksack über die Schulter. Er sah aus wie ein ganz normaler Tramper auf einem Highway in den USA – überhaupt nicht wie der kleine Junge, den ich vor den Schlägern auf der Yancy Academy beschützt hatte.

»Na dann«, sagte er. »Wünscht mir alles Gute.«

Er drückte Annabeth noch einmal an sich. Dann klopfte er mir auf die Schulter und verschwand in den Dünen.

Über uns explodierte das Feuerwerk. Herkules erschlug den Nemeischen Löwen, Artemis jagte den Eber, George Washington (der übrigens ein Sohn der Athene war) überschritt den Delaware.

»He, Grover«, rief ich.

Er war schon am Rand des Waldes, als er sich umdrehte.

»Wo du auch hingehst – ich hoffe, da gibt’s gute Enchiladas!«

Grover grinste, dann war er verschwunden und der Wald schloss sich um ihn.

»Wir sehen ihn wieder«, sagte Annabeth.

Ich versuchte daran zu glauben. Die Tatsache, dass in zweitausend Jahren kein Sucher jemals zurückgekehrt war … Na ja, ich beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken. Grover würde der erste sein. Das musste er einfach.

Der Juli verging.

Ich verbrachte meine Zeit damit, mir neue Strategien für die Flaggeneroberung auszudenken und mich mit anderen Hütten zu verbünden, damit die Flagge nicht in Ares’ Hände fallen konnte. Ich erreichte zum ersten Mal den Gipfel der Kletterwand, ohne von Lava verbrannt zu werden.

Ab und zu ging ich am Hauptgebäude vorüber, schaute zu den Mansardenfenstern hoch und dachte an das Orakel. Ich versuchte mir einzureden, dass seine Weissagung sich bereits erfüllt hatte.

Du gehst gen Westen, zu dem Gott, der sich gewendet.

Dort gewesen, alles erledigt – auch wenn sich Ares als der Verräter erwiesen hatte, nicht Hades.

Das, was gestohlen, legst du in die richt’gen Hände.

Abgehakt. Ein Herrscherblitz war abgeliefert worden. Der Helm der Finsternis zurück auf Hades’ pomadisiertem Kopf.

Ein Freund begeht an dir Verrat, der bitter schmerzt.

Diese Zeile machte mir noch immer zu schaffen. Ares hatte sich als mein Freund ausgegeben und mich dann verraten. Sicher hatte das Orakel das gemeint …

Und du versagst just dort, wo es betrifft dein Herz.

Ich hatte meine Mom nicht gerettet, aber nur um es ihr zu ermöglichen, sich selbst zu retten, und ich wusste, dass das richtig so gewesen war.

Warum also machte ich mir noch immer Sorgen?

Viel zu schnell war der letzte Abend des Sommers gekommen.

Wir aßen ein letztes Mahl zusammen. Wir opferten einen Teil unseres Essens den Gottheiten. Am Feuer überreichten die Berater uns unsere Tonperlen.