Ich erhielt mein Lederhalsband, und als ich die Perle für meinen ersten Sommer sah, war ich froh, dass das Licht des Lagerfeuers mein Erröten verbarg. Die Perle war pechschwarz, in der Mitte funkelte ein meergrüner Dreizack.
»Das wurde einstimmig beschlossen«, sagte Luke. »Diese Perle soll an den ersten Sohn des Meeresgottes hier im Camp erinnern und an den Auftrag, der ihn in den finstersten Teil der Unterwelt geführt hat, um einen Krieg zu verhindern.«
Alle sprangen auf und applaudierten. Sogar Ares’ Hütte fühlte sich dazu verpflichtet. Die aus Athenes Hütte schoben Annabeth nach vorn, damit auch sie am Applaus teilhaben konnte.
Ich weiß nicht, ob ich mich jemals so glücklich und traurig zugleich gefühlt habe wie in diesem Moment. Endlich hatte ich eine Familie gefunden, Menschen, denen ich wichtig war und die glaubten, dass ich etwas richtig gemacht hatte. Und am Morgen würden die meisten von ihnen für ein Jahr das Camp verlassen.
Am nächsten Morgen fand ich auf meinem Nachttisch einen Formbrief.
Ich wusste, dass Dionysos ihn ausgefüllt hatte, denn er schaffte es noch immer nicht, sich meinen Namen zu merken.
Lieber Peter Johnson,
falls du ganzjährig im Camp Half-Blood bleiben möchtest, musst du bis heute Mittag um zwölf das Haupthaus darüber informieren. Wenn diese Meldung ausbleibt, gehen wir davon aus, dass du deine Hütte geräumt hast oder eines entsetzlichen Todes gestorben bist. Bei Sonnenuntergang werden Putzharpyien ihre Arbeit aufnehmen. Sie sind befugt, alle nicht registrierten Campbewohner zu verschlingen. Alle persönlichen Besitztümer, die sich noch in der Hütte befinden, werden in der Lavagrube eingeäschert.
Einen schönen Tag noch.
Mr D (Dionysos)
Campleiter, Olympischer Rat #12
Auch das gehört zu ADHD. Fristen kommen mir ganz unwirklich vor, solange sie mir nicht ins Gesicht springen. Der Sommer war zu Ende, aber ich hatte weder meiner Mutter noch dem Camp gesagt, ob ich bleiben wollte. Und jetzt hatte ich nur noch wenige Stunden, um mich zu entscheiden.
Die Entscheidung hätte mir eigentlich nicht schwerfallen dürfen. Ich meine, neun Monate Heldentraining oder neun Monate Herumsitzen in einem Klassenzimmer – meine Fresse.
Aber ich musste auch an meine Mom denken. Zum ersten Mal hatte ich die Möglichkeit, ein ganzes Jahr bei ihr zu wohnen, ohne Gabe. Ich hatte die Möglichkeit, nach Hause zu fahren und mich nach Herzenslust in der Stadt herumzutreiben. Ich dachte an das, was Annabeth mir vor langer Zeit, während unseres Auftrags, gesagt hatte: Die wirkliche Welt ist da, wo die Ungeheuer sind. Da erfährst du, ob du etwas taugst oder nicht.
Ich dachte an das Schicksal von Thalia, der Tochter des Zeus. Ich fragte mich, wie viele Ungeheuer mich angreifen würden, wenn ich Half-Blood Hill verließ. Wenn ich das ganze Schuljahr hindurch an einem Ort ohne Chiron oder meine Freunde verbrachte, die mir helfen könnten, würden meine Mutter und erst recht ich bis zum nächsten Sommer überleben? Falls mich Rechtschreibklausuren und Erlebnisaufsätze nicht vorher umbrachten. Ich beschloss, in die Arena zu gehen und ein wenig Schwertkampf zu trainieren. Vielleicht würde ich dabei einen klaren Kopf bekommen.
Das Camp lag verlassen da, es flimmerte in der Augusthitze. Alle Bewohner waren in ihren Hütten und packten oder rannten mit Besen und Mopps durch die Gegend, um alles für die letzte Inspektion vorzubereiten. Argus half einigen Kindern der Aphrodite dabei, ihre Guccitaschen und Make-up-Koffer über den Hügel zu schleppen, wo der Bus des Camps schon wartete, um sie zum Flugplatz zu bringen.
Denk noch nicht an den Aufbruch, sagte ich mir. Trainier einfach.
Ich ging zur Arena der Schwertkämpfer und stellte fest, dass Luke dieselbe Idee gehabt hatte. Seine Trainingstasche lag am Rand des Platzes. Er war allein und schlug mit einem Schwert, das ich noch nie gesehen hatte, auf Pappkameraden ein. Offenbar besaß dieses Schwert eine echte Stahlschneide, denn er köpfte die Pappkameraden mühelos und durchbohrte ihre mit Stroh ausgestopften Wänste. Sein orangefarbenes Tutorenhemd triefte vor Schweiß. Er sah so konzentriert aus, als schwebte er wirklich in Lebensgefahr. Ich sah fasziniert zu, wie er die ganze Reihe von Pappkameraden ausweidete – er hackte ihnen die Glieder ab und reduzierte sie zu einem Haufen aus Stroh und Rüstungsresten.
Es waren nur Pappkameraden, aber trotzdem bewunderte ich Lukes Geschick. Er war ein unglaublicher Kämpfer und wieder fragte ich mich, wie es möglich sein konnte, dass er bei seinem Auftrag versagt hatte.
Endlich sah er mich und hielt mitten in einem Schlag inne. »Percy.«
»Äh, tut mir leid«, sagte ich verlegen. »Ich wollte nur …«
»Schon gut«, sagte er und ließ sein Schwert sinken. »Nur eine letzte Runde Training.«
»Diese Pappkameraden können jedenfalls niemandem mehr etwas tun.«
Luke zuckte mit den Schultern. »Wir basteln jeden Sommer neue.«
Da sein Schwert jetzt nicht mehr durch die Luft wirbelte, sah ich seine Besonderheit. Die Klinge war aus zwei verschiedenen Metallen geschmiedet, die eine Schneide war aus Bronze, die andere aus Stahl.
Luke fing meinen Blick auf. »Ach, das? Neues Spielzeug. Das ist Rückenbeißer.«
»Rückenbeißer?«
Luke drehte die Schneide ins Licht und sie funkelte boshaft auf. »Die eine Seite ist aus himmlischer Bronze. Die andere aus gehärtetem Stahl. Wirkt bei Unsterblichen und Sterblichen gleichermaßen.«
Ich dachte daran, was Chiron mir vor Beginn meines Auftrags eingeschärft hatte – dass ein Held Sterbliche nur verletzen sollte, wenn es wirklich gar nicht anders geht.
»Ich wusste nicht, dass sie solche Waffen herstellen können.«
»Sie können das vermutlich auch nicht«, sagte Luke. »Das ist ein Einzelstück.«
Er lächelte kurz und schob das Schwert in die Scheide. »Hör mal, ich wollte dich schon suchen. Lass uns ein letztes Mal in den Wald gehen und nach etwas Ausschau halten, mit dem wir kämpfen können.«
Ich weiß nicht, warum ich zögerte. Ich hätte erleichtert sein müssen, dass Luke so nett war. Seit ich von meinem Auftrag zurückgekehrt war, hatte er sich ein wenig distanziert verhalten. Ich hatte schon Angst, er könnte mir die viele Aufmerksamkeit verübeln, die mir zuteilgeworden war.
»Hältst du das für eine gute Idee?«, fragte ich. »Ich meine …«
»Ach, komm schon.« Er wühlte in seiner Sporttasche und zog sechs Cokes heraus. »Ich geb die Getränke aus.«
Ich starrte die Cokes an und fragte mich, wo zum Henker er die wohl herhatte. Im Campkiosk gab es keine Sterblichen-Getränke. Und man konnte auch keine einschmuggeln, wenn man nicht einen Satyrn überredet hatte.
Natürlich füllten die magischen Kelche beim Essen sich mit allem, was man sich wünschte, aber es schmeckte doch nicht wie echte Cola direkt aus der Dose.
Zucker und Koffein. Meine Willenskraft ließ nach.
»Na gut«, sagte ich. »Warum nicht?«
Wir gingen in den Wald und hielten Ausschau nach einem Ungeheuer, gegen das wir kämpfen könnten, aber es war zu heiß. Alle Monster, denen auch nur ein Rest Vernunft verblieben war, hielten sicher in ihren schönen kühlen Höhlen Siesta.
Wir suchten uns eine schattige Stelle an dem Bach, an dem ich bei meinem ersten Flaggenerobern Clarisse’ Speer zerbrochen hatte. Wir setzten uns auf einen hohen Felsen, tranken Coke und sahen zu, wie das Sonnenlicht durch den Wald fiel.
Nach einer Weile sagte Luke: »Hast du Sehnsucht nach einem neuen Auftrag?«
»Wo mich auf jedem Meter neue Ungeheuer angreifen? Machst du Witze?«
Luke hob eine Augenbraue.
»Ja, ich hab Sehnsucht danach«, gab ich zu. »Und du?«
Ein Schatten huschte über sein Gesicht.
Ich hörte von den Mädchen immer wieder, wie gut Luke doch aussah, aber in diesem Moment sah er nur müde und wütend aus und überhaupt nicht gut. Seine blonden Haare wirkten im Sonnenlicht grau. Die Narbe auf seiner Wange sah tiefer aus als sonst. Ich konnte ihn mir als alten Mann vorstellen.