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»Seit ich vierzehn war, lebe ich das ganze Jahr in Half-Blood Hill«, sagte er. »Seit der Sache mit Thalia … du weißt schon. Ich habe trainiert und trainiert und trainiert. Ich durfte nie ein normaler Teenager draußen in der wirklichen Welt sein. Dann haben sie mir einen Auftrag vor die Füße geworfen, und als ich zurückkam, hieß es: Schluss mit lustig, hab noch ein nettes Leben.«

Er presste seine Coladose zusammen und warf sie in den Bach und das schockierte mich wirklich. So ungefähr als Erstes lernt man in Half-Blood Hill nämlich, keinen Müll herumliegen lassen. Sonst kriegst du es mit Nymphen und Najaden zu tun. Und die rächen sich. Irgendwann willst du abends ins Bett gehen und dein Bettzeug wimmelt nur so von Tausendfüßlern und Schlamm.

»Zum Henker mit den Lorbeerkränzen«, sagte Luke. »Ich werde nicht wie diese staubigen Trophäen in der Mansarde enden.«

»Das klingt, als wolltest du weg hier.«

Luke lächelte verkrampft. »Natürlich will ich weg hier, Percy. Ich bin mit dir hergekommen, um mich von dir zu verabschieden.«

Er schnippte mit den Fingern. Ein kleines Feuer brannte vor meinen Füßen ein Loch in den Boden. Etwas Glänzendes, Schwarzes von der Größe meiner Hand kroch heraus. Ein Skorpion.

Ich wollte nach meinem Kugelschreiber greifen.

»Das würde ich lieber lassen«, sagte Luke. »Diese Sorte von Skorpionen kann fünf Meter hoch springen. Und sein Stachel kann deine Kleidung durchbohren. Du wärst innerhalb von sechzig Sekunden tot.«

»Luke, was …«

Dann begriff ich.

Ein Freund begeht an dir Verrat, der bitter schmerzt.

»Du«, sagte ich.

Er stand gelassen auf und klopfte sich die Jeans ab.

Der Skorpion beachtete ihn nicht. Er richtete seine schwarzen Knopfaugen auf mich und öffnete seine Zange, als er auf meinen Schuh stieg.

»Ich habe da draußen in der Welt sehr viel gesehen, Percy«, sagte Luke. »Hast du es nicht gespürt – die Dunkelheit, die sich zusammenballt, die Ungeheuer, die stärker werden? Ist dir nicht aufgegangen, wie sinnlos alles ist? Dieses ganze Heldentum – als Spielfigur der Gottheiten. Die hätten schon vor Jahrtausenden gestürzt werden müssen, aber sie haben durchgehalten und das verdanken sie uns Halbbluten.«

Ich konnte das alles nicht fassen.

»Luke … du redest von unseren Eltern«, sagte ich.

Er lachte. »Soll ich sie deshalb etwa lieben? Ihre kostbare ›abendländische Zivilisation‹ ist die Pest, Percy. Sie bringt die Welt um. Wir können dem nur ein Ende setzen, indem wir alles abfackeln und einen ehrlichen neuen Anfang machen.«

»Du bist genauso verrückt wie Ares.«

In seinen Augen flackerte es. »Ares ist ein Trottel. Er hat nie kapiert, welchem Herrn er wirklich dient. Wenn ich Zeit hätte, Percy, dann könnte ich dir das alles erklären. Aber ich fürchte, du lebst nicht mehr lange genug.«

Der Skorpion kletterte auf mein Hosenbein.

Es musste eine Rettung geben. Ich brauchte Zeit zum Überlegen.

»Kronos«, sagte ich. »Dem dienst du.«

Die Luft wurde kälter.

»Du solltest dich mit Namen vorsehen«, warnte Luke.

»Kronos hat dich den Herrscherblitz und den Helm stehlen lassen. Er hat in deinen Träumen zu dir gesprochen.«

Lukes Augen leuchteten auf. »Er hat auch zu dir gesprochen, Percy. Du hättest auf ihn hören sollen.«

»Das ist doch eine Gehirnwäsche, was er mit dir macht, Luke.«

»Da irrst du dich. Er hat mir gezeigt, dass ich hier meine Begabung vergeude. Weißt du, wie mein Auftrag vor zwei Jahren ausgesehen hat? Ich sollte für meinen Vater Hermes im Garten der Hesperiden einen goldenen Apfel stehlen und auf den Olymp bringen. Nach all dem vielen Training fiel ihm nichts Besseres für mich ein.«

»Das ist kein leichter Auftrag«, sagte ich. »Herkules musste das auch tun.«

»Genau«, sagte Luke. »Was ist schon großartig daran, etwas zu wiederholen, was andere schon geleistet haben? Die Götter können nur ihre Vergangenheit immer wieder durchspielen. Ich war nicht mit dem Herzen dabei. Der Drache im Garten hat mir das hier verpasst …« Wütend zeigte er auf seine Narbe. »Und als ich zurückkam, hab ich nur Mitleid geerntet. Ich hätte den Olymp Stein für Stein abreißen sollen, aber ich habe gewartet. Ich fing an, von Kronos zu träumen. Er hat mich überredet, etwas zu stehlen, was sich wirklich lohnt, etwas zu tun, wozu allen Helden bisher der Mut gefehlt hatte. Als wir zur Wintersonnenwende auf Exkursion gegangen sind, habe ich mich, als die anderen aus dem Camp schliefen, in den Thronsaal geschlichen und Zeus’ Herrscherblitz von seinem Thron genommen. Und auch Hades’ Helm der Finsternis. Du kannst dir nicht vorstellen, wie einfach das war. Die Olympier sind dermaßen eingebildet, nicht im Traum wären sie auf die Idee gekommen, dass irgendwer sie bestehlen könnte. Ihre Sicherheitsvorkehrungen sind einfach lachhaft. Ich hatte New Jersey schon halb hinter mir, als ich den Sturm grollen hörte und wusste, dass sie den Diebstahl entdeckt hatten.«

Der Skorpion saß jetzt auf meinem Knie und starrte mich aus glitzernden Augen an. Ich versuchte, meine Stimme ruhig klingen zu lassen. »Und warum hast du den Kram nicht Kronos gebracht?«

Lukes Lächeln wurde schwächer. »Ich … ich wurde zu zuversichtlich. Zeus schickte seine Söhne und Töchter los, um den gestohlenen Blitz zu suchen – Artemis, Apollo, meinen Vater Hermes. Aber Ares hat mich geschnappt. Ich hätte ihn besiegen können, aber ich war nicht vorsichtig genug. Er entwaffnete mich, nahm die Symbole der Macht an sich und drohte, sie zum Olymp zurückzubringen und mich bei lebendigem Leib zu verbrennen. Dann hörte ich Kronos’ Stimme, die mir sagte, was ich tun sollte. Ich gab Ares die Idee eines großen Krieges zwischen den Göttern ein. Ich sagte, er brauche die Sachen nur für eine Weile zu verstecken und den anderen beim Kämpfen zuzusehen. Sofort begannen seine Augen boshaft zu funkeln. Ich wusste, dass ich ihn am Haken hatte. Er ließ mich laufen und ich kehrte auf den Olymp zurück, ehe irgendwer mein Verschwinden bemerkt hatte.« Luke zog sein Schwert. Er fuhr mit dem Daumen über die flache Seite der Klinge und schien von ihrer Schönheit geradezu hypnotisiert zu sein. »Danach hat der Herr der Titanen … Er hat mich mit Albträumen bestraft. Ich habe geschworen, dass ich nie wieder versagen würde. Als ich dann wieder in Half-Blood Hill war, erfuhr ich in meinen Träumen, dass ein neuer Held eintreffen würde, einer, den man dazu bringen könnte, den Blitz und den Helm den Rest des Weges zu befördern – von Ares hinab in den Tartarus.«

»Du hast damals den Höllenhund in den Wald gerufen.«

»Chiron musste doch denken, du seist im Lager nicht sicher, und dich deshalb mit einem Auftrag losschicken. Wir mussten seine Befürchtungen bestätigen, dass Hades es auf dich abgesehen hatte. Und das hat geklappt.«

»Die fliegenden Schuhe waren verflucht«, sagte ich. »Sie hätten mich und den Rucksack in den Tartarus ziehen sollen.«

»Und das hätten sie auch getan, wenn du sie getragen hättest. Aber du hast sie dem Satyrn gegeben und das hatte ich nicht vorgesehen. Grover stürzt alles ins Chaos, was er anrührt. Er hat sogar den Fluch durcheinandergebracht.«

Luke schaute hinab auf den Skorpion, der jetzt auf meiner Hüfte saß. »Du hättest im Tartarus sterben sollen, Percy. Aber mach dir keine Sorgen. Ich überlasse dich hier meinem kleinen Freund, der wird das schon in Ordnung bringen.«

»Thalia hat ihr Leben geopfert, um dich zu retten«, sagte ich zähneknirschend. »Soll das vielleicht dein Dank sein?«

»Erzähl mir nichts von Thalia«, schrie er. »Die Götter haben sie sterben lassen. Und das gehört zu den vielen Dingen, für die sie bezahlen werden.«

»Du wirst benutzt, Luke. Du und Ares. Hör nicht auf Kronos.«

»Ich werde benutzt?« Lukes Stimme klang schrill. »Sieh dich doch selbst an. Was hat dein Alter denn je für dich getan? Kronos wird sich erheben. Du hast seine Pläne nur verzögert. Er wird die Olympier in den Tartarus stürzen und die Menschheit zurück in ihre Höhlen jagen. Alle außer die Stärksten – die, die ihm dienen.«