»Ruf die Wanze zurück«, sagte ich. »Wenn du so stark bist, dann kämpf du mit mir.«
Luke lächelte. »Netter Versuch, Percy. Aber ich bin nicht Ares. Mich kannst du nicht ködern. Mein Herr wartet und er hat jede Menge Aufträge für mich.«
»Luke …«
»Leb wohl, Percy. Ein neues goldenes Zeitalter bricht an. Aber du wirst darin nicht vorkommen.«
Er ließ sein Schwert einen Bogen beschreiben und verschwand in wogender Finsternis.
Der Skorpion setzte zum Stich an.
Ich strich ihn mit der Hand weg und drehte die Kappe von meinem Schwert. Der Skorpion sprang mich an und ich zerteilte ihn in der Luft.
Ich wollte mir schon gratulieren, als ich meine Hand sah. Meine Handfläche hatte eine große rote Beule, aus der dampfender gelber Eiter quoll. Das Ding hatte mich also doch erwischt.
Meine Ohren dröhnten. Ich konnte nicht mehr klar sehen. Wasser, dachte ich. Das hat mich schon einmal geheilt.
Ich stolperte zum Bach und hielt meine Hand hinein, aber nichts geschah. Das Gift war zu stark. Ich sah nur noch Dunkelheit. Ich konnte mich nur mit großer Mühe wieder aufrichten.
Sechzig Sekunden, hatte Luke gesagt.
Ich musste zurück ins Camp gelangen. Wenn ich hier draußen zusammenbräche, würde mein Körper einem Ungeheuer als Abendbrot dienen. Und niemand würde je erfahren, was passiert war.
Meine Beine fühlten sich bleischwer an. Meine Stirn brannte. Ich stolperte in Richtung Lager davon und die Nymphen schauten aus ihren Bäumen.
»Hilfe«, krächzte ich. »Bitte …«
Zwei nahmen meine Arme und zogen mich mit sich. Ich weiß noch, dass wir die Lichtung erreichten, dass ein Tutor um Hilfe schrie, dass ein Zentaur ins Muschelhorn stieß.
Und dann war alles nur noch schwarz.
Ich erwachte mit einem Trinkhalm im Mund. Ich trank etwas, das wie flüssige Schokokekse schmeckte. Nektar.
Ich öffnete die Augen.
Ich lag in einem Bett in der Krankenstube des Haupthauses und meine Hand war dick verbunden. In einer Ecke wachte Argus. Annabeth saß neben dem Bett, hielt das Nektarglas in der Hand und tupfte mir mit einem Waschlappen die Stirn ab.
»Da wären wir wieder«, sagte ich.
»Du Idiot«, sagte Annabeth und da wusste ich, wie überglücklich es sie machte, dass ich wieder bei Bewusstsein war. »Du warst grün und wurdest gerade grau, als wir dich gefunden haben. Ohne Chirons Heilkräfte …«
»Aber, aber«, sagte Chirons Stimme. »Percys Kraft hat auch ihren Anteil daran.«
Er saß am Fußende, in menschlicher Gestalt, und ich bemerkte ihn erst jetzt. Seine untere Hälfte war magischerweise in dem Rollstuhl untergebracht worden, die obere steckte in Jackett und Schlips. Er lächelte, aber sein Gesicht war müde und bleich, als hätte er die ganze Nacht hindurch Lateinklausuren korrigiert.
»Wie fühlst du dich?«, fragte er.
»Als ob meine Innereien zuerst gefroren und dann in der Mikrowelle gelandet wären.«
»Das passt, wenn wir bedenken, dass es Skorpiongift war. Und jetzt musst du mir genau erzählen, was passiert ist.«
Ich trank Nektar und berichtete.
Dann schwiegen alle sehr lange.
»Ich kann nicht glauben, dass Luke …« Annabeths Stimme versagte. Ihr Gesicht wurde wütend und traurig. »Doch, doch, ich kann es glauben. Mögen die Gottheiten ihn verfluchen … Nach seinem Auftrag ist er nie wieder der Alte geworden.«
»Wir müssen dem Olymp Bericht erstatten«, murmelte Chiron. »Ich mache mich sofort auf den Weg.«
»Luke ist irgendwo da draußen«, sagte ich. »Ich muss hinterher.«
Chiron schüttelte den Kopf. »Nein, Percy. Die Gottheiten …«
»… wollen Kronos ja nicht mal erwähnen«, fauchte ich. »Zeus selbst hat diese Diskussion für beendet erklärt.«
»Percy, ich weiß, dass das hart ist. Aber du darfst nicht einfach losstürzen, um dich zu rächen. Du bist noch nicht so weit.«
Das hörte ich nicht gern, aber irgendwie hatte ich den Verdacht, dass Chiron Recht hatte. Ein Blick auf meine Hand und ich wusste, dass ich nicht so bald wieder ein Schwert schwingen würde. »Chiron … Ihre Weissagung des Orakels … die hatte mit Kronos zu tun, nicht wahr? Bin ich darin vorgekommen? Und Annabeth?«
Chiron schaute nervös zur Decke hoch. »Percy, es steht mir wirklich nicht zu …«
»Ihnen ist aufgetragen worden, nicht mit mir darüber zu reden, nicht wahr?«
Seine Augen waren verständnisvoll, aber traurig. »Du wirst ein großer Held werden, Kind. Ich werde mein Bestes tun, um dich darauf vorzubereiten. Aber wenn ich Recht habe, was den Weg betrifft, der noch vor dir liegt …«
Donner dröhnte über uns und ließ die Fenster klirren.
»Na gut«, brüllte Chiron. »Von mir aus!«
Er seufzte frustriert. »Die Götter haben ihre Gründe, Percy. Es ist nie gut, zu viel über seine Zukunft zu wissen.«
»Wir können aber nicht einfach die Hände in den Schoß legen«, sagte ich.
»Das werden wir auch nicht«, versprach Chiron. »Aber du musst vorsichtig sein. Kronos hat es jetzt auf dich abgesehen. Er will dein Leben zerstören, will deine Gedanken mit Furcht und Wut verdunkeln. Tu ihm diesen Gefallen nicht. Widme dich dem Training. Deine Zeit wird kommen.«
»Falls ich lange genug lebe.«
Chiron legte mir die Hand auf den Knöchel. »Du musst mir vertrauen, Percy. Du wirst leben. Aber zuerst musst du entscheiden, welchen Weg du im kommenden Jahr gehen wirst. Ich kann dir nicht sagen, welche Entscheidung die richtige ist …« Ich hatte das Gefühl, dass er eine sehr klare Meinung hatte und sich sehr zusammennehmen musste, um mir nicht zu raten. »Aber du musst entscheiden, ob du das ganze Jahr im Camp bleiben oder für die siebte Klasse in die Welt der Sterblichen zurückkehren und nur im Sommer herkommen willst. Überleg es dir. Wenn ich vom Olymp zurückkehre, musst du mir deinen Entschluss mitteilen.«
Ich wollte widersprechen. Ich wollte ihm weitere Fragen stellen. Aber seine Miene sagte mir, dass es keine weitere Diskussion geben würde, er hatte mir alles gesagt, was er mir sagen konnte.
»Ich komme so schnell wie möglich zurück«, versprach Chiron. »Argus wird über dich wachen.«
Er schaute zu Annabeth hinüber. »Ach, und meine Liebe … wenn du so weit bist, sie sind da.«
»Wer ist da?«, fragte ich.
Niemand antwortete.
Chiron fuhr aus dem Zimmer. Ich hörte die Räder seines Rollstuhls vorsichtig die Treppe hinunterfahren, immer zwei Stufen auf einmal.
Annabeth musterte das Eis in meinem Glas.
»Was ist los?«, fragte ich.
»Nichts.« Sie stellte das Glas auf den Tisch. »Ich habe deinen einen Rat befolgt. Du … äh … brauchst du irgendwas?«
»Ja. Hilf mir beim Aufstehen. Ich will nach draußen.«
»Percy, das ist keine gute Idee.«
Ich hob die Beine aus dem Bett. Annabeth fing mich auf, ehe ich auf dem Boden aufschlug. Mich überkam heftiger Schwindel.
Annabeth sagte: »Ich hab dir doch erklärt …«
»Mir geht’s gut«, erwiderte ich trotzig. Ich wollte nicht wie ein Invalide im Bett liegen, während Luke dort draußen den Untergang des Abendlandes plante.
Ich machte einen Schritt. Dann noch einen, wobei ich mich schwer auf Annabeth stützte. Argus folgte uns nach draußen, blieb aber auf Distanz.
Als wir die Veranda erreicht hatten, war mein Gesicht schweißüberströmt. Mein Magen hatte sich total verkrampft. Aber ich hatte es bis ans Geländer geschafft.
Es dämmerte. Das Camp sah öde und verlassen aus. Die Hütten waren dunkel, das Volleyballfeld leer. Kein Kanu war auf dem See zu sehen. Hinter Wald und Erdbeerfeldern glitzerte die Meerenge von Long Island im letzten Sonnenlicht.
»Was hast du vor?«, fragte Annabeth.
»Ich weiß es nicht.«
Ich sagte ihr, dass ich das Gefühl hatte, dass Chiron mich das ganze Jahr hierbehalten wollte, damit ich mehr trainieren könnte, dass ich aber nicht sicher war, ob ich das auch wollte. Ich gab zu, dass es mir zu schaffen machte, sie hier alleinzulassen, mit Clarisse als einziger Gesellschaft …