Ich hätte ihm gern eine gescheuert, aber ich fing den Blick meiner Mom auf und wusste, dass sie mir ein Geschäft vorschlug: Sei jetzt erst mal nett zu Gabe. Nur bis wir nach Montauk aufbrechen können. Und dann sind wir ja weg von hier.
»Ich war schon unterwegs, Schatz«, sagte sie zu Gabe. »Wir mussten nur kurz über unseren Ausflug reden.«
Gabe kniff die Augen zusammen. »Den Ausflug? Soll das heißen, dass das wirklich dein Ernst war?«
»Ich hab es ja gewusst«, knurrte ich. »Er lässt uns nicht weg.«
»Natürlich tut er das«, sagte meine Mom gelassen. »Dein Stiefvater macht sich nur Sorgen wegen des Geldes. Das ist alles. Außerdem«, fügte sie hinzu, »muss Gabriel sich nicht mit Bohnendip zufriedengeben. Ich werde ihm genug Sieben-Lagen-Dip für das ganze Wochenende machen. Guacamole. Sour Cream. Alles.«
Das besänftigte Gabe ein wenig. »Und das Geld für euren Ausflug … das nimmst du also aus deiner Kleiderkasse, ja?«
»Sicher, Schatz«, sagte meine Mutter.
»Und du fährst mit meinem Wagen nur direkt hin und zurück, sonst aber nirgendwohin.«
»Wir werden sehr vorsichtig sein.«
Gabe kratzte sein Doppelkinn. »Vielleicht, wenn du dich mit diesem Superdip beeilst … und wenn der Kleine sich dafür entschuldigt, dass er meine Pokerpartie unterbrochen hat.«
Vielleicht, wenn ich dich in deine Weichteile trete, dachte ich. Und wenn du dann eine Woche lang Sopran singen kannst.
Aber der Blick meiner Mutter bat mich, ihn nicht zu reizen.
Warum ließ sie sich von diesem Typen so viel gefallen? Ich hätte schreien können. Was interessierte es sie denn, was er dachte?
»Tut mir leid«, murmelte ich. »Tut mir wirklich leid, dass ich deine unvorstellbar wichtige Pokerrunde unterbrochen habe. Bitte, geh jetzt sofort weiterspielen.«
Gabe kniff die Augen zusammen. Vermutlich versuchte sein Minigehirn, in meinen Worten irgendeinen Sarkasmus zu entdecken.
»Na, von mir aus«, entschied er.
Er ging zurück zu den anderen.
»Danke, Percy«, sagte meine Mom. »In Montauk reden wir dann über … über das, was du mir zu erzählen vergessen hast, okay?«
Einen Moment lang glaubte ich, in ihren Augen Besorgnis zu sehen – dieselbe Furcht, die ich auf der Busfahrt bei Grover entdeckt hatte –, und auch meine Mom schien diese seltsame Kälte in der Luft wahrzunehmen.
Aber dann war ihr Lächeln wieder da und ich nahm an, dass ich mich geirrt hatte. Sie strich mir noch einmal durch die Haare und ging dann in die Küche, um Gabe seinen Superdip zu machen.
Eine Stunde darauf waren wir aufbruchbereit.
Gabe unterbrach seine Pokerpartie gerade lang genug, um zuzusehen, wie ich Moms Taschen in den Wagen wuchtete. Er jammerte und klagte die ganze Zeit darüber, dass ihm jetzt das ganze Wochenende lang ihre Kochkünste – und, schlimmer noch, sein 78er Camaro – fehlen würden.
»Nicht einen Kratzer auf meinem Wagen, Superhirn«, warnte er mich, als ich die letzte Tasche hineinhob. »Nicht den geringsten kleinen Kratzer.«
Als ob ich selber fahren würde. Ich war zwölf. Aber Gabe war das egal. Auch wenn eine Möwe auch nur den kleinsten Klecks auf den Autolack fallen ließe, dann würde er mich dafür verantwortlich machen.
Während ich zusah, wie er zum Wohnblock zurückschlurfte, wurde ich so wütend, dass ich etwas tat, was ich nicht erklären kann. Als Gabe die Tür erreichte, machte ich die Handbewegung, die Grover im Bus gemacht hatte, eine Art Geste, die das Böse abwehren solclass="underline" Ich hielt eine Hand gekrümmt über mein Herz und schob sie dann in Gabes Richtung. Die Tür knallte dermaßen hart zu, dass sie ihn am Hintern traf und wie aus einer Kanone geschossen die Treppe hochfliegen ließ. Vielleicht lag es nur am Wind, vielleicht war mit den Türangeln etwas nicht in Ordnung – ich blieb nicht mehr lange genug, um das herausfinden zu können.
Ich stieg in den Camaro und bat meine Mom, Gas zu geben.
Die Hütte, die wir schon häufiger gemietet hatten, lag am Südufer, ziemlich weit oben an der Spitze von Long Island. Sie sah aus wie eine halb in den Dünen versunkene kleine pastellfarbene Schachtel mit verschossenen Vorhängen. Immer gab es Sand im Bettzeug und Spinnen in den Schränken und meistens war das Meer zu kalt zum Schwimmen.
Ich fand es wunderbar dort.
Wir waren schon hergekommen, als ich noch ein Baby gewesen war. Meine Mom sogar noch länger. Sie hatte es nie wirklich gesagt, aber ich wusste, warum dieser Strand ihr so wichtig war. Hier hatte sie meinen Dad kennengelernt.
Als wir uns Montauk näherten, schien sie immer jünger zu werden, Jahre der Sorge und der Arbeit verschwanden aus ihrem Gesicht. Ihre Augen nahmen die Farbe des Meeres an.
Wir trafen bei Sonnenuntergang ein, rissen alle Fenster auf und machten wie immer erst mal alles sauber. Dann liefen wir über den Strand, fütterten die Möwen mit blauen Maischips und aßen blaue Gummibärchen, blaues Salzwassertoffee und die vielen anderen Gratisproben, die meine Mom aus dem Laden mitgebracht hatte.
Ich sollte das mit den blauen Süßigkeiten wohl erklären.
Gabe hatte meiner Mom einmal gesagt, blaue Süßigkeiten gebe es nicht. Darüber stritten sie sich, was mir damals reichlich unwichtig vorkam. Aber seither hat meine Mom sich immer wieder alle Mühe gegeben, blau zu essen. Sie backte blaue Geburtstagskuchen. Sie mixte Blaubeersmoothies. Sie kaufte Tortillachips aus Blaumais und brachte blaue Bonbons aus dem Laden mit. Und das – sowie die Tatsache, dass sie ihren eigenen Namen behielt, Jackson, statt sich Mrs Ugliano zu nennen – bewies doch, dass Gabe sie nicht total eingewickelt hatte. Sie hatte eine rebellische Seite, so wie ich.
Als es dunkel wurde, machten wir ein Feuer. Wir brieten Hot Dogs und Marshmallows. Mom erzählte mir von früher, als sie noch klein gewesen war, bevor ihre Eltern bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Sie erzählte von den Büchern, die sie irgendwann schreiben wollte, wenn sie genug Geld gespart hätte, um im Süßigkeitenkiosk aufzuhören.
Endlich fasste ich mir ein Herz und brachte sie auf das Thema, an das ich immer denken musste, wenn wir nach Montauk kamen: meinen Vater. Mom traten Tränen in die Augen. Ich nahm an, sie werde dasselbe sagen wie immer, aber ich bekam es nie über, es zu hören.
»Er war lieb, Percy«, sagte sie. »Groß, gut aussehend und mächtig. Aber auch sanft. Du hast seine dunklen Haare, weißt du, und seine grünen Augen.«
Mom fischte ein blaues Gummibärchen aus der Tüte. »Ich wünschte, er könnte dich sehen, Percy. Er wäre so stolz.«
Ich hätte gern gewusst, wieso sie das meinte. Was war denn so toll an mir? Ein legasthenischer, hyperaktiver Junge mit einem miesen Zeugnis, der soeben von der sechsten Schule in sechs Jahren geworfen worden war.
»Wie alt war ich?«, fragte ich. »Ich meine … als er gegangen ist.«
Sie schaute in die Flammen. »Er war nur einen Sommer bei mir, Percy. Hier an diesem Strand. In dieser Hütte.«
»Aber … er hat mich doch als Baby gekannt.«
»Nein, mein Schatz. Er wusste, dass ich ein Baby erwartete, aber er hat dich nie gesehen. Er musste uns noch vor deiner Geburt verlassen.«
Ich versuchte, diese Auskunft mit der Tatsache in Übereinstimmung zu bringen, dass ich doch glaubte mich zu erinnern … an irgendetwas, das mit meinem Vater zu tun hatte. Ein warmes Glühen. Ein Lächeln.
Ich war immer davon ausgegangen, dass er mich als Baby gekannt hatte. Meine Mom hatte das nie so gesagt, aber trotzdem hatte ich das Gefühl gehabt, dass es so sein musste. Und jetzt zu hören, dass er mich nie auch nur gesehen hatte …
Ich war wütend auf meinen Vater. Vielleicht war das blöd von mir, aber ich war sauer auf ihn, weil er auf diese Seereise gegangen war, weil er meine Mom nicht vorher geheiratet hatte. Er hatte uns verlassen und jetzt saßen wir da mit Gabe Ugliano.
»Wirst du mich wieder wegschicken?«, fragte ich sie. »Auf ein anderes Internat?«
Sie zog ein Marshmallow vom Feuer.
»Ich weiß es nicht, mein Schatz.« Ihre Stimme klang belegt. »Ich glaube … ich glaube, wir werden etwas unternehmen müssen.«