»Weil du mich nicht im Haus haben willst?« Ich bereute diese Frage, sowie ich sie ausgesprochen hatte.
Meiner Mutter traten wieder Tränen in die Augen. Sie nahm meine Hand und drückte sie ganz fest. »Aber Percy, nein. Ich … ich muss das tun, Schatz. Deinetwegen. Ich muss dich wegschicken.«
Ihre Worte erinnerten mich daran, was Mr Brunner gesagt hatte: dass es besser für mich wäre, Yancy zu verlassen.
»Weil ich nicht normal bin«, sagte ich.
»Bei dir klingt das wie etwas Schlechtes, Percy. Aber du weißt eben nicht, wie wichtig du bist. Ich hatte gedacht, die Yancy Academy wäre weit genug entfernt. Ich dachte, da wärst du endlich in Sicherheit.«
»In Sicherheit wovor?«
Sie schaute mir in die Augen und eine Flut von Erinnerungen brach über mich herein – an all die seltsamen, beängstigenden Dinge, die mir jemals passiert waren und von denen ich einige zu vergessen versucht hatte.
In der dritten Klasse hatte mir auf dem Schulhof ein Mann in einem schwarzen Trenchcoat aufgelauert. Als die Lehrer ihm mit der Polizei drohten, war er knurrend weggegangen, und niemand hatte mir geglaubt, dass er unter seinem breitkrempigen Hut nur ein Auge mitten auf der Stirn gehabt hatte.
Und davor – das war eine ganz frühe Erinnerung. Ich ging in den Kindergarten und eine Kindergärtnerin hatte mich zum Schlafen in ein Bett gelegt, in das eine Schlange geschlüpft war. Meine Mom schrie wie am Spieß, als sie mich holen kam und ich mit einem schlaffen, schuppigen Seil spielte, das ich auf irgendeine Weise mit meinen Patschhändchen erwürgt hatte.
Auf jeder Schule war etwas Unheimliches passiert, etwas Bedrohliches, und deshalb hatte ich wechseln müssen.
Ich wusste, dass ich meiner Mom von den drei alten Damen vor der Obstbude erzählen müsste und von Mrs Dodds im Museum, von meiner seltsamen Halluzination, dass ich meine Mathelehrerin mit einem Schwert zu Staub zerschlagen hatte. Aber ich brachte es einfach nicht über mich, ihr das alles zu sagen. Ich hatte das komische Gefühl, dass diese Mitteilungen unseren Aufenthalt in Montauk beenden würden, und das wollte ich nicht.
»Ich habe versucht, dich so nah bei mir zu behalten, wie das überhaupt nur möglich war«, sagte meine Mom. »Sie haben mir gesagt, dass das ein Fehler wäre. Aber es gibt nur eine andere Möglichkeit, Percy – den Ort, von dem dein Vater gesagt hat, ich sollte dich hinschicken. Und das … das bringe ich einfach nicht über mich.«
»Mein Vater wollte mich auf eine ganz besondere Schule schicken?«
»Keine Schule«, sagte sie leise. »Ein Sommercamp.«
In meinem Kopf drehte sich alles. Warum sollte mein Vater, der nicht einmal lange genug geblieben war, um meine Geburt zu erleben, mit meiner Mutter über ein Sommercamp geredet haben? Und wenn das so wichtig war, warum hatte sie es bisher nie erwähnt?
»Es tut mir leid, Percy«, sagte sie, als sie meinen Blick sah. »Aber ich kann nicht darüber sprechen. Ich – ich könnte dich einfach nicht dorthin schicken. Das wäre vielleicht ein Abschied für immer.«
»Für immer? Aber wenn es nur ein Sommercamp ist …«
Sie drehte sich zum Feuer und ich konnte ihr ansehen, dass sie in Tränen ausbrechen würde, wenn ich ihr jetzt noch weitere Fragen stellte.
In dieser Nacht hatte ich einen lebhaften Traum.
Am Strand wütete ein Sturm und zwei wunderschöne Tiere, ein weißes Pferd und ein goldener Adler, versuchten sich in der Brandung gegenseitig umzubringen. Der Adler glitt zu Boden und zerfetzte die Pferdeschnauze mit seinen langen Klauen. Das Pferd bäumte sich auf und versetzte den Adlerflügeln Tritte. Während sie kämpften, grollte es in der Erde und eine gewaltige Stimme irgendwo im Erdinneren feuerte die Tiere zu einem noch härteren Kampf an.
Ich rannte auf sie zu, ich wusste, dass ich sie daran hindern musste, sich gegenseitig zu töten, aber ich bewegte mich in Zeitlupe. Ich wusste, dass ich zu spät kommen würde. Ich sah den Adler wieder herabstoßen, sein Schnabel zielte auf die weit aufgerissenen Augen des Pferdes, und ich schrie: »Nein!«
Ich fuhr im Bett hoch.
Draußen stürmte es wirklich, ein Sturm von einer Stärke, die Bäume umknickt und Häuser einstürzen lässt. Am Strand gab es kein Pferd und keinen Adler, es gab nur Blitze, die ein trügerisches Licht verströmten und meterhohe Wellen, die wie Kanonendonner gegen die Dünen anrannten.
Vom nächsten Donnerschlag wurde meine Mom geweckt. Sie setzte sich mit großen Augen auf und sagte: »Hurrikan.«
Ich wusste, dass das nicht sein konnte. So früh im Sommer gab es auf Long Island keine Hurrikane. Aber das schien das Meer vergessen zu haben. Durch das Brüllen des Windes hörte ich aus der Ferne ein dumpfes Grollen, ein wütendes, gequältes Geräusch, bei dem mir die Haare zu Berge standen.
Und dann war da ein viel näheres Geräusch, wie Holzhämmer, die auf den Sand schlugen. Und eine verzweifelte Stimme – jemand schrie und hämmerte an unsere Haustür.
Meine Mutter sprang im Nachthemd aus dem Bett und riss den Riegel zurück.
Draußen im strömenden Regen stand Grover. Aber er war … er war irgendwie doch nicht Grover.
»Ganze Nacht gesucht«, keuchte er. »Was hast du dir denn dabei gedacht?«
Meine Mutter schaute mich voller Entsetzen an. Nicht wegen Grover, sondern, weil er überhaupt gekommen war.
»Percy«, fragte sie und sie musste brüllen, um durch den Regen hindurch gehört zu werden, »was ist in der Schule passiert? Warum hast du mir das nicht gesagt?«
Ich stand wie erstarrt und glotzte Grover an. Ich begriff nicht, was ich da sah.
»O Zeu kai alloi theoi!«, schrie er. »Es ist gleich hinter mir. Hast du es ihr denn nicht gesagt?«
Ich war zu erschüttert, um zu registrieren, dass er soeben auf Altgriechisch geflucht und dass ich ihn sehr gut verstanden hatte. Ich war zu erschüttert, um mich zu fragen, wie Grover mitten in der Nacht hierhergelangt war. Denn Grover trug keine Hose – und dort, wo seine Beine hätten sein müssen … wo seine Beine hätten sein müssen …
Meine Mom schaute mich streng an und sagte in einem Tonfall, den ich noch nie von ihr gehört hatte: »Percy. Raus damit!«
Ich stammelte etwas über die alten Damen am Obststand und über Mrs Dodds und meine Mom starrte mich an. Ihr Gesicht sah im Licht des Blitzes totenbleich aus.
Sie packte ihre Handtasche, warf mir meine Regenjacke zu und sagte: »Zum Auto. Alle beide. Los!«
Grover rannte zum Camaro – nun ja, er rannte nicht direkt. Er trabte, er schüttelte sein zottiges Hinterteil und plötzlich ergab diese Geschichte von den Muskelproblemen in seinen Beinen für mich einen Sinn. Ich wusste jetzt, warum er so schnell laufen konnte und beim Gehen trotzdem hinkte.
Denn dort, wo seine Füße hätten sein sollen, waren keine Füße. Dort waren gespaltene Hufe.
Meine Mutter gibt mir Unterricht im Stierkampf
Wir jagten über dunkle Landstraßen durch die Nacht. Der Wind schlug auf den Camaro ein. Der Regen peitschte auf die Windschutzscheibe. Ich begriff nicht, wie meine Mom überhaupt irgendetwas sehen konnte, aber sie hatte die ganze Zeit ihren Fuß auf dem Gas.
Bei jedem Blitz schaute ich Grover an, der neben mir auf dem Rücksitz saß, und fragte mich, ob ich den Verstand verloren hatte oder ob er eine Art Flokati-Hose trug. Aber nein, er roch nach etwas, woran ich mich von den Ausflügen her erinnern konnte, die wir mit dem Kindergarten in den Streichelzoo gemacht hatten – nach Lanolin, nach Wolle. Er roch wie ein nasses Tier auf einem Bauernhof.
Das Einzige, was mir zu sagen einfiel, war: »Meine Mom und du … ihr kennt euch also?«
Grovers Blick flog zum Rückspiegel, obwohl es hinter uns keine Autos gab. »Nicht so ganz«, sagte er. »Ich meine, wir sind uns noch nie persönlich begegnet. Aber sie hat gewusst, dass ich dich im Auge behalte.«
»Du behältst mich im Auge?«
»Ich beobachte, was du so machst. Überzeuge mich davon, dass bei dir alles in Ordnung ist. Aber ich hab nicht nur so getan, als ob ich dein Freund wäre«, fügte er eilig hinzu. »Ich bin wirklich dein Freund.«