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Entsetzt hatte sie sich hinter dem Kohlenschuppen versteckt. Durch die Spalten im Mauerwerk beobachtete sie, wie Richard einige Papiere in seine Satteltasche stopfte. Wie die anderen Männer war er mit einem schwarzen Umhang bekleidet. Seine hohen schwarzen Reitstiefel trugen keine Quasten oder Spitzen wie die der Cavaliere, und sein breiter schwarzer Hut war federlos. Sie hörte, wie er im Streit die Stimme hob. Jemand, den Richard Colonel Royce nannte, sagte, sie müssten augenblicklich nach Norden reiten, um sich dem König anzuschließen. Richard beschimpfte ihn wüst und sagte, wenn sie sich Highpoints bedienen wollten, müssten sie Richtung Osten aufbrechen.

»Nach Highpoint in Richtung Osten?« Eaton packte Jane bei den Schultern. »Highpoint liegt im Westen! Osten? Bist du sicher?«

Sie war sich sicher. Wie der Teufel wandte Richard seinen Rücken der untergehenden Sonne zu und ritt gen Osten, und die anderen folgten ihm.

Eaton versuchte mich buchstäblich aus der Küche zu zerren. Er wollte auf der Stelle aufbrechen und Richard nachreiten.

»Aber wohin?«

»Nach Poplar! Das Loch, aus dem du stammst.«

»Poplar? Warum?«

Er war zu sehr darauf bedacht, sofort aufzubrechen, um mehr zu sagen. Er rannte nach draußen zu seinem Pferd und rief mir zu, ihm zu folgen. Als ich mich weigerte, Jane zurückzulassen, drohte er, allein aufzubrechen. Ich argumentierte, dass die anderen mehrere Stunden Vorsprung hatten und wir morgen früh besser vorankämen. Langsam und widerstrebend kehrte er zurück. Sein Gesicht zeigte denselben Ausdruck, der mir während seiner Unterredung mit Lord Stonehouse aufgefallen war: eine Mischung aus widerwilligem Gehorsam und Hass. Die Ländereien von Highpoint waren, wie er mir gerade erzählt hatte, sein ganzes Leben. Ein Teil von ihm glaubte immer noch oder hoffte, er könnte Seine Lordschaft davon überzeugen, dass ich ein Stonehouse sei. Möglicherweise war ich der Schlüssel zu dem Land. Er würde nicht, konnte nicht ohne mich gehen.

Von diesem Moment an begann ich, wie ich zugeben muss, ein geheimes Vergnügen an diesem Gedanken zu finden, obgleich ich es mir kaum eingestehen mochte. Dieser Mann, der einmal ohne zu zaudern für den Preis von zwei halben Kronen meinen Tod befohlen hatte; vor dem ich in Todesangst gelebt hatte, seit Matthew mich vor ihm gewarnt hatte, dieser Mann beugte sich, wenn auch mit Widerwillen, meinen Wünschen! Es war unmöglich, keine Befriedigung zu empfinden, unmöglich, mich nicht zu benehmen, als sei ich ein Stonehouse. Er erwartete es. Er erwartete diesen arroganten Tonfall, dieses Vorrecken des Kinns, und im Laufe der folgenden Tage begann ich tatsächlich, nach und nach dieses Gebaren anzunehmen. Zunächst tat ich es im Scherz, stolzierte dahin und spielte meine Rolle, doch als sich seine Haltung dadurch veränderte und der Umgang mit ihm leichter wurde, vergaß ich fast, dass ich nur eine Rolle spielte.

Ich war ebenso erpicht darauf wie er, den Anhänger in die Hände zu bekommen. Allerdings wollte ich dadurch Freiheit von den Stonehouse’ erlangen, nicht einer von ihnen werden. Ich wollte frei sein, um Anne heiraten zu können. Doch ich versuchte nicht länger, Eaton davon zu überzeugen, weil er das seinerseits für den größten Witz aller Zeiten hielt.

Schließlich wurde ein Pfarrer aufgetrieben, und erst jetzt war Jane bereit, das Haus zu verlassen. Während ich sie noch tröstete, kam eine Nachricht von Lord Stonehouse, in der er Eaton anwies, sich mit dem Advokaten zu treffen, der Turville ersetzen sollte. Eaton murmelte, dass man stets von ihm erwarte, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, und vereinbarte, sich am nächsten Tag mit dem Mann in einer Taverne in der Nähe von Lincoln’s Inn zu treffen, wo wir nach unserer Rückkehr von Poplar einkehren würden.

Ich hob Jane auf den Rücken von Eatons Pferd, und wir brachten sie zum Half Moon Court. Eaton klebte an mir wie eine Entenmuschel am Schiff. Ich führte Jane nach oben, damit Sarah sich um sie kümmern konnte.

Als ich wieder nach unten kam, erschreckte Eaton mich, weil er wie ein Geist in Mr Blacks Lehnstuhl saß. Er würde mich nicht aus den Augen lassen, und als ich ihm erklärte, ich würde auf dem Boden schlafen, schlug er vor, sich dazuzulegen, die Dielen seien schließlich verdammt bequem im Vergleich zu manch anderen Orten, an denen er schon genächtigt hatte. Als er meinen Gesichtsausdruck sah, klopfte er mir lachend auf den Rücken. »Macht Euch keine Sorgen, Mr Tom! Ich werde Euch nicht im Schlaf meucheln – dazu seid Ihr viel zu kostbar.«

Er faltete seinen Umhang zu einem Kissen zusammen und sah in der Tat so zufrieden aus, als legte er sich in ein Federbett, und begrüßte den Boden wie einen alten Bekannten. Die Zeit kurz vor dem Einschlafen ist eine merkwürdige Zeit. Menschen vertrauen einander Dinge an, die sie bei Tageslicht niemals preisgeben würden. Er erzählte mir, dass er ein Findelkind sei, das von der Gemeinde aufgezogen worden war. Ein hungriges Maul, das niemand haben wollte. Er rannte davon, schlief unter Hecken, in Scheunen und Ställen. Er wilderte und stahl in jedem Winkel von Lord Stonehouse’ Ländereien. Er wurde von Lord Stonehouse ausgepeitscht und zur Gemeinde zurückgeschickt. Er lief erneut davon und wurde gefasst, als er den Hunden einen Hasen zu entreißen versuchte, ehe die Jäger die Meute erreichten. Dieses Mal wurde er so schwer gepeitscht, dass seine Wange aufriss. Die Wunde begann zu eitern und hinterließ eine bleibende Narbe. Lord Stonehouse verabscheute Wilddiebe, aber er war fasziniert von diesem wilden Tier, das sich lautlos wie ein Habicht auf ein Rebhuhn stürzen konnte, das die Fährte jedes Hasen zu kennen schien und, was noch wichtiger war, jedes Wilddiebs. Anfangs wurde er geduldet, dann bediente man sich seiner Kenntnisse, und schließlich beschäftigte man ihn als Stallburschen.

Eatons Augen fielen zu, er rollte sich zusammen wie ein Tier und war auf der Stelle eingeschlafen. Es dauerte lange, bis ich ihm in den Schlaf folgte, während ich seine Narbe beobachtete, die sich im Halbdunkel hob und senkte.

24. Kapitel

Am nächsten Tag herrschte einiger Schrecken und Verwirrung über Eatons Anwesenheit, ganz zu schweigen von Jane, die Sarah verstimmte, indem sie als Erste aufstand und Feuer machte. Eaton erklärte, es sei alles ein großes Missverständnis gewesen und dass wir eine Einigung erzielt hätten. Es wurde nie genauer erläutert, worin diese Einigung bestand, doch Mr Black war außer sich vor Freude und drückte Eaton die Hand.

Ich hielt mein Wort gegenüber Lord Stonehouse und zog die feinen Kleider aus, mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und Bedauern. Mir entging nicht, dass ich in Eatons Augen mit dem Ablegen der Kleider auch einen Teil der Fassade eines Stonehouse abgelegt hatte. In Eatons Lächeln schwang ein Hauch Sarkasmus mit, als er mich in meinem Lederwams und den Kniehosen sah. Es war, als sei ich zum gemeinen Soldaten degradiert worden. Er hatte einen derben, wenn auch sich wiederholenden Sinn für Humor, den ich niemals bei ihm erwartet hätte, und so rief er mir immer wieder zu: »Bereit machen … präsentiert … Feuer!«

Er sattelte mein Pferd auf einer Seite des Apfelbaums, während Anne auf die andere Seite kam, um sich zu verabschieden. Das Wetter war umgeschlagen, und die ersten Blätter begannen zu fallen. Sie trat in einen kleinen Haufen von ihnen und wollte wissen, warum ich meine Kleider gewechselt habe.

»Weil ich in der Armee bin.«

»Und warum bist du dann nicht bei Will? Und dem Rest der Einheit?«

Ich hatte das Gefühl, es hatte sich zu viel ereignet, um ihr alles in der kurzen Zeit zu erzählen. Nun, das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Aus irgendeinem Grund war mir unwohl bei dem Gedanken, ihr von dem sonderbaren Treffen mit Lord Stonehouse zu erzählen. Hier im Half Moon Court wehte ein anderer Wind. Ich hatte mich im Eimer auf dem Hof gewaschen, wie ich es immer getan hatte. Hatte mich in der Druckerei umgezogen, wo der Geruch der Tinte mir wie der frischeste Duft erschien. Und wichtiger als alles andere war Annes Ausdruck reiner Freude, als sie mich sah.