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Doro schüttelte den Kopf. Der Riese setzte sich ins Gras und blinzelte in die Sonne. Seine helle Haut glänzte im Mittagslicht. Er konnte nur schwer stehen, äußerst beschwerlich gehen, die Gelenke. Seine verstorbene Frau, hieß es, habe ihn nur genommen, weil er täglich eine Flasche Wein vom König bekam. Doch er war von großer Sanftmut. Jetzt kniff er die Augen zusammen und sah sich um, und dann erspähte er durch seine transparenten Wimpern etwas. Marie folgte seinem ausgestreckten Arm mit ihrem Blick. Aus dem Schatten des Waldes löste sich eine Gruppe von Menschen, deren kostbare Gewänder zu ihnen herüberglitzerten.

»Das ist der englische Gärtner«, sagte sie, und der Tierwärter sah sich um, als überlegte er, ob es sich wohl lohne anzulegen, doch er ließ die Flinte über der Schulter.

John Adey Repton, der dort vorüberging, war der Sohn des berühmten englischen Landschaftsgärtners Humphry Repton und besuchte in diesem Frühsommer 1822 auf Einladung des Fürsten Pückler den preußischen Hof. Lenné war angewiesen, ihm Sanssouci, Charlottenburg, den Neuen Garten und auch die Pfaueninsel zu zeigen, was ihm bitter war, behauptete Pückler doch bei jeder Gelegenheit, er sei un pauvre génie auprès Repton und habe höchst einseitige, in England längst veraltete Ideen.

Und tatsächlich haftete Lennés ganzer Karriere etwas an, das mit seiner Zierlichkeit zu tun haben mochte, eine gewisse Leichtgewichtigkeit, die in eklatantem Widerspruch zu den Dimensionen seiner Arbeit stand, zum Zuschnitt seiner Planungen und zu dem Heer von Gehülfen, Zeichnern und Gärtnern, das er dirigierte. Wobei seine Ruhmsucht nur der blinde Spiegel der Tatsache war, daß seine Triumphe zu spät kamen, was er auch an diesem Tag, als er hinter dem Sohn Reptons über die Pfaueninsel ging, gespürt haben mochte. Die englische Gartenkunst hatte ihren Höhepunkt bereits überschritten, und daran änderte auch Lennés gigantisches Umbauprojekt einer ganzen Landschaft zu jenem Raum der Schönheit nichts, von dem die Pfaueninsel nur ein kleiner Teil war.

Repton, der einen einfachen schwarzen Rock trug und in einer Hand einen langen Gärtnerstab, blieb stehen und deutete mit seinem Stab auf irgend etwas. Ein Diener hielt einen roten chinesischen Sonnenschirm über seinen kugeligen Kopf. Lenné, der einen Schritt hinter dem Engländer geblieben war, beeilte sich, an seine Seite zu kommen. Sein silberdurchwirkter Rock glitzerte dabei unruhig. Im selben Moment trat eine kleine Gestalt hinter ihm hervor, und Marie erkannte ihren Bruder.

»Christian!« rief sie überrascht und winkte ihm zu, während er sich schon beeilte, über die Wiese zu ihnen zu kommen.

Die kleine Doro zupfte Marie an ihrem Kleid, als wollte sie wissen, was da geschah, und sie beugte sich zu der Kleinen hinab, strich ihr lächelnd übers Haar und sagte: »Mein Bruder besucht mich!«

»Ja, und da ist er auch schon«, begrüßte er sie lachend und schloß seine Schwester in die Arme.

Marie legte ihren Kopf in seine Achsel und ließ sich von ihm lange halten. Dann aber drückte sie ihn entschlossen von sich weg und betrachtete ihn genau. Seit er bei dem Schneider von Klein Glienicke war, nähte er auch für sich selbst, und sie war sehr stolz darauf, wie gut er seitdem aussah. Heute trug er eine gelbe flachsene Jacke und ebensolche Hosen, auf dem Rücken ein großes Felleisen, das er jetzt auf den Rasen warf.

»Wie kommt es, daß du mit dem Garten-Director reist?«

»Ich hab’ den Kutscher gebeten, kurz zu halten, damit ich aufspringen konnte. Da heute wenig zu tun war, dachte ich, ich nutze die Gelegenheit.«

»Das ist Carl«, sagte Marie. »Carl Ehrenreich Licht vom 1. Garderegiment. Ein Kriegsveteran, wie es unser Vater war.«

Der Riese grinste breit. Christian sah seine Schwester fragend an.

»Siehst du nicht, was er anhat? Carl braucht Hosen und Hemden.«

»Und?«

»Der Onkel zahlt es. Carl hilft im Schloß.«

Christian nickte. »Na, dann leg dich mal hin.«

Und er schnallte das Felleisen auf und holte Maßband und Nadelkissen hervor und ein kleines Büchlein. Nestelte einen Bleistiftstummel aus seiner Jacke. Der Riese lag währenddessen wie ein gefällter Baum auf der Wiese, die pfannengroßen Hände vor dem Bauch gefaltet, und blinzelte stoisch in den Himmel. Doro stand neben ihm und drehte ihr schwarzes Haar in den Fingern, doch als Christian über den liegenden Riesen hinwegzuklettern begann, in einer Hand sein Buch, in der anderen das Maßband, die Nadeln zwischen den Lippen, nahm der Tierwärter seine staunende Tochter mürrisch bei der Hand und zog sie grußlos weg.

»Hast du gesehen«, flüsterte Christian am Abend Marie ins Ohr, »wie grimmig der geguckt hat?«

Marie nickte und schmiegte sich fester in seinen Arm. »Ja, aber hast du auch gesehen, wie die Kleine geguckt hat? Ich mag sie.«

Lange schon hatte Christian nicht mehr mit den andern am Eßtisch beim Abendessen gesessen, und lange war er nicht mehr hier oben unter dem Dach im Zimmer seiner Schwester gewesen.

»Was hast du eigentlich dabei?« Marie nickte zu dem prall gefüllten Felleisen hinunter, das neben dem Bett lag.

»Zieh dich aus!« flüsterte er.

Darauf hatte sie gewartet. Gleich sprang sie auf. »Was ist es?«

»Zieh dich aus!«

»Ein Kleid?«

»Zieh dich aus!«

Eilig schlüpfte Marie aus ihren Sachen. Erwartungsvoll stand sie im Unterkleid vor ihm, während Christian die Lederriemen der Tasche aufknüpfte.

Der Regen fiel seit Tagen ununterbrochen, und pulsierende Wasseradern schlängelten sich die großen Fenster hinab. Seit Monaten war niemand im Schloß gewesen, überall und ganz besonders hier im Saal roch es feucht und etwas modrig. Und kalt war es. Marie versuchte, noch ruhiger zu atmen, während sie wartete und in den verregneten Wintertag hinaussah.

Endlich hörte sie Stimmen, Schritte, Lachen, dann stieß ein Adjutant die Flügeltüren so heftig auf, daß sie gegen die Wandpaneele knallten, und der König kam herein. Mit einem solchen Aplomb war er sonst nie erschienen, aber bei jenen Gelegenheiten war er ja auch stets allein gewesen. Mit schnellen Schritten war der König in der Fensternische, in der er dann für gewöhnlich gesessen hatte, doch diesmal hatte er nur einen schnellen Blick für Marie und ein Nicken, schon kam zunächst Lenné herein, und Marie war sogleich enttäuscht, Gustav diesmal nicht bei seinem Herrn zu sehen, wenngleich, und dieser Gedanke blitzte im selben Moment auf, es ihr unangenehm wäre, wenn er sie hier mit dem König sähe. Aber er war ja nicht hier. Statt dessen folgte, nebst der üblichen königlichen Entourage, sein Onkel mit einem älteren Mann, den Marie nicht kannte.

Lenné, in der Hand einen großen Plan, begann sofort zu sprechen und verwies immer wieder auf seine Denkschrift. Doch mit etwas, das er ihnen gerade im Park gezeigt haben mußte, war der König offenbar unzufrieden, denn er forderte ihn unbeirrt auf, sich in eigenen Worten zu erklären. Lenné nickte. Gewiß Majestät. Nochmals erläuterte er, wo er den Adlerkäfig vorsah, das Affenhaus, den Känguruh- und den Ziegenstall, den Wolfskäfig, den Schweinestall, den Käfig für die fremdländischen Vögel und das Wasservogelhaus. Anders als im Jardin des Plantes sollten die Gebäude entlang einer Sichtachse gruppiert werden. Der König schien wenig begeistert.

»Ihre Majestät begreifen immer noch nicht das Geistreiche meiner Idee!« zischte Lenné, bereute im selben Moment seinen Fehler und hielt inne.

Unerträgliches Schweigen, niemand rührte sich. Alle warteten darauf, was der König erwidern würde. Doch nichts geschah. Der König wechselte Spiel- und Standbein und rückte seinen Säbel zurück, dessen Spitze dabei polternd das Parkett touchierte, aber er sagte nichts. Da begann Lenné langsam, den Plan aufzurollen. Der Moment war vorüber. Als wollte er am liebsten hinaus, machte der König einen Schritt auf Marie zu und spähte in den Regen über der Havel.

»Lichtenstein«, befahl er leise, und sofort trat der ältere Herr zu ihm, der mit Fintelmann hereingekommen war.