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Martin Hinrich Carl Lichtenstein hatte als Leibarzt des Gouverneurs vom Kap der Guten Hoffnung in Afrika seine Vorliebe für Tiere entdeckt und war seit fast zwanzig Jahren Professor für Zoologie an der Universität. Marie betrachtete ihn genau, denn sie kannte den Namen aus der Königlich privilegirten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen im Verlag Vossischer Erben, kurz: der Vossischen Zeitung, in der sie oft schon kleine Mitteilungen von seiner Hand gelesen hatte, die sich etwa mit einem erstaunlichen Fund sibirischer Mammutknochen, mit isländischen Elentieren oder einer im Plötzensee gefundenen seltenen Fischgattung beschäftigten. Marie hatte gehört, daß der Professor, den man in der Stadt den Vertrauten der Skorpione und Krokodile nannte, den Obersten der Tiere, sogar in der Universität selbst wohne, ganz in der Nähe seiner ausgestopften Löwen und Tiger.

»Und, Hinrich? Was meint Er dazu?«

Marie konnte sich nicht darauf konzentrieren, was Lichtenstein sagte, denn mit Unbehagen spürte sie, daß er sie dabei musterte, als würde sie klassifiziert. Sie senkte ihren Blick und rief sich zur Ordnung, ruhiger zu atmen. Ich bin ein Ding, dachte sie, dann wurde es plötzlich still. Das Parkett knarrte erwartungsvoll unter den Schritten der Männer. Vorsichtig sah Marie hoch und stellte erschrocken fest, daß nun beide sie ansahen, der Professor und der König. Kalt der Blick des Zoologen, der König aber lächelte ihr fast unmerklich zu, sein Blick tastete zärtlich über ihre Gestalt hin. Schließlich gab er sich einen Ruck und drehte sich auf den Absätzen seiner Stiefel um.

»Meine Herren!«

Sofort kam Bewegung in den Raum, alle Blicke ruhten wieder auf dem Regenten, er sagte nur wenige Sätze, zustimmendes Gemurmel war zu hören. Marie sah, wie Lenné die Hände hinter dem Rücken verschränkte und sich triumphierend aufrichtete. Dann strebte alles hinaus, und die Schritte der Männer polterten die Treppe hinab. Und so federnd trat der König aus dem Schloß, daß seine Begleiter, die einen gewissen Abstand zu ihm hielten, später darauf gewettet hätten, er sei die beiden Stufen vor dem Portal hinabgehüpft. Er blieb im Kies stehen und setzte die Uniformmütze auf, denn es regnete noch immer, sah sich um und holte tief Atem.

Es ging ihm keineswegs um einen Plan zur Verschönerung der Pfaueninsel. Alle, die meinten, er liebe diese Insel, täuschten sich. Es war die Abneigung gegen seinen Vater und all das, was er hier von ihm vorgefunden hatte, die ihn antrieb. Das war auch der Grund seiner Begeisterung für den zwergenhaften Lenné. Letztlich war Schönheit ihm ganz gleichgültig und nur ein probates Mittel, die Fortpflanzungskraft des Vaters, der er seine verhaßten Geschwister verdankte, auch hier zum Versiegen zu bringen, indem er Lenné aus dem zwar spielerischen, doch produktiven landwirtschaftlichen Betrieb der Insel einen sterilen Garten machen ließ, der nichts hervorbrachte als eben Schönheit. Und in den er Tiere aus aller Welt setzen würde, die hier so wenig zu Hause waren wie er selbst. Ihre Majestät begreifen immer noch nicht das Geistreiche meiner Idee! Was dem Kerl einfiel! Der König mußte lächeln und stieß den nassen Kies zu seinen Füßen mit der Stiefelspitze weg, Er begriff sehr wohl Lennés Ideen, er begriff sie sogar besser als dieser selbst.

»Wissen Sie, mein lieber Fintelmann: Das Körpergefühl der eigenen Bewegung ist der Hauptsinn für das Verständnis eines jeden Gartens.«

Lenné stand am Rand der Schloßwiese, in der Hand einen langen Zeigestock, und sah sich zu Fintelmann um. Seine Gehülfen waren seit dem Frühling damit beschäftigt, die Menageriegebäude abzustecken, gerodet war bereits, nun galt es, die neue Wegführung festzulegen. Er würde die Pfaueninsel zu einem Landschaftspark machen, der zwischen den beiden unveränderten Polen Schloß und Meierei die Menagerie im klassizistischen Gewand aufnahm. Zwei große Sichtachsen würden alles miteinander verbinden, eine Durchsicht hier von der Schloßwiese bis zur Meierei und eine zweite, die vom Rosengarten zur Menagerie und weiter zum östlichen Havelufer führte. Überall würde es schmale Durchblicke und weite Fernsichten auf die Bauten und die schönsten Prospekte geben, und Blicke in die jetzt außer am Schloß noch ganz verborgene Flußlandschaft des Haveltals, in der die Insel mit ihrem dichten Schilfgürtel bisher selbstvergessen trieb, um bald schon darin optisch festgezurrt zu werden.

Der zentrale Raum, Focus seiner ganzen Idee der Insel, war dabei die Schloßwiese, von der aus im Westen die weite Wasserfläche gen Potsdam im Blick lag mit dem schräg gestellten sentimentalischen Schloß davor, im Süden das Rosenlabyrinth, im Norden und im Osten die Unendlichkeit des Naturschönen in den beiden Achsen, an deren Enden einerseits die ruinenhafte Meierei an Vergänglichkeit, andererseits die glitzernde Fontäne inmitten der Tiere an die Virilität des Lebens gemahnen würden. Lenné war zufrieden.

In diesem Jahr würden zunächst die Sichtachsen gerodet und die Menageriegebäude begonnen, im nächsten Jahr dann die Wege befestigt und die Pflanzungen vorgenommen werden. Er plante Nadelbäume am Ufer, um den rauhen Wind wegzunehmen, ansonsten, neben einheimischen Bäumen wie Rotbuchen, Linden, Ulmen, Zitterpappeln, Ahorn auch viel fremdländisches Gehölz. Zunächst Platanen, die Lieblingsbäume des Königs, doch auch Sumpfzypressen, den geheimnisvollen Ginkgo und die biblische Libanonzeder. Dann Flügelnuß, Edelkastanie, Gleditschie und Maulbeerbäume. Götterbäume, damals eine große Seltenheit, ließ Lenné auf der Insel selbst aus amerikanischen Samen ziehen. Die Plätze für zwei Tulpenbäume hatte er bereits bestimmt.

Lenné nickte Fintelmann zu, und sie gingen los. Lenné zog den Zeigestock mit beiden Händen nach, so daß er eine Linie in die Erde ritzte. »Man geht«, erläuterte er dabei, »den bereits durch den Plan bestimmten Hauptpunkten zu, dabei mit starken Schritten der schönen Wellenlinie nach, die einem die geübte Einbildungskraft vorbildet und gleichsam vorschweben läßt.«

Lenné war von Anfang an klar gewesen, daß das, was er auf der Insel ins Werk setzen würde, nichts mehr mit der natürlichen Landschaft zu tun hatte und nicht mehr aus ihren Ressourcen würde gespeist werden können. Daher hatte er in seiner Denkschrift die Errichtung eines durch Dampf betriebenen Wasserdruckwerks an der Havel gefordert, um all die künftigen Pflanzen und Tiere versorgen zu können, und der König hatte sofort zugestimmt. Es war die erste Dampfmaschine, die man in Preußen zu diesem Zweck installierte, und zwar in einem Maschinenhaus dicht am Ufer, von dem aus sie mittels eines Rohrs Seewasser ansaugen und durch eine andere Röhre auf den höchsten Punkt der Insel pumpen würde, wo Lenné ein Reservoir in Form eines Brunnens bauen ließ. Im September 1824 wurde die Maschine der englischen Firma James & John Cockerill, die in der Neuen Friedrichstraße in Berlin ihren Sitz hatte, für sechstausend Taler geliefert.

James Cockerill, im Londoner Eastend geboren und seit fünf Jahren in Berlin, sommersprossig, rothaarig und in einen stutzerhaft engen Manchesteranzug gekleidet, trat breitbeinig vom Landungssteg der Insel herunter, beugte sich vor und ließ einen Spuckebatzen in den Sand fallen, wobei er sich neugierig umsah. Von der Schönheit dieser Insel des Königs hatte man sogar in der Enge des dritten Hinterhofs gehört, in dem sich seine Firma befand. Fuck the hell, dachte er.

Die Henriette kam langsam heran, dabei eine schmale weiße Fahne aus dem Schornstein in den tiefblauen Sommerhimmel hinaufspinnend, an Bord der Präsident der Preußischen Seehandlung, Rother, der in Hamburg einen Löwen für die Pfaueninsel in Empfang genommen hatte. Der König erwartungsvoll mit Gefolge am Kastellanshaus im Kreis der Inselbewohner. Heiseres Tuten zur Ankunft, beantwortet von einem Brüllen, das alle erschreckte. Haltetaue wurden verzurrt, zwei Bohlen polterten auf den Steg, der Präsident sprang an Land, machte dem König, der herankam, eilig die Honneurs. Er ist, sagte Rother, und um seine Mundwinkel zuckte ein nervöser Tic, aus St. Thomas, ganz jung im Senegal gefangen und zusammen mit zwei Affen und einem Ameisenbären und einem Waran nach Hamburg verschifft.