Hatte sie auf dem ganzen Herweg Angst vor dem gehabt, was sie hier sehen würde, war ihr Herz jetzt ganz ruhig. Vergessen jedoch die Idee, hier nach Rubinglas zu suchen, als hätte die Vergangenheit endgültig ihre Kraft verloren. Ruhig und aufmerksam schritt Marie durch die verkohlten Leiber, die weißgekochten Augen ohne Blick, das Blut auf der Erde, und mußte dabei an Schlemihl denken und das Motto jenes Gartens, von dem er erzählt hatte: Solo per toccar il cuore. Nur um das Herz zu berühren. Das hier berührte ihr Herz.
Marie wußte, daß Kriepe, der Jäger, mit seinen Gehilfen dafür verantwortlich war, sie sah sein gleichgültiges Gesicht vor sich. Dabei war es ihr unangenehm, an ihn zu denken, denn er, groß und mager und mit wachen Augen, war jener eine, dem sie nicht widerstanden hatte. Immer wieder einmal hatte einer der Tagelöhner oder auch Gehülfen es bei ihr versucht, seit sie kein Kind mehr war, nie hatte Marie sich darauf eingelassen. Nur einmal, bei Kriepe, wäre es beinahe geschehen.
Däumlingin, Zwergin, gewiß. Märchenwörter – wir erinnern uns an den Anfang. Aber wie wäre es, hielte man tatsächlich einmal eine so kleine Hand? Striche über einen so schmalen Rücken? Ein Kindskörper, was sonst. Ein Kindskörper, nichts sonst. Läge er neben einem, sänke er in die Matratze nicht ein, seine Bewegungen wären vogelhaft leicht. Doch so einfach ist es nicht. Weder ihr Blick noch ihre Stimme die eines Kindes. Sich über sie beugen. Sie festhalten. Da verschwindet dann die Unberührbarkeit all der Märchenwörter, und ihr Mund, größer als alles an ihr, wird im Kuß plötzlich zum Eingang der Frau, die sie ist. Und Kriepe erstarrte. Und Marie entwand sich seiner Umarmung und lief davon.
Nur um das Herz zu berühren. Aber ist das, was uns berührt, nicht immer das Schöne? Marie mußte an die Treibhäuser denken, in denen der Onkel Schönheit zu jeder Zeit produzierte und ein Blühen und Befruchten ganz nach Wunsch. Wie unheimlich das war! Forma bonum fragile est, fiel der Ovid ihr ein, den Mahlke ihnen beigebracht hatte: Schönheit ist zerbrechlich.
Und sie mußte daran denken, wie der Riese einmal im Scherz Gustav hochgehoben hatte, wie er es mit jedem tat, jeden Erwachsenen so für einen Moment wieder zum Kind oder eben zum Zwerg machend. Marie lachte immer sehr darüber. Doch hatte Gustav den Griff des Riesen wohl nicht erwartet, denn als dieser ihn anhob, schrie er. Schrie und strampelte, ersichtlich voller Ekel und Panik, bis man ihn wieder hinabließ. Was berührt unser Herz? Gustav hatte ihr Herz berührt, und er war schön für sie gewesen, obwohl er immer ein wenig weiblich, ja weibisch wirkte mit seinen breiten Hüften und seiner zu saftigen Unterlippe. Der vollendet schöne Leib ist zugleich der schwache, hieß es bei den Alten, Adonis kein Herakles und dieser nicht schön. Pflanzen kennen keine Liebe und kein Begehren, hatte Gustav einmal zu ihr gesagt. Dabei könnte man meinen, Blüten seien nichts anderes als hilflos schöne Zeichen allergrößter Sehnsucht nach Berührung. Aber nicht einmal das ließ er gelten. Lieber als Blüten, das wußte Marie nur allzu genau, waren Gustav die Blätter der Pflanzen. Das hatte Lenné ihn gelehrt. Ob sich daran etwas änderte auf seiner Reise? Ob sich etwas geändert haben würde bei seiner Rückkehr?
Wie sie es sich vorgenommen hatte, setzte Marie sich, die toten Tiere und den Gestank im Rücken, auf einen Baumstumpf, von dem aus sie auf die sommerliche Havel hinaussah und hinüber ans andere Ufer, und schlug auf ihren Knien das Tuch mit den getrockneten Maulbeeren auseinander, die sie mitgenommen hatte, um sie eben hier zu essen. Ihr war nicht danach, und mit spitzen Fingern rollte sie die winzigkleinen Gehirne lange umeinander, manche heller, manche dunkler, bis sie sich überwinden konnte, diese weichen und ein wenig klebrigen Beeren eine nach der anderen in den Mund zu stecken.
4 Pavianaffen, 3 Mongabäiaffen, 2 Tjäckoaffen, 3 Mandrillaffen, 3 Kapuzineraffen, 1 Affe von Ceylon, 4 Känguruhs, 6 Repaul-Ziegen, 27 tibetanische Ziegen, 8 Lamas, 12 schottische Schafe, 5 ägyptische Schafe, 4 Fettschwanzschafe, 16 ungarische Schafe, 14 Merinoschafe, 9 Edelhirsche, 25 Damhirsche, 1 bengalischer Hirsch, 1 Reh, 3 Gazellen, 1 Hirschpferd, 1 Zebu, 5 Büffel, 7 Arahs, 2 Kakadus, 4 Perequetos, 4 Quistitiaffen, 1 Jackoaffe, 1 Schweinsschwanzaffe, 1 Klammeraffe, 1 Moustacaffe, 1 Löwe, 3 Bären, 1 Wolf, 1 Wolfshund, 4 Bernhardinerhunde, 2 Füchse, 6 wilde Schweine, 1 chinesisches Schwein, 1 Bisamschwein, 1 Stachelschwein, 2 Pfaueninselschwäne, 3 Coatis, 1 brasilianischer Fuchs, 1 Aguti, 1 Murmeltier, 2 Eichhörnchen, 5 Hasen, 6 Reiher, 4 Störche, 3 Kraniche, 1 Pelikan, 1 Papagei, 1 Alpenkrähe, 6 Schildkröten, 4 Seeadler, 2 Steinadler, 1 Goldadler, 5 Milane, 4 Sperber, 1 Uhu, 2 Schleiereulen, 6 Baumeulen, 1 Ohreneule, 1 Marabou-Storch, 85 verschiedene Enten, 1 Elster, 16 Schwarzamseln, 5 Stare, 8 Dompfaffen, 4 Kanarienvögel, 3 Wachtelkönige, 3 Finken, 15 Goldfasane, 2 Rohrdommeln, 4 Wasserhühner, 2 Fischmöwen, 119 verschiedene Tauben, 3 Rebhühner, 63 Pfauen, 31 Perlhühner, 90 verschiedene Hühner, 2 schwarze Schwäne, 3 Singeschwäne, 7 Schwangänse, 34 verschiedene Gänse, 13 Fasane, 13 Puten, 8 Crammetsvögel, 8 Wachteln, 1 Kernbeißer, 5 Lerchen, 1 Wiedewahle, 2 Hämpferlinge, 2 Zeisige, 29 Silberfasane, notierte Ferdinand Fintelmann akribisch den Tierbestand der Insel.