So vergingen die drei Jahre von Gustavs Reise. Einmal, im Herbst des Jahres, an dem seine Rückkehr erwartet wurde, an den Büschen rot die Hagebutten und blaubehaucht die herben Schlehen, versammelten sich alle am Abend um ein Kartoffelfeuer am Feldrand. Alle, dachte Marie, das hieß: die Krüppel der Pfaueninsel. Es war keiner der Besuchstage, an denen sie es vermieden, sich gemeinsam zu zeigen, um nicht mehr Aufmerksamkeit zu erregen als nötig. Carl, der Riese, stand da und neben ihm Theobald Itissa aus Ragoda in Afrika, ein Mohr, wie der Onkel sagte, sehnig und mit pechschwarzer Haut, der in den wenigen deutschen Worten, die er sprach, immer von der Schönheit des Sees erzählte, an dem er geboren worden war. Wenn der König auf die Insel kam, ließ er ihn rufen, wobei ihm ausdrücklich aufgetragen war, mit nacktem Oberkörper und barfuß zu erscheinen. Und auch Doro war dabei, die Tochter des Tierwärters Becker, die seit Kindertagen an dem Riesen einen Narren gefressen hatte. Marie verstand das Mädchen, auch sie mochte es, wenn der große Mann lachte. Und mit der ganzen Hand umklammerte sie manchmal seinen Daumen und dann hob er sie hoch.
Selbst Christian war an diesem Tag wieder einmal zu Besuch auf der Insel. Sie sahen sich nur noch selten, und Marie bewunderte den braunen weichen Mantel, den er an diesem Tag trug und in den der Herbstwind fuhr, der auch das Feuer anfachte. Energisch prasselten die dürren Stauden und verglühten eilig zu weißer Asche, auf die die Gartengehülfen immer neue häufelten, dabei im Rauch verschwindend und wieder erscheinend und dazwischen mit flinken Hacken hurtig den kalten Boden auskämmend. Schwer streifte der Sack, den die Kartoffeln beulten, über die Furchen. Es wehte die Glut aus dem prasselnden Feuer in die kahlen Äste der Bäume hinein und dann weiter, in den Himmel hinauf. Marie sah zu lange den Funken nach, die schnell verloschen in der kalten Luft.
Und plötzlich hörten sie alle, wie der Löwe markerschütternd brüllte, verstummten erschrocken und sahen sich an. Auch der Löwe, dachte Marie in diesem Moment, war einer von ihnen, Einzelexemplar einer Gattung wie sie selbst, und anders als all die anderen Tiere wurden sie nicht paarweise zur Paarung gehalten, zu gefährlich war ihre Häßlichkeit, keine Blutlinie sollte durch ihr Leben führen, sie mußte enden wie jene des gefährlichen Leuen, dessen einsames Brüllen ihnen durch Mark und Bein ging.
In jenem Herbst bestellte der König Marie zum allerletzten Mal zu sich. Er hatte das in den letzten Jahren nur mehr selten getan, und überhaupt nicht mehr, seit die Mesalliance mit Auguste von Harrach bestand. So wunderte sich Marie einigermaßen, als man sie holen ließ, und mehr noch, als sie ins Schloß kam, denn kein Personal war in den Räumen, völlig still war es, offenbar nur der Kammerdiener da, der vor ihr die Treppe hinaufstieg, die Tür zum Saal für sie öffnete und hinter ihr wieder zuzog.
Auch hier war niemand, nur auf einem Stuhl am Fenster lag achtlos hingeworfen ein Shawl. Marie trat hinzu und strich darüber hin. Der Shawl war himmelblau. Vor den Fenstern schwarze Nacht. Wenige Kerzen brannten flackernd in den Leuchtern. Marie kannte den Shawl. Es war einer von dreien aus den Haaren der Nepalziegen hier auf der Insel. Über Jahre hatte man die feinen Härchen gesammelt und sie schließlich, als eine ansehnliche Menge beisammen war, im Potsdamer Waisenhaus gereinigt. Mit der Schnellpost sodann ins preußische Aachen geschickt und von dort mit einem Kurier an den preußischen Gesandten nach Paris, der sie der Firma Albert Simon & Cie., Successeurs de Fernaux & Fils. Pour les Schalls, Mérino, Cachemires & Nouveautés in der Rue de Fossés Nr. 2 in Montmartre übergab. Dort wurden aus den Haaren drei Shawls gewoben und auf demselben Weg nach Berlin zurückexpediert. Zwei davon hatte der König seinen Töchtern geschenkt, der Kaiserin von Rußland und der Prinzessin der Niederlande. Und den dritten der Fürstin Liegnitz, wie die kaum fünfundzwanzigjährige, katholische, nicht standesgemäße Auguste von Harrach hieß, seit der König sich mit ihr in morganatischer Ehe verbunden hatte.
»Majestät?«
Niemand antwortete. Stets hatte er hier am Fenster gesessen, wenn er sie ins Schloß hatte rufen lassen, aber er hatte sie auch noch nie in der Nacht zu sich bestellt. Marie wußte nicht, was sie jetzt tun sollte. Ratlos nahm sie den Shawl, der wunderbar leicht und weich war und nach Maiglöckchen duftete, und preßte ihn an ihr Gesicht.
Da öffnete sich eine der hohen Flügeltüren und ein blauer, flackernder Lichtschein fiel auf das kunstvoll verschlungene Parkettmuster. Es war der König, der dort in der Tür stand, gewiß, und doch war Marie von seinem Anblick so überrascht, daß sie einen Moment lang daran zweifelte, ob er es tatsächlich sei. Trug er doch einen Nachtrock, der zudem, wie sie selbst gegen das Licht erkennen konnte, offen stand. Marie sah weiße Leibwäsche und Strümpfe an Strumpfhaltern in Lederpantoffeln. Der König winkte sie heran. Sie legte den Shawl auf den Stuhl zurück, ging wortlos an ihm vorüber, und er schloß hinter ihr die Tür zu dem Raum, der, wie sie wußte, das königliche Schlafcabinett war.
Natürlich sah Marie sofort zum Bett hinüber. Als sie aber erkannte, was dort vor sich ging, schlug sie nicht nur die Augen nieder, sondern hielt sich beide Hände vor das Gesicht. Doch gleich faßte der König sie an der Schulter, und flehentlich sah sie zu ihm hinauf. Sie wollte das nicht sehen! Doch mit einem Nicken forderte er sie eben dazu auf. Die Fürstin Liegnitz lag auf dem schmalen Feldbett, Marie erkannte sie gleich. Bei ihrem ersten Besuch auf der Insel hatte der König seine neue Frau den Bewohnern vorgestellt, ein Moment, über dem die eisige Erinnerung an Königin Luise so deutlich gelegen hatte wie nie seit ihrem Tod.
Die Fürstin war eine hochgewachsene und bis zur Sehnigkeit dünne Person mit einem großen, scharfgeschnittenen Mund und schwarzen kurzen Locken. Bleich und herrisch hatte sie dagestanden, offensichtlich sehr zufrieden mit ihren Reitstiefeln aus bestem englischen Leder, die sie auch später stets trug, wenn sie auf die Insel kam. Ihr Lieblingswallach stampfte so unruhig auf, daß der Pferdeknecht seine liebe Mühe mit ihm hatte. Die Fürstin ritt mit großer Leidenschaft, und zwang sie die Etikette in Berlin zu Damensattel und langem Kleid, trug sie hier auf der Insel ebenjene Stiefel zu Hosen, und kaum war das Pferd an Land, schwang sie sich in den Sattel und setzte über die Wiesen hinweg. Der Kontrast zur verstorbenen Königin, die sich in der Sänfte über die Insel hatte tragen lassen, wenn sie einmal nicht mit den Kindern spazierte, konnte nicht größer sein. Der König beruhigte Fintelmann, er werde für die Schäden, die das Tier verursache, eine zusätzliche Summe anweisen lassen.
Und jene Stiefel waren es auch jetzt, die Marie als erstes neben dem Bett bemerkte. Ordentlich standen sie da am Fußende, Schaft an Schaft, die Absätze nebeneinander, während die Fürstin selbst alles andere als ordentlich dalag. Die spitzenverzierte Decke offenbar in einem Anfall übergroßer Hitze so heftig zur Seite geschlagen, daß sie meistenteils zu Boden hing, krümmte und bog sich der sehnige Körper der Fürstin nackt auf der Matratze. Marie wandte sich erneut ab und wollte hinaus, der König hielt sie fest und drehte sie wortlos wieder herum. Für einen Moment roch sie seinen etwas seifigen, schlaffen Geruch. Er zwang sie hinzusehen, wobei das blaue zitternde Licht, das den Raum als einziges erhellte, es Marie schwermachte zu verstehen, was genau auf dem Bett vor sich ging.