Zunächst sah sie nur den bleichen Leib und wie die Fürstin, aufstöhnend wie vor Schmerz, den Kopf umherwarf, die Linke am Eisengestell festgeklammert, während die Rechte zwischen ihren Beinen hin- und herfuhr mit einem Gerät, das Marie zunächst nicht genau ausmachen konnte. Neben dem Bett, bemerkte sie erst jetzt, kniete eine der Kammerkatzen der Fürstin, ein ganz junges Ding mit ebenso krausen Haaren wie ihre Herrin, vor sich auf dem Boden eine Kugel, von der ebenjenes blaue zitternde Licht ausging, wobei es Marie so erschien, als wäre es das Mädchen selbst, das es auf eine seltsame Weise erzeugte. Denn vor sich, angebracht auf einer marmornen Platte, war nebst der blitzewerfenden Kugel eine Kurbel befestigt, von der Zofe eifrig betätigt, die dabei ebenso in Schweiß geriet wie ihre Herrin.
Marie sah: Ließ das Mädchen in ihrer Anstrengung nach, wurden die blauen Blitze um die wohl kupferne, jedenfalls spiegelglatt polierte Kugel schwächer, strengte die Zofe sich aber an, zuckte und blitzte es, illuminierte den ganzen Raum, und die Fürstin warf sich in diesem Lichtgewitter stöhnend von einer Seite des Bettes auf die andere. Was die beiden Frauen dabei verband, war eine Art Seil, das von der Kugel hinauf zum Bett und zur Fürstin sich schlängelte, hin zu ihrer Rechten und zwischen ihre Schenkel, zu jenem Gerät, das sie dort wie eine Art Pinsel bewegte, als bemalte und betupfte sie in äußerster Erregung ihr Geschlecht.
Gerade kam die Kammerkatze aus dem Takt, die Kurbel rutschte ihr aus der Hand, und das Licht erlosch beinahe. Die Fürstin atmete geräuschvoll aus und blieb einen Moment still liegen, als wartete sie nur darauf, daß es weitergehe. Langsam zog sie jenen Pinsel hervor, den aber, wie Marie jetzt sah, keineswegs Borsten krönten, sondern eine bleiche glänzende Spitze, die aus Walbein sein mochte. Aber schon drehte die Zofe die Kurbel wieder, heftiger als zuvor, das blaue Licht explodierte beinahe, und Marie sah, wie jene beinerne Spitze zu zucken begann und die Fürstin sich beeilte, sie zwischen ihren Beinen zu bergen.
Die Entwicklungsgeschichte der Gartenkunst verläuft ganz parallel zu derjenigen unserer sexuellen Phantasien, und beide teilen sich selbst die Länder, in denen sie ihre jeweils prägende Form fanden. Dem italienischen Renaissancegarten entsprechen Boccaccios amouröse Novellen, den absolutistischen Ordnungen französisch-barocker Rabatten die Ordnungsdelirien eines de Sade. Und so ist der englische Garten Ausdruck unserer Moderne und findet sein Pendant in den Perversionen unserer einsamen Seelen, denn er ist nichts als die abgewandte Seite der Großstadt, und durch London irrt denn auch der arme Walter, dessen Tagebücher so lüstern wie mechanisch den Traum von der Liebe beenden. Von alldem aber wußte Marie nichts, die sich hilflos nach dem König umsah, der noch immer hinter ihr stand. Wie sie starrte er reglos an, was vor ihnen geschah. Und er tat ihr leid. Endlich aber bemerkte er ihren Blick, schob sie sanft voran, und sie durchquerten, ohne daß die beiden Frauen sie beachteten, den Raum. Leise schloß er die Tür des Arbeitscabinetts hinter ihnen.
Der König setzte sich auf den Stuhl an dem kleinen Schreibtisch, den er sich hier hatte aufstellen lassen, direkt unter einem der Fenster, durch das die schwarze Nacht hineinblakte. Saß eine ganz Weile lang einfach da und sah unendlich ernst auf das blaue Licht, das in dünnem Schein durch die Türritzen drang. Marie wußte nicht, was tun, wagte es aber auch nicht, ihn nach seinen Wünschen zu fragen. Sein Blick war so starr und ernst. Schließlich aber trat sie an ihn heran und schlug den Nachtrock zur Seite. Als bemerkte er nicht, was sie tat, ließ er den Blick auch dann noch nicht von der Tür, als sie begann, sein Glied zu reiben. In den Mund, wie Christians, nahm sie es nicht. Doch als er kam, fing sie alles in der hohlen Hand auf, machte einen Knicks und huschte hinaus.
Sechstes Kapitel. Pelze und Stacheln
An jenem Wintermorgen 1828, an dem Gustav endlich zurückerwartet wurde, erwachte Marie weniger, als daß sie aus dem Schlaf aufschreckte, von unten aus dem Eßzimmer drang seine Stimme, und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Schnell glitt sie aus dem Bett, streifte das Nachthemd über den Kopf und wusch sich in der Schüssel, die auf der Kinderkommode hinter der Tür stand. Es war sehr kalt in ihrer Dachstube, doch sie spürte kaum, wie ihre Finger die dünne Eisschicht auf dem Wasser durchstießen. Schlotternd benetzte sie sich das Gesicht und fuhr mit den nassen Händen auch unter ihre Achseln, schlüpfte schnell in ihre Unterwäsche und dann in ihr bestes Kleid, ein schwerer Damast aus ganz dunklem, fast schwarzem Violett, stöhnend zog sie die Bänder des Mieders zu, nahm das Haar hoch, schnürte ihre Stiefelchen, suchte und fand ihr Gesicht für einen Moment in dem kleinen Spiegel und puderte sich. Dann endlich ging sie hinab.
»Der Winter in Wien war wunderbar«, sagte Gustav gerade.
Weder er noch der Onkel, noch Gustavs Mutter beachteten sie, als sie ins Eßzimmer kam. Gustav sprach einfach weiter, und so legte Marie, den Blick auf ihn gerichtet, beide Hände auf die Tischkante, das seidene passepoil ihrer Ärmel fiel weit über ihre Handrücken. Mit ihren Blicken tastete sie das altvertraute Gesicht ab.
»Im nächsten Jahr ging es dann weiter nach Innsbruck und nach Venedig, nach München und vor allem nach Holland. Im Winter kam ich in Haarlem an, in der Handelsgärtnerei Schneevoogt, wo ich durch den Garten-Director schon angemeldet war.«
»Die Bibliothek, die sie dort haben, muß großartig sein!« Die Augen des Onkels glänzten.
Gustav nickte und erzählte weiter, wobei es Marie nicht gelingen wollte aufzunehmen, was er sagte, sosehr sie sich auch bemühte. Statt dessen musterte sie ihn immerzu von Kopf bis Fuß. Er hatte ihr nicht ein einziges Mal geschrieben. Wie oft hatte sie sich vorgestellt, auf welche Weise diese Zeit Gustav verändert haben würde, wenn er wiederkäme. Alles, hatte sie sich gewünscht, sollte anders sein. Und? fragte sie sich jetzt. Älter zwar, müde wohl auch von der Reise, sanken seine Lider tiefer als früher über die einst so staunend aufgerissenen Augen, ansonsten aber schien er noch immer der, der er gewesen war, als er wegging. Und in Marie stieg die Angst auf, alles werde wieder so sein wie damals.
»Setz dich doch, Marie.«
Nur für einen Moment faßte er sie ins Auge, und obwohl die Freundlichkeit seines Blicks sie überraschte, schüttelte sie stumm den Kopf und blieb an der Tischkante stehen. Zu erniedrigend wäre es ihr erschienen, jetzt in den Kinderstuhl zu klettern.
»Ich studierte vor allem die Zucht von Blumenzwiebeln sowie die Treibereien von Obst und Gemüse. Im August bin ich dann weiter nach Paris, wo ich mich als Hilfsarbeiter bei einem Pfirsichgärtner verdingte, um dessen Zucht kennenzulernen. Anschließend war ich bei Soulange-Bodin im Fromontschen Park in Ris-Orangis, wo ich mich hauptsächlich um die Obstzucht kümmerte, was ich ab dem Spätsommer dann in Bollweiler im Elsaß fortsetzte. Dann Karlsruhe, dann Düsseldorf, und dann ging es endlich nach England: London, Dublin, Glasgow, Edinburgh, Liverpool. Glückliche Umstände ließen mich die Bekanntschaft von Loudon machen, der das Gardener’s Magazine herausgibt.«
»Ja, ja«, nickte Fintelmann, der an den Lippen seines Neffen hing. Wie alt der Onkel geworden war! Marie kam der Gedanke, daß er auf Gustavs Rückkehr gewartet haben mochte, um sich endlich erlauben zu können, es zu sein.