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»Schließlich fuhr ich wieder zurück über den herbstlich-stürmischen Kanal nach Haarlem und noch einmal zu Schneevoogt, wo man mich herzlich aufnahm. Als aber der Dezember kam und es auf Weihnachten ging, hielt es mich nicht länger, und ich beeilte mich, über Hannover, Kassel und Weimar zurückzukommen auf unsere Pfaueninsel.«

»Ja, das ist fein, daß du an Weihnachten wieder hier bei uns bist!« Die Tante tätschelte die Hand ihres Sohnes. Gustav ließ es lächelnd geschehen.

»Wohnst du denn jetzt auch wieder bei uns?«

Marie mußte sich räuspern, bevor sie diese Frage zu stellen vermochte. Im selben Moment, als sie sie aussprach, wurde ihr klar, wie unsinnig sie war. Doch Gustav war wie jemand von drüben, wie sie hier auf der Insel sagten, wenn sie über den See hinübernickten zum Land. Er ist wie wir, hatte ihr Bruder früher einmal gesagt, als sie ihn zusammen beobachtet hatten, auch ein Krüppel. Doch das stimmte nicht mehr, er war herausgewachsen aus dem, was sie ebensowenig wie Christian jemals hinter sich lassen würde.

»Aber ja«, sagte er und sah sie dabei lachend zum zweiten Mal an.

»Natürlich wohnt er hier«, bekräftigte der Onkel, und dann war es plötzlich still am Tisch.

Die einst so schöne Tante, die so strenge Herrnhuterin, die ebenfalls alt geworden war und fahl, legte stumm ihr Stickzeug zusammen. Fintelmann sorgte sich ein wenig um sie. Seit sich das Haus geleert hatte, die Neffen alle drei von der Insel, der Lehrer lange gekündigt und die Gehülfen nun im Cavaliershaus untergebracht waren, und also nur mehr Marie bei ihnen am Eßtisch saß, wurde ihm Luises Schweigen manchmal schwer. Daran dachte er jetzt und dann, wie er neulich morgens auf die Schloßwiese gekommen und der Schnee blutig gewesen war, ein knappes Dutzend Pfauen mit durchgebissenen Kehlen im Weiß. Füchse hatten es über die zugefrorene Havel auf die Insel geschafft und sie in der Nacht gerissen. Er begriff noch immer nicht, mit welcher List sie es hatten verhindern können, daß die Vögel vor ihnen auf ihre Schlafbäume flohen. Es schüttelte ihn, wenn er an das rote Blut im Schnee dachte und die blauen Federn der zerrissenen Hälse. Und an Lenné mußte er jetzt denken, dem sein Neffe so viel verdankte, und wie froh er war, den Umbau der Insel in diesem Jahr nun endlich abgeschlossen zu haben. Die Wege waren angelegt, die Bäume gepflanzt und die Menagerie, von der der König lobend gesagt habe, sie gefalle ihm tatsächlich noch besser als jene des Jardin des Plantes, mit den unterschiedlichsten Tieren besetzt.

Lenné war in diesem Jahr, an Schulzes Stelle, zum Garten-Director ernannt worden, um die zweitausend Taler verdiente er nun, das war etwa viermal so viel wie er selbst. Keine Karriere ohne Neider, dachte Fintelmann, zu denen er aber nicht gehörte, wenn er auch Verständnis für Schulzes Tochter Karoline hatte, die sich bei jedem, der es hören wollte, über den Katholiken Lenné ausließ, den sie einen Ausländer ohne Pietät für unser hocherhabenes Hohenzollernhaus nannte, einen maßlos ehrgeizigen, ruhmsüchtigen und geldgierigen Burschen, einen undankbaren Filou, einen Nichtlateiner, wie sie voller Abscheu immer sagte, der alles nur durch List und Intrige erreicht habe. Was maßlos übertrieben war, Fintelmann erkannte das Genie Lennés durchaus an. Aber er erinnerte sich doch auch gern daran, wie die Insel gewesen, als er selbst hierhergekommen war, mit den Wiesen zur Schafsweide, der Molkenwirtschaft, der Baumschule mit dem Jakobsbrunnen in der Mitte und dem Karpfenteich.

Damals hatte man noch ein wenig vom Charme des Liebesnestes gespürt, das dieser Ort unter dem letzten König gewesen war, isoliert von der Welt und doch viel mehr Teil von ihr als jetzt, da jeder Baum und jeder Weg so künstlich schien. Manchmal kam es ihm vor, als ob nun so offensichtlich der Tod in allem stecke, daß nur stärkste Schönheit, wie ein opulentes Parfüm, ihn zu überdecken vermochte. Daß dies gelang, war der Zaubertrick der neuen Zeit, aber es war eben ein Zaubertrick. Anders als Lenné hielt er den Gärtner gerade nicht für einen Maler oder Dichter, seine Kunst trat immer an die Stelle von etwas anderem. Mit allem, was er tat, machte er etwas anderes zunichte. Das mußte bedacht sein. Die Erde war nicht endlos.

Derlei ging Fintelmann durch den Kopf, während er gar nicht bemerkte, daß es immer noch furchtbar still am Tisch im Eßzimmer des Kastellanshauses war, auf dessen weißem Tischtuch die Kaffeetassen standen, die keiner anrührte. Der Alte bemerkte weder den Blick seiner Schwägerin, die, im Schoß das Stickzeug, ins Leere der weißen Fläche starrte, als wäre die Freude über Gustavs Rückkehr schon aufgebraucht, noch, wie ebenjener unverwandt Marie ansah, die diesem Blick ruhig standhielt. Und sie, die Zwergin, den Kopf noch immer in Höhe der Tischplatte, war es denn auch, die die Situation löste.

»Ich zeig dir, wie alles geworden ist«, sagte sie ruhig.

Als brächte ihre Stimme die Zeit, die sich für einen langen Moment gestaut zu haben schien, wieder in Fluß, begann die Tante mit einem tiefen Seufzen erneut zu sticken, und der Onkel nickte, als käme es auf seine Zustimmung an, und griff dabei nach seiner Tasse. Und wie als Kinder gingen Gustav und Marie wenig später nebeneinander zur Schloßwiese hinauf, und die Sonne blendete ihre entwöhnten Augen, nachdem der Vormittag grau und verhangen gewesen war. Und erst, als sie den Rosengarten hinter sich hatten, zögerte Gustav weiterzugehen, wohl, weil die Geräusche der Tiere, die er noch nicht kannte, jetzt deutlich zu ihnen herüberdrangen.

Marie war all das Grunzen und Krächzen, Brüllen und Wiehern, all das Prusten und Keckern, Krakeelen und Schnaufen längst vertraut, gab es doch kaum mehr einen Punkt auf der Insel, an dem man ihm entging, und so sah sie sich lächelnd nach Gustav um, der am Rand der Schloßwiese stehengeblieben war. Sie wußte, daß sie nicht wußte, was er dachte oder fühlte, aber sie wußte, das änderte nichts daran, wie sehr sie ihn liebte. Nur seine Angst müßte sie ihm nehmen. Ihn nur für einen Moment vergessen machen, was sie für ihn gewesen war. Sie wußte nicht, was ihr den Mut gab, an diese Möglichkeit zu glauben.

»Komm schon«, sagte sie, »du mußt die Tiere sehen!«

Während die eine der beiden Sichtachsen, die Lenné von der Schloßwiese aus in den Wald hatte hineinschneiden lassen, den Blick auf die Meierei am Ende der Insel freigab, eine weiße Fata Morgana vor dem Blau der Havel, schien die andere auf geheimnisvolle Weise direkt in den Wald hineinzuführen. Zumindest war es so, wenn die Bäume belaubt waren, doch auch jetzt im Winter sah man von da, wo sie jetzt standen, kaum mehr als eine rotziegelige Giebelecke und eine gußeiserne Zaunspitze von der Menagerie hinter dem kahlen Geäst von Büschen und Bäumen. Das Brüllen der Tiere kam von dort, und dorthin ging Marie jetzt, und Gustav folgte ihr zögernd, immer im Abstand eines Schrittes.

Das Lamahaus markierte den Eingang zur Menagerie. Der flache Bau im italienischen Stil nebst Turm und eingezäuntem Hof, mit einer Fontäne darin, hob sich so deutlich von den knorrigen Eichen und den nordischen Birken ab, daß jeder die Sorgfalt begriff, mit der hier in der fremden Fauna ein mildes Klima erkünstelt worden war. Außer den Lamas gab es neuholländische Strauße, die mit bedächtigem Schritt das Gehege durchmaßen, braune Guanakos und westindische Hirsche. Auf dem Balkon des Turms trieben Papageien ihr vorlautes Spiel, weithin rufende rote und blaue Aras.

»Professor Hegel«, sagte Gustav mit einem Blick auf die Vögel, »schilderte einmal in seiner Vorlesung die Papageien am Amazonas. Da meldete sich einer meiner Kommilitonen, der in jenem Erdteil gewesen war, und meinte, die Papageien dort seien in Wirklichkeit aber ganz anders. Weißt du, was Hegel antwortete?«

Marie schüttelte den Kopf.

»Um so schlimmer für die Wirklichkeit!« Gustav lachte laut und triumphierend.

Marie hatte Körner für die Lamas dabei, die sie nun auf ihre kleine Hand schüttete und den Tieren durch den Zaun hinstreckte. Sofort kamen sie heran. Eines von ihnen, das größte, schaffte sich Platz vor den anderen, und Marie ließ zu, daß es mit seinen weichen, mit einem dünnen Bart umgebenen Lippen die Körner ganz vorsichtig in sich hineinleckte. Gustav sah ihr dabei zu und musterte schweigend das fremdartige Tier.