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»Ich lese gerade wieder einmal Rousseau«, erzählte Marie, nur um etwas zu sagen.

»Ja?« fragte Gustav so überrascht, daß Marie erklären zu müssen glaubte, wie sie zu solcher Lektüre kam. Dabei hatte sie noch nie über ihre Bücher gesprochen.

»Solange Mahlke noch hier war, habe ich mir die Bücher von ihm ausgeliehen, jetzt ist der Onkel so freundlich, sie mir aus Potsdam, aus der Kösterschen Leihanstalt, holen zu lassen. Und dann gibt es im Schloß ein Büchergestell mit alten Bänden, wohl noch von der Gräfin Lichtenau, die habe ich alle gelesen. Kennst du Bougainvilles Description d’un voyage autour du monde? Das hat mir sehr gefallen. Erinnerst du dich noch an das Otaheitische Cabinett?«

»Gewiß.«

»Weißt du: Immer, wenn ich über die Südsee lese und die Menschen dort, muß ich an unsere Insel hier denken. Und wenn ich dann lese, wie warm es dort ist und daß die Menschen nichts anhaben als Ketten aus Blumen und Muscheln und wie das Meer dort glitzert, kommt es mir so vor, als könnte es hier ebenso sein.«

»Hegel sprach einmal vom Aufstand der Sklaven dort unten.«

»Rousseau sagt, wir sind verloren, wenn wir vergessen, daß die Früchte allen und die Erde keinem gehört.«

Marie ließ die restlichen Körner von ihrer Hand ins Gehege rieseln und drehte sich zu Gustav um. Sein Blick überraschte sie. So ernst und neugierig hatte er sie noch niemals angesehen. Und sie hatten noch niemals so miteinander gesprochen.

»Für Hegel traten schon die ersten beiden Menschen, als sie sich begegneten, in einen Kampf auf Leben und Tod ein. Aber nicht um Besitz oder etwas anderes kämpften sie, sondern um reine Anerkennung.«

Anerkennung, dachte sie, und noch einmaclass="underline" Anerkennung. Sie nickte. Zuallererst kämpfen wir mit Blicken, dachte sie.

»Komm mit«, sagte sie leise.

Lenné hatte die verschiedenen Käfige kunstvoll so an den Waldrain setzen lassen, als stünden sie schon immer da. Vom Lamahaus kam man zunächst an den Adlern vorüber und dann zu den Affen, deren Zwinger Kletterstangen enthielt, auf denen die Tiere zu ihrer Unterhaltung Carrousel drehten. Als Marie und Gustav sich näherten, steigerte sich ihr Geschrei zu einem ohrenbetäubenden Tohuwabohu, wobei den Hauptteil des Lärms die drei Paviane veranstalteten, von denen Gustav sich angewidert abwandte, als er die blumenkohlhaften, feuerroten Hinterteile der Weibchen gewahr wurde. Marie übersah Gustavs Unwillen geflissentlich und begrüßte die beiden weißbärtigen Meerkatzen, die, kaum stand sie vor dem Käfig, sich schon mit ihren langen Fingern in den Draht krallten und sie mit ihren traurigen Augen musterten. Wie die Tiere in der Kälte zitterten.

Gustav konnte nicht glauben, was er sah: Marie küßte die kleinen Affen und empfing Küsse von ihnen. Und auch die Ouistiti oder Seidenäffchen kamen jetzt heran, und am Deckendraht des Käfigs pendelten, mit aufgeregt gespitzen Lippen, die beiden Klammeraffen.

»Widerlich«, stieß Gustav hervor.

Was er nicht wußte, war, daß Marie ein Geheimnis vor aller Welt hatte, seit die Affen auf der Insel waren. Sie mochte die Tiere sehr und war oft bei ihnen, da sie sah, wie sehr sie sich langweilten, und doch erbat sie, kaum hatte sie ihre Bekanntschaft gemacht, von einem der jungen Gartengehülfen, damit man im Kastellanshaus von ihrem Tun nichts merke, ein Rasiermesser und begann, ihren kleinen Körper mit allergründlichster Sorgfalt regelmäßig zu enthaaren. Sie rasierte und zupfte, und war es auch noch so schmerzhaft, ihre Achseln und die Haare auf ihren Beinen und selbst ihr Geschlecht. Als sie jetzt beim Anblick der Tiere daran denken mußte, an diese Prozedur, die sie jedesmal gleichermaßen als peinvoll und befreiend empfand, fragte sie sich, was Gustav, wenn er es wüßte, wohl davon hielte. Und mußte plötzlich lachen, und lachend schüttelte sie den Kopf und rief ihm etwas zu, was er jedoch in dem Tohuwabohu der Affen nicht verstand, nur das Wort Anerkennung hörte er heraus, und bevor er nachfragen konnte, war sie schon weiter und erwartete ihn lachend am letzten Zwinger der Menagerie.

Während er zu ihr hinschlenderte, mußte er sich eingestehen, daß er sich tatsächlich freute, sie wiederzusehen. So glücklich er gewesen war, die Insel und vor allem auch Marie hinter sich zu lassen, hatte die Erinnerung an ihr peinigendes Verhältnis im Laufe der Zeit doch an Dringlichkeit verloren. Und es schien ihm, als wäre es dazu notwendig gewesen, dem Dunstkreis Lennés zu entkommen, seinem Förderer, für den er doch nur ein Knabe gewesen war, mit dem er sich geschmückt hatte. Seine Hand in seinem Haar. Es hatte Frauen gegeben auf seiner Reise, aber nicht nur Frauen. Doch er war sich sicher, jene Schwäche für immer überwunden zu haben. Der Löwe, sah er, lag dicht bei Marie, den Bauch, der mit jedem tiefen Atemzug sich senkte und hob, gegen die Stäbe des Käfigs gepreßt, die Augen geschlossen. Reglos ließ er es zu, daß Marie ihn streichelte. Wie streng er roch.

»Komm weiter«, sagte er mit einem Lächeln, das seine Angst vor dem Tier verbergen sollte, und half ihr auf.

In dem runden Gehege, zu dem sie nun der Weg führte, befanden sich die Känguruhs, denen man Kaninchen und Hasen beigesellt hatte. Sie bereiteten dem Tierwärter die meisten Sorgen. Ihr Haus enthielt sogar eine Heizung, damit die empfindlichen Tiere sich im Winter nicht verkühlten.

»Leider halten sie sich nur kurze Zeit am Leben.«

Marie setzte sich auf eine grüne Bank, die man hier um eine der Eichen herumgelegt hatte. Immer, wenn sie an den Käfigen vorüberging, mußte sie an die Stelle bei Kunckels Ruine denken, an der die toten Tiere verbrannt wurden, und dann wollte es ihr nicht mehr gelingen, in alldem ein Paradies zu sehen, in dem der Löwe neben dem Lamm lag, weil ja alle, die man immerzu hierher auf die Insel brachte, starben, immerzu starben und unablässig durch neue ersetzt wurden.

Von diesen Gedanken ahnte Gustav nichts. Froh, dem Geschrei der Affen und dem Löwen entkommen zu sein, setzte er sich zu ihr und sah zum ehemaligen Gutshaus hinüber, dessen neue Fassade hinter den Bäumen aufgetaucht war. Wild krampften die Äste der Eichen in den Himmel. Wie sie als Kinder hier sich im Unterholz versteckt hatten. Gustav häufelte mit seinem Schuh den Kies. Von hier führte der Weg zum Cavaliershaus und dann weiter zur Meierei, wo die Büffelochsen grasten, dann wieder zurück, zwischen Lärchen und Tannen hindurch, zur Grube mit dem Bären und zur Voliere. Marie sah zu dem großen Vogelbauer hinüber, in dem die Raubvögel gehalten wurden, Adler, Falken, Uhus und Eulen.

»Die Voliere mußt du noch sehen«, sagte sie und rutschte von der Bank hinunter. Gustav folgte ihr schweigend einen Sandweg in den Wald hinein.

Das runde Vogelhaus, ringsum mit einem Drahtnetz umgeben, das es wie ein Zeltdach auch überspannte, war radial in Käfige eingeteilt, die Kuchenstücken glichen und in denen türkische und spanische Hühner, amerikanische Rebhühner, Löffelreiher und weiße Pfauen gehalten wurden. Langsam schlenderten sie um diesen Circus herum, und Marie merkte, wie Gustav sich in der Gegenwart der Vögel beruhigte. Vor allem die weißen Pfauen hatten es ihm angetan. Erfolglos versuchte er, sie ans Gitter zu locken.

»Von hier aus gibt es zwei Wege«, erläuterte sie, nachdem sie ihm eine Weile zugesehen hatte. »Der eine führt zu den Wasservögeln, der andere zuerst nach dem Zebou, dem indischen Stier und zu den Moufflons.«

Gustav zuckte nur mit den Achseln, sie schlugen den Weg nach links ein, und er schlenderte wieder schweigend neben ihr her. Marie verstand nicht, was jetzt anders war als früher, aber alle Beklemmung war verschwunden, ihre Wahrnehmung öffnete sich, und sie roch den Waldboden, dunkel und feucht, und hörte hoch über sich den Winterwind in den Wipfeln der Bäume. Und sie spürte ganz deutlich, daß es ihm ebenso erging, blieb stehen und lächelte ihn an, besänftigend oder freundlich oder vielleicht sogar liebevoll, jedenfalls mit all der Zuneinung, die sie für ihn hatte, und sah, wie er blinzelte, und dann lächelte er zurück. Der Duft der alten Eibenhecke, die hier nah am Weg stand, wehte zu ihnen herüber, und sie spürte, daß sie glücklich war.