»Du warst lange weg.«
Er nickte und grinste. Wie er dastand. All die Jahre. Eben noch hatte das etwas bedeutet. War ihre Liebe doch dabei zu so etwas wie einem Klumpen Ambra geworden, ausgespien von der süßen Wärme des Lebens und ausgehärtet im kalten Salz der Ozeane. Jetzt aber schmolz etwas in ihr.
Es kam Marie so vor, als mästete man die Insel selbst. Und Gustav tat nach Kräften dabei mit. Ja, mehr als das: Indem er sich sofort nach seiner Rückkehr in die Arbeit stürzte und dabei mehr und mehr die Lücke ausfüllte, die Lennés Abwesenheit gelassen hatte, spürten alle, daß das, was auf der Insel geschah, ganz nach seinem Sinn war. Wobei es eine ganze Weile dauerte, bis Marie begriff, worauf dies alles hinauslief. Wie die Tiere in ihren Käfigen hatte man begonnen, auch die Pflanzen zu versorgen, als wären sie ebenso fremdartig. Manchmal stellte Marie sich vor, wie es sich wohl anhören würde, wenn sie wie die Tiere zu brüllen vermöchten. Doch so, wie man diese Schreie, sollte es sie denn geben, nicht hörte, blieben auch all die Neuerungen den Blicken verborgen. So war der Candélabre auf der Kuppe im Wald eben nicht vor allem schön, sondern das Herz der Versorgung der ganzen Insel mit Wasser. Leitungen aus zusammengesteckten Tonrohren, die Jahrzehnte später durch eiserne Leitungen ersetzt werden würden, übernahmen die Bewässerung und führten zum Rosengarten und zum Affenhaus, zum Weinberg und zum Lamahaus und von da zum Obstgarten, zum Cavaliershaus, zum Schloß und als offener Bach zum Wasservogelteich, denn vor allem die Rosen gierten im märkischen Sand nach Wasser und soffen es, als stünden sie in einer Wüste und nicht auf einer Insel. So wenig wie die Tiere überlebten die Neuankömmlinge unter den Pflanzen ohne diese künstliche Versorgung.
Und dieses ausgeklügelte Bewässerungssystem, das erst die Dampfmaschine mit dem Takt ihrer eisernen Kolben über dem Feuer ermöglichte, führte zum Anbau einer Vielzahl von neuen Pflanzen, für die man wiederum eine Gewächshausanlage errichtete mit Abteilungen für unterschiedliche Temperaturbedürfnisse, auch ein kombiniertes Kirsch- und Blumenhaus, dazu eine Gärtnerei mit Anzuchttreibhäusern, in denen aus den verschiedensten Samen jene Pflanzen gezogen wurden, die dann in das normale Treibhaus und von dort in die unbeheizten Frühbeetkästen im Garten umgesetzt wurden. Treibhaus, Gewächshaus, Konservierhaus: All diese Glashüllen waren Prothesen, derer die südliche Utopie unter dem märkischen Himmel bedurfte. Die Guanakos starben, weil ihre empfindlichen Füße die Kälte des preußischen Matsches nicht ertrugen. Aber hinter dem Glas der Gewächshäuser, das die Sonne einschloß und die Wärme der Öfen, wuchsen Pflanzen, die keinen Ort und keine Zeit mehr kannten, sondern von den Gärtnern in Kübeln heraus- und hereingekarrt wurden, und die so blühten und Frucht brachten, wie Ferdinand Fintelmann und sein Neffe es wollten, Birnen im März, Trauben zu Weihnachten, indem man die Winterruhe durch Wärme verhinderte, in verschiedenen Treibhäusern verschiedene Stadien der Reife hervorbringend, und sogar, wie in den Tropen, Blüte und Frucht an derselben Pflanze zur selben Zeit.
Marie bewunderte zwar, wie die Gärtner dies machten, doch es gelang ihr nicht, im Austreiben mit seinem künstlichen Beschleunigen und Verzögern etwas anderes als einen frevelhaften Eingriff in den natürlichen Zyklus der Jahreszeiten zu sehen, und stets bedrückte sie all diese künstliche Schönheit, wenn sie hier mit Gustav im Treibhaus war, um ihm beim Eintopfen der Sämlinge zur Hand zu gehen. Schien es ihr doch, als ob ihre eigene Mißbildung sich in diesem Rahmen ins Groteske vergrößerte. Und so zuckte sie, als jetzt die Treibhaustür mit einem Scheppern zugezogen wurde, vor Schreck zusammen, als hätte man sie bei etwas Verbotenem ertappt.
Der Kronprinz nahm die Uniformmütze vom Kopf und schlug mit einem Stöhnen sofort das schwere Wollcape auseinander. Die feuchte Hitze trieb ihm im selben Moment den Schweiß am ganzen Leib hervor, und die Uniform, durch die eben noch der kalte Januarwind gefahren war, als wäre sie dünn wie Seide, lastete nun schwer auf ihm und machte das Atmen zusätzlich über alle Gebühr mühsam. Schnell warf er das Cape ab und knöpfte den Uniformrock auf, während er zu den Fenstern hinaufsah, auf denen der Schnee, kaum war er darauf gefallen, schon wieder schmolz und als Wasser herabrann.
Weißgestrichene gußeiserne Säulen, um die sich Efeu rankte, trugen den Raum. Sie standen in der nackten Erde, über die Steinplatten schmale Pfade legten, begleitet von den Gräben der Heizung, durch die unablässig das Wasser floß, von dem die warme Feuchte aufstieg. Gußplatten bedeckten diese gluckernden Gräben partienweise. Unter dem Fenster breite Tische mit Schütten voll Blumenerde, in denen kleine Gärtnerschaufeln und Rechen steckten, Stapel von Blumentöpfen daneben, an der hohen Rückwand des schmalen, langen Gebäudes, das im Anzuchtgarten gen Süden und zum Festland herübersah, ein tiefes Becken, in das aus einem kupfernen, grünspanbesetzten Hahn das Wasser in schmalem Strahl floß. Das ganze Becken von Wasserlinsen grün. Marie wußte, daß Goldfische darunter lebten, manchmal konnte man ihre leuchtenden Rücken sehen. Tauchte der Gärtner die Blumentöpfe ins Wasser, wichen sie ins Dunkel hinab. Mitten in dem hohen Raum, in riesigen Kübeln, standen drei Pfirsichbäume. Zwei in Blüte. Einer trug Früchte.
Gustav ging hinüber, pflückte einen Pfirsich, hielt ihn kurz unter das fließende Wasser und reichte ihn dann dem Kronprinzen, der hineinbiß, daß der Saft ihm vom Kinn tropfte und er sich schnell vorbeugen mußte, um seine Uniform nicht zu beschmutzen.
»Who has not heard of the Vale of Cashmere«, rezitierte er dabei, »with its roses the brightest that earth ever gave, its temples, and grottos, and fountaines as clear as the love-lighted eyes that hang over their wave.« Er spuckte den Kern aus, ging zu dem Wasserhahn und wusch sich Mund und Hände. »Weiß du noch, Gustav?«
Gustav nickte. Er erinnerte sich genau, weil er gerade erst seinen Militärdienst in Berlin angetreten hatte, als ihn der Kronprinz damals überraschend ins Schloß lud, wo man zu Ehren des in der Stadt weilenden russischen Großfürsten und seiner Frau, der Schwester des Kronprinzen, die Romanze Lalla Rookh aufführte, zu der Hofkapellmeister Gasparo Spontini die Musik komponiert und Schinkel die Prospekte gemalt hatte. Indische Paläste vor der Folie kraftstrotzender Urwälder voller Palmen und exotischer Blumen.
»In der Lüneburger Zeitung hat man letzthin ein komplettes indisches Tempelchen zum Verkauf angeboten, verpackt in zweiundzwanzig Kisten von indischem Teakholz. Der Makler, bei dem es sich in Hamburg befindet, berichtet, ein Engländer habe es in Bengalen abbrechen und verschiffen, doch die hohen Entrée-Gebühren für Kunstsachen hätten ihn seinen Plan wieder aufgeben lassen. Ich habe die Pagode nach Zustimmung meines Vaters incognito um anderthalbtausend Taler Hamburger Courant für die Pfaueninsel ersteigert.«
Als der Kronprinz hereingekommen war, hatte Marie darauf gewartet, daß er sie begrüße. Zwar war er in den letzten Jahren kaum mehr auf der Insel gewesen, aber Marie war sich sicher, daß er sich an ihre Kinderzeit erinnerte, in der sie im Sommer oft zusammen gespielt hatten, und vor allem, wie sie einander einmal, da waren sie schon keine Kinder mehr gewesen, im Otaheitischen Cabinett gegenseitig überrascht hatten. Nun, mit Mitte dreißig, hatte er nur noch wenig von dem jungen Mann, der er damals gewesen war. Doch er beachtete sie nicht. Die beiden Männer schwitzten in der Treibhauswärme. Ihr machte die Hitze nichts aus. Sie kam sich vor, als wäre sie selbst eine exotische Frucht. Doch trotz des dünnen Kleides mit dem freizügigen Dekolleté, das sie hier im Treibhaus zu tragen pflegte, lag ein Schweißfilm auch auf ihrer Haut.