»Gustav?«
»Ja, Marie?«
Über die großen, feucht glänzenden und gänzlich schwarzen Augäpfel des Kapuzineräffchens zogen tiefe, den kommenden Winter schon ankündigende Herbstwolken hinweg. Es war eines der Äffchen, die der Legationsrat von Olfers dem König aus Rio de Janeiro geschickt hatte, gefangen in den Regenwäldern Niederländisch-Guayanas, eingeschifft in Paramaribo. Mit seinen langen Fingern klammerte es sich ans Drahtgitter, ohne einen Blick für die anderen Affen im Käfig, und sein nacktes Gesicht, von dem hellen feinen Fell wie von der Kapuze eines sehr ordentlich gekämmten Pelzmantels umgeben, schnitt eine unruhige Grimasse nach der andern, die allesamt etwas Kummervolles hatten, und dabei zwitscherte es manchmal wehklagend sanft wie eine Zikade, dann wieder bellte es wie ein erzürntes Hündchen und schlang sich dazu den buschigen Schwanz um den Hals.
Das Äffchen konnte die Gesellschaft nicht sehen, die in diesem Moment von der Anlegestelle in Richtung Meierei schlenderte, aber das Reden, auch die Schritte auf dem Kies, das Klappern der Kutsche für die Damen hörte es sehr wohl, und sein Jammern wurde leiser, als lauschte es darauf, ob nicht doch noch einer zu ihm komme. Aber bald war wieder alles still, und es griff nach den Nüssen, die verstreut auf dem Boden lagen, und einmal nach einer Spinne, die vorüberhuschen wollte und die es mit einer schnellen Bewegung seiner langen Finger fing und verschlang.
Der seinerzeit von Schinkel gezeichnete Porticus des Mausoleums für Königin Luise, den man nach einem lange gehegten Plan nun endlich aus dem Park des Charlottenburger Schlosses auf die Insel geschafft hatte, war ja nicht neu, und für seine Einweihung an diesem Herbsttag 1829 daher nur eine informelle kleine Zeremonie vorgesehen. Man wartete unter den vier Säulen aus rotem Sandstein, die an die hessische Heimat Luises erinnerten, während der König den kleinen Raum zuerst allein mit der Fürstin Liegnitz abschritt. Wenig mehr gab es dort zu sehen als, hoch oben, eine Büste der Königin von der Hand Rauchs. Davor, am Boden, hatte Fintelmann in dem kahlen Raum aufgeboten, was die Insel so spät im Jahr noch an Blumen zu bieten hatte.
Es war Marie äußerst unangenehm, die Fürstin wiederzusehen. Am Arm des Königs lächelte sie gerade auf ein Wort hin, das er zu ihr sagte. Marie wendete sich ab, schaute sich um, wo Gustav war, und entdeckte ihn an der Seite des Onkels bei einem alten weißhaarigen Mann, der ihm auffallend glich. Sie lächelte ihm zu, und er nickte zurück, doch im selben Moment trat der Kronprinz zu ihm, und sie mußte wieder daran denken, wie er sie neulich im Gewächshaus nicht gegrüßt hatte, und das versetzte ihr einen Stich.
Seine Frau, Prinzessin Ludovika von Bayern, sah Marie heute zum ersten Mal. Nach allem, was man hörte, war die Ehe ausnehmend glücklich, Anlaß vieler Gerüchte jedoch, daß das Paar kinderlos blieb. Es hieß, Hufeland habe bei dem Kronprinzen Impotenz diagnostiziert. Auch seine beiden Brüder, Wilhelm und Carl, waren da. Carl, noch in seinen Zwanzigern und schon Generalmajor, hatte es von Glienicke herüber, das er gerade umbauen ließ, nicht weit. Seine Schwester Charlotte dagegen war nun schon seit zwölf Jahren Zarin in Moskau. Auch Alexandrine, Erbgroßherzogin von Mecklenburg, war nicht in der Stadt und auch das Nesthäkchen Luise nicht, seit vier Jahren Prinzessin der Niederlande. Der schmächtige junge Mann in der Uniform des 1. Garde-Regiments, das war Prinz Albert, kaum zwanzig.
Als der König sich jetzt nach seinen Kindern umsah und sie heranwinkte, blieb die Fürstin Liegnitz zurück und schloß sich statt dessen sofort zwei Künstlern an, die am Rande der kleinen Gesellschaft standen und die Marie kannte, weil sie beide schon auf der Insel gemalt hatten. Leopold Bürde war Lehrer an der Tierarzneischule in Berlin, von ihm gab es ein Bild des Elchs, der so bald gestorben war, Christian Leopold Müller interessierte sich vor allem für die Lamas und Känguruhs, von denen er unzählige Skizzen angefertigt hatte. Daß man Könige portraitierte, verstand Marie, aber Elche und Känguruhs? Früher hätte man wohl sie gemalt und den Riesen, überlegte sie, und hörte überrascht zu, worüber Müller, ganz im Gestus des Professors der Akademie, der er war, dozierte.
»Es gibt Vögel«, sagte er gerade, »die einen Penis besitzen oder ein aufrichtbares und zurückziehbares Zäpfchen, das seine Funktionen übernimmt. Der Strauß, der Kasuar, die Ente, der Schwan, die Gans, die Trappe, der Uandu.«
»Ach ja?« fragte die Fürstin.
Marie sah, daß es ihr nicht gelingen wollte, ein triumphierendes Lächeln darüber zurückzuhalten, gerade jetzt ein solches Gespräch zu führen. Müller indes war gänzlich unempfindlich für die Unschicklichkeit des Themas.
»Wobei der Penis des Straußenmännchens eine wirkliche Rute mit einer Länge von fünf bis sechs Zoll ist, versehen mit einer ausgehöhlten Furche, durch die der Samensaft fließt. Er hat die Gestalt einer Zunge und vergrößert sich während der Erektion ganz kolossal.«
Die Fürstin zog nickend Luft zwischen die Zähne. Und entdeckte in diesem Moment Marie. Ihre Augen glitzerten erregt, als sie sie ansah.
»Das erklärt auch die Mythe der Leda«, ergänzte Leopold Bürde die Ausführungen des Kollegen.
Marie spürte, wie sie errötete. Die Fürstin, die den Blick nicht von ihr ließ, schien zu überlegen, ob sie die Zwergin kannte, die ihr tatsächlich schon mehrmals begegnet war, um dann zu entscheiden, daß keine Gefahr von ihr ausgehe. Weshalb auch immer ihre Mißbildung dieses Vertrauen bewirkte, Marie kannte diese Reaktion durchaus. Sie durfte nur, wie sie wußte, keine Miene verziehen, um als unsichtbar durchzugehen. Ob sie beide, fragte die Fürstin die Maler mit verschwörerischem Blick, denn auch vertraut seien mit dem wundervoll komplizierten Sexualapparat der hermaphroditischen Mollusken. Bürde schüttelte den Kopf.
»Heuschrecken«, erzählte Müller statt dessen, »bedienen sich eines Spermatophors. Ich habe einmal beobachtet, wie das Weibchen das Männchen niederzwang und spielerisch in den Bauch biß. Das Männchen riß sich los und floh, ein neuer Angriff bändigte es, und diesmal hielt es das Weibchen, auf seine langen Stelzenbeine aufgepflanzt, Bauch an Bauch fest, die Enden der beiden Hinterleiber drehten sich einander zu, und plötzlich quoll aus den zuckenden Flanken des Männchens ein ungeheures Ding hervor, als stieße das Tier seine ganzen Eingeweide aus. Diesen Schlauch, diesen Samenträger, trug das Weibchen, am Bauch festgeklebt, mit sich fort, während das Männchen sich nur langsam von dem Blitzstrahl erholte, der es zu Boden schlug.«
»Erholt es sich denn wirklich«, wollte die Fürstin wissen, »oder stirbt es nicht vielmehr daran?«
»Ja, Ihre Majestät haben wohl recht. Das Männchen stirbt.«
»Und der Löwe? Wie ist die Liebe beim König der Tiere?«
Sie fragte das nun so laut, daß man von der anderen Gruppe der Wartenden, die vom Hofmarschall und dem Leibarzt gebildet wurde, bei denen Gustav und Ferdinand Fintelmann standen, überrascht herübersah. Der Freiherr von Maltzahn, Herr auf Duchow, Herzberg und Lenchow, preußischer Geheimer Rat und Intendant der königlichen Schlösser und Gärten, beobachtete skeptisch jede Regung der Königin, während der alte, nun schon fast siebzigjährige Wilhelm Hufeland, trotz seines Alters noch immer an der Charité tätig, ins Gespräch mit dem Hofgärtner versunken war, den seit Wochen ein hartnäckiger Katarrh plagte, über den er mit Hufeland schnell ins Plaudern und dann von einem aufs andere gekommen war.
»Aus der Uckermark«, erzählte der alte Hofgärtner gerade, »kam letzthin ein Ziegenbock, der Zitzen gleich gewöhnlichen Ziegen hat, und aus denen auch mit Leichtigkeit Milch gemolken werden kann.«