Выбрать главу

»Was für ein schöner Gedanke!«

»Aber für Hegel liegt darin ein Hauptmanko der tierischen Schönheit. Denn was wir vom Tier sehen, ist niemals seine Seele. Was sich nach außen kehrt und allenthalben erscheint, ist niemals das innere Leben. Es sind Formationen einer niedrigeren Stufe, die nicht von der Seele durchdrungen werden.«

»Und der Mensch?« fragte Marie und legte sich endlich zu ihm. Müde bettete sie ihren Kopf in das kühle, zirpende Gras.

Sofort rollte er herum und wandte sich ihr zu. Ihr Köpfe lagen jetzt ganz dicht beieinander, intim geborgen im hohen Grün, das sie ganz umgab. Kein Geräusch von außen drang hier herab, sie ruhten gestrandet auf der Oberfläche der Insektenwelt, und um sie her krabbelte und knackte es und schabte und raschelte. Gustav lächelte sie an. Und plötzlich streichelte er ihr über die Schläfe. Ihr Herz schlug bis zum Hals, und sie schloß vor Aufregung die Augen. Was war nur geschehen, daß er so zu ihr war? Sie wußte es nicht und wollte nicht daran rühren.

»Und der Mensch?« flüsterte sie wieder.

»Der Mensch?«

»Ja.«

»Der Mensch steht auf einer höheren Stufe. Seine Haut ist nicht mit pflanzenhaft unlebendigen Hüllen verdeckt, das Pulsieren des Blutes scheint an der ganzen Oberfläche, das klopfende Herz der Lebendigkeit ist gleichsam allgegenwärtig. Aber wie sehr nun auch der menschliche Körper im Unterschied zum tierischen seine Lebendigkeit nach außen hin erscheinen läßt, so drückt sich an dieser Oberfläche doch ebensosehr die Bedürftigkeit der Natur aus, in den Einschnitten, Runzeln, Poren, Härchen, Äderchen des menschlichen Körpers.«

»Siehst du denn, wie mein Herz pocht?«

Marie hatte die Augen noch immer geschlossen. Sie spürte, daß Gustavs Hand einen Moment aufhörte, sie zu streicheln.

»Der ungeheure Vorzug, welcher der Erscheinung des menschlichen Körpers nach Hegel zukommt, besteht in der Empfindlichkeit.«

Marie nickte mit geschlossenen Augen. Und dann küßte Gustav sie. Erst küßte er sie sanft auf die Lippen, dann fordernder, leidenschaftlicher. Schüchtern faßte ihre kleine Hand in seinen Nacken. Ihr Kuß wollte nicht enden. Sie atmeten ineinander. Irgendwann sank sein Kopf neben ihr ins Gras. Noch immer öffnete sie die Augen nicht. Sie spürte tatsächlich, wie sein Puls gegen ihre Schläfe pochte.

»Verzeihst du mir?« fragte er leise.

Marie nickte wieder. Sie nickte so ernst wie ein ernstes Kind und barg stumm sein Gesicht in ihrer Achsel. Für all die Jahre, für all die sinnlosen Jahre, für all die Jahre verzeih’ ich dir.

Lange lagen sie so da im hohen Gras und Marie atmete den Geruch der Erde ihrer Insel. Und lange mußte sie der Empfindung in sich nachspüren, bis sie begriff, was sich anders anfühlte als sonst, doch dann verstand sie: Sie schämte sich nicht. Sie spürte, daß sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben nicht für sich schämte. Die Insel war tatsächlich das Paradies. Marie war glücklich, glücklicher selbst, als sie es jemals in ihrer Kindheit gewesen war, und im selben Moment traurig darüber, daß es so viele Jahre gebraucht hatte, bis sie das empfinden durfte. Das Paradies ist hier, dachte sie und verstand, was die Menschen auf der Insel immer suchten. Sie öffnete die Augen und sah zu, wie über ihnen, völlig lautlos und ganz im Zenit des unendlich blauen Himmels, ein Fischadler seine Kreise zog.

»Und die Pflanzen? Was sagt dein Philosoph über die Pflanzen?«

Gustav setzte sich mit einem Ruck auf und musterte sie, plötzlich ernst. »Pflanzen? Nichts bedeuten sie ihm. Der Pflanze, meint Hegel, gehe Selbstgefühl und die Seelenhaftigkeit völlig ab, indem sie nur immer neue Individuen an sich selbst produziere. Die Pflanze nimmt nichts auf und empfindet nicht.«

»Und?«

Irgend etwas, spürte Marie, stimmte nicht. Eigentlich wußte sie gar nicht, weshalb sie ihn das gefragt hatte. Wegen der alten Zeiten vielleicht und weil sie an die blaugefärbten Hortensien hatte denken müssen. Wünschte, sie hätte es nicht getan. Doch nun war es zu spät. Jetzt lächelte er. Aber ein Lächeln war das, so somnambul, als hätte es ihren Kuß gerade eben nicht gegeben. Als gäbe es sie überhaupt nicht. Ihr war unheimlich, wie er sie ansah.

»Pflanzen«, sagte er und sah mit diesem kalten Lächeln geradewegs durch sie hindurch, »Pflanzen begehren nicht. Und sie fügen keinem ein Leid zu.«

Am 3. Juli 1830 hatte man, nachdem der Kauf der Fulchironschen Sammlung in Paris abgewickelt war, alles verpackt und brach mit einem eigens dafür gemieteten Dampfboot nach Le Havre auf, eine Fahrt, die sechs Tage in Anspruch nahm. In Le Havre wartete die Mentor der Preußischen Seehandlung unter Kapitän Schulz, es wurde umgeladen, und am 23. Juli stach man in See, wobei Gustav die Palmen an Bord des Schiffes begleitete, während der Inspektor des Berliner Botanischen Gartens, Friedrich Otto, zusammen mit den Herren Gropius und Beckmann zu Lande nach Berlin zurückreiste. Am 6. August kam die Mentor in Stettin an, wo die Fracht auf zwei Oderkähne verteilt wurde, was mehrere Tage in Anspruch nahm. Am 20. August schließlich waren die beiden Kähne an der Schleuse Spandau, ankerten dann über Nacht in Potsdam, und erreichten nach einer Reise von siebenunddreißig Tagen die Pfaueninsel.

Es war ganz früh am Morgen, ein noch kühler Sommertag, dessen Dunst sich gerade erst hob. Die Havel floß sehr still und ruhig. Marie saß wie jeden Tag, seit man die Rückkunft Gustavs erwartete, am Ufer in der Nähe des Schlosses und las. Zuerst waren es nur Schemen, deren Zahl nicht zu bestimmen war, die sich aus der fernen Uferlinie lösten wie dunkle Tropfen, ihre Konturen noch ganz umzittert von der feuchten Morgenluft.

Marie ließ das Buch sinken und schloß die Augen. Als sie wieder hochschaute, waren die dunklen Umrisse größer geworden, und sie sah, daß es zwei waren und daß sie näherkamen. Zwei Kähne, langsam und schwer und tief im Wasser, und dann sah Marie die großen wippenden Palmen darauf. Schon glaubte sie Gustav zu erkennen, winkend am Bug des einen Schiffes. Und wenn jemand sie jemals später danach gefragt hätte, immer hätte sie geantwortet, daß in diesem Moment das Unglück ihres Lebens auf die Insel kam. Ihr Unglück war auf jenen beiden Kähnen, deren Ankunft sie doch entgegengefiebert hatte, weil sie sich ganz sicher gewesen war, es sei ihr Glück darauf. Und so, voller Vorfreude, Gustav wiederzusehen, lief sie schnell zur Baustelle, um dem Onkel seine Ankunft zu melden.

Ferdinand Fintelmann stand hoch oben auf der Balustrade, von der man den Rohbau des Palmenhauses bequem übersehen konnte, mit dessen Verglasung morgen begonnen werden sollte. Seit Jahresbeginn wurde gebaut, und alles würde fertig sein, bevor der Winter den Pflanzen schaden konnte. Dem alten Hofgärtner hatte es den Atem verschlagen, als er erfuhr, mit welcher Summe der König seinen Neffen ausgestattet hatte. Er sah hinab auf die gitterförmig durchbrochenen Marmorplatten des Tempelchens, die, ein Halbrund bildend, um einige Stufen erhöht, den Hintergrund des später einmal ganz im indischen Stil gehaltenen Gebäudes einnehmen würden. Hier war der richtige Ort für sie, inmitten all der exotischen und seltsamen Pflanzen, die sein Neffe heranschaffte, jahrhundertealt, selten blühend und empfindlich, aus trockenen Samen gezogen, mühsam und unter Gefahren aus Asien oder Afrika mitgebracht, als Keimlinge in kleinen Bottichen übers Meer gekommen, weitergereicht von einem zum anderen, ohne Erinnerung an die feuchte Schwüle, in der sie eigentlich heimisch waren und ohne die sie sterben mußten.

Welche Hybris, diese riesigen Palmen hier am Leben erhalten zu wollen wie stumme fremde Tiere: Die Latania borbonica, die, wie er wußte, das Hauptstück der Sammlung sein würde, aber auch die Strelitzia augusta und die seltene Astrapaea alba. Heizungen und Glasdächer waren dafür nötig, Torffeuer und Decken. Das hatte nichts mehr mit den Orangerien und Treibhäusern zu tun, die er kannte, in denen man zwar auch fremdartige Zitronen gewann und Granatäpfel, aber doch nur für den Genuß der Könige. Die Gier Lennés und seines Neffen war eine andere und ihm ganz fremd.