»Onkel!« rief Marie in diesem Moment von unten herauf und riß ihn aus seinen Gedanken.
»Was ist denn?«
»Sie kommen!«
Und dann begann schon der Trubel der Ankunft und das Entladen der unzähligen Blumenkübel mitsamt dem ganz irrealen Anblick der haushohen Palmen, die zitternd vom Steg auf die Insel schwebten unter dem Keuchen und Stöhnen der Matrosen und Gärtner. Und dann, nachdem man gegessen und getrunken und alles wieder und wieder gefragt und berichtet hatte und der Stolz, der den Onkel seit der Ankunft Gustavs nicht hatte zur Ruhe kommen lassen, letztlich doch erlahmt und die beiden Alten schließlich zu Bett gegangen waren, blieben Gustav und Marie allein am Eßtisch zurück.
Heute war der Tag. Gustav verteilte den letzten Schluck aus der Karaffe, sie tranken die Neige, dann stand er wortlos auf. Marie löschte die Lampen und folgte ihm. In der Diele wartete er und ließ ihr den Vortritt auf der Treppe. Vor seinem Zimmer war wiederum sie es, die stehenblieb und sich nach ihm umsah.
Er öffnete die Tür und sagte: »Bitte.«
Bis auf die flackernde Kerze am Bett, die er entzündete, war es dunkel im Raum. Vor dem offenen Fenster die Geräusche der Nacht. Die Rufe der Nachtvögel in der Voliere, vom dumpfen Brüllen des Löwen immer wieder zum Schweigen gebracht. Marie meinte zu hören, wie der Wind in die Palmwedel griff. Ihre Hände schienen ihm weich und klein wie nichts sonst. Als er etwas sagte, lachte sie leise mit nach hinten geworfenem Kopf, er sah im Halbdunkel ihre Lippen und erinnerte sich nun, daß sie schon immer so rissig gewesen waren, rissig und verlockend wie eine Frucht. Lachend leckte sie sich mit der Zunge weit in die Mundwinkel hinein.
Der Mensch, sagt man, ist ein geschlechtliches Wesen, weil er ein Geschlecht besitzt. Und wenn es umgekehrt wäre? Wenn wir ein Geschlecht nur besäßen, weil wir Wesen sind, die einzig in Verbindung mit anderen existieren können? Die Begierde wäre eine der Formen dieser Verbindung. Berührungen schneiden den anderen von seinen Möglichkeiten ab, Berührungen sind Aneignungen, sie lassen unter den Fingern das Fleisch des andern erst entstehen. Das ist es, was die Begierde ausmacht. Marie wußte das, seit der König sie angesehen, seit ihr Bruder sie berührt hatte. Und seit dem Moment, als sie Gustav an diesem Morgen am Bug des Kahns unter den wippenden Palmwedeln gesehen hatte, die ihn wie in einer starren Prozession heranführten als stumme, gesichtslose Begleiter, höher als das Segel und hoch wie der Himmel und von der Fremdheit einer Fata Morgana, wußte sie auch, daß er sie nun würde lieben können, wie sie war. Die Insel und sie, das wußte sie, waren eins. Ganz so, wie er auf die Insel zurückkehrte, kehrte er auch zurück zu ihr.
Und tatsächlich hatte Gustav sich auf seiner Reise immer wieder ausgemalt, wie sie jetzt endlich zueinanderfinden würden. Hatte sich plötzlich stark genug gefühlt für das Fremde, das Marie immer gewesen war, und sich so sehr nach ihrer beider Kindheit gesehnt, daß, wenn jene Nähe wieder zu spüren bedeutete, sie zu lieben, er sie lieben wollte. Es war eine Hoffung und eine Wette zugleich, und er spürte jetzt, während er sie küßte und umarmte, daß sie zwar noch immer ein Kretin, eine Mißgeburt, ein unkorrigierbarer Fehlgriff der Natur war, diese Begriffe aber, wie ersehnt, allen Sinn verloren hatten. Es hatte Frauen gegeben, in Berlin eine schüchterne Liebe, und dann, während der drei Jahre seiner Reise durch Europa, Gelegenheiten beiderlei Geschlechts, doch nie hatte er dabei etwas Besonderes empfunden. Niemals das, was er jetzt empfand, das Glück, jene Barriere endlich niederzureißen, die ihn seit jenem Regennachmittag in der Scheune ferngehalten hatte von Marie, und, wie er sicher zu wissen glaubte, von allen Frauen.
Alles so klein! flüsterte Gustav und bedeckte ihren Körper mit Küssen, triumphierend, daß er ihn, wenn er sie nicht ansah, begehrte. Doch immer wieder wich sie zurück und bot zugleich sich ihm dar, wie sie es gewohnt war vom König und ihrem Bruder. Er weiß, was ich bin. Das war es, was sie dachte. Legte sich lächelnd immer wieder unter seinen Blick, nackt und ohne ein Haar an ihrem Körper, und war sich sicher, daß ihm gefalle, wie glatt und weich sie war, wenn sie sich nur ganz ihm überließ. Alles, alles, nur kein Tier war sie. Kein Monster, dachte sie und lächelte ihn an. Was ihn, da es ihm so vorkam, als stoße sie ihn weg, dazu brachte, sich mit gierigen Küssen immer verzweifelter in ihren Mund zu stürzen. Doch immer, wenn er sie an sich zog und ihre Hände auf seinen Körper legte, wich sie sogleich zurück, immer verzweifelter bemühte er sich um sie, und sie lächelte, mißverstehend, selig darüber, und das ging lange hin und her, bis er sich schließlich auf sie legte und mit verbissenem Bemühen nahm.
Es ist notwendig, die Geschlechter nicht als Instrumente zu benutzen. Niemals könnten sie wendige, greiffähige Organe sein für das, was uns die Liebe ist. So, wie sie sich erregen und aufrichten, autonom, sind sie vegetatives Leben. Indem wir in unserer Begierde Fleisch werden, werden wir blind und stumm wie Pflanzen, und all unsere Berührungen haben nur den Zweck, den Körper des anderen mit Freiheit zu tränken. Und das ist das Glück. Alles andere ist der Tod der Begierde. Marie spürte das ungeheure Gewicht von Gustavs Körper, der sich über sie wölbte, und der Zauber erlosch. Bald schon sank er stöhnend und traurig neben ihr in die Kissen und rettete sich schnell in den Schlaf.
Einen Moment lang hatte sie geglaubt, jetzt sei alles richtig. Seine Zärtlichkeit hatte etwas Zitterndes gehabt, als befürchtete er, seine eigenen Empfindungen rissen ihn mit sich fort. Dann aber hatte sein Blick sich verändert, und sie hatte gespürt, daß er wollte, sie solle etwas tun, von dem sie aber nicht wußte, was es war. Und mit jeder Bewegung hatte sie sich unwohler gefühlt und schließlich, als es vorüber war, ihre eigene Traurigkeit in seinem Blick gesehen, ohne daß sie beide den Mut gehabt hätten, sich zu bekennen. Im Gegenteil. Ganz leise und ohne sie anzusehen hatte Gustav, bevor er eingeschlafen war, noch wissen wollen, ob es mit ihm anders sei als mit Christian. Eine Frage, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie hatte heftig den Kopf geschüttelt, und das war alles gewesen.
Marie lag die ganze Nacht neben ihm wach und hörte den Tieren zu. Als aber das Morgenlicht hereinkroch und sie dabei zusah, wie er schlief, begriff sie es endlich: Gustav liebte sie, doch das war kein Glück. Nicht für sie beide. Niemals.
Siebtes Kapitel. Halkyonische Tage
Mit wachem Blick stand der junge Mann während der kurzen Überfahrt am Bug des Kahns, als überquerte er ein weites Meer. Die Kutsche des Präsidenten Rother, die ihn vom Gendarmenmarkt hierher zur Fähre gebracht hatte, war da bereits wieder im Wald verschwunden.
Selbst für die Pfaueninsel, der es an Kuriositäten der Natur und Kunst nicht mangelte, war der junge Mann ein ungewöhnlicher Anblick: Groß und schlank und mit langem pechschwarzem Haar, das er in einem lockeren Knoten auf dem Rücken trug, die Haut dunkel und das halbe Gesicht mit einer großflächigen Tatauierung aus weit geschwungenen Linien versehen, deren Muster sich von der Stirn herab um das eine Auge legte, weiter wie eine Welle über die Wange verlief und den Hals hinab, im Ausschnitt des Hemdes verschwand, um auf dem rechten Handrücken wieder aufzutauchen. Wie gebannt schritt der junge Mann über den Steg an Land und ließ dabei nicht aus den Augen, was er vom Wasser aus erspäht hatte. Und stand dann staunend vor der Fächerpalme mit dem fast vier Meter hohen Stamm, die man hier an der Anlegestelle einfach hatte stehenlassen.
Noch war das Palmenhaus nicht fertiggestellt und im Sommer keine Unterbringung in einem der Gewächshäuser nötig, in die dieses beeindruckende Exemplar auch nicht gepaßt hätte, und so grüßte der mächtige Stamm mit seiner Krone weitausladender Palmblätter, die wiederum von einer Reihe kleiner Wedel gekrönt wurde, jeden Neuankömmling auf der Pfaueninsel. Wobei er, der gerade beide Hände an den Stamm legte und dabei mit einem Lächeln die Augen schloß, einer der ganzen wenigen Menschen war, die zu diesem Zeitpunkt in Europa behaupten konnten, unter ebensolchen Palmwedeln aufgewachsen zu sein. Wie betrunken folgte er, ohne einen Blick für das Kastellanshaus, den Rosengarten und alles andere, der Spur der Palmen, die sich entlang des Weges verteilten, ging von einer zur anderen, immer wieder ein Blatt zwischen die Finger nehmend, bis er schließlich auf die Schloßwiese kam, bei deren Anblick ihm das Herz bis zum Hals schlug.