Es war ihm, als wäre nun nicht nur er, sondern gleich seine ganze Heimat auf dieser seltsamen Insel angelandet, denn zufällig wie Schwemmgut verteilte sich fast die ganze berühmte Palmensammlung dort, und die Blätter von vielfältigster Form und Beschaffenheit wippten allesamt im leichten Wind, der über die Insel ging. Und Heinrich Wilhelm Maitey von den Sandwich-Inseln, den alle Harry nannten, war, während er auf diesen Hain zuging und sich in seinem Schatten niederließ, in Gedanken wieder in seiner Heimat und noch einmal auf seiner Reise hierher.
Vor etwa fünfundzwanzig Jahren auf Ohau geboren, war er als kleiner Junge Augenzeuge, wie eines Tages ein Segelschiff in der Bucht seines Heimatortes ankerte, das sich als die Mentor der Preußischen Seehandlung herausstellte, von der man dort, anders etwa als von den entsprechenden Institutionen des Vereinten Königreichs, noch nie etwas gehört hatte. Trotzdem bat der junge Maitey, einmal an Bord, mitgenommen zu werden und kam so 1824 nach Preußen. Zunächst noch bestaunt und versorgt im Haus des Präsidenten der Seehandlung, erschöpfte sich doch dessen Geduld schließlich. Und so war er nun hier, gerade erst christlich getauft, königlicher Pflegling und künftiger Maschinengehülfe des Maschinenmeisters Friedrich auf der Pfaueninsel.
Harry lauschte dem Rauschen der Palmwedel. Fast meinte er, eine sanfte Brandung zu hören. Er begann leise zu singen. Es roch gut hier. Er hörte Vogelgezwitscher, dann auch Stimmen und das Pochen von Hämmern, das er zunächst gar nicht bemerkt hatte, und entdeckte ein ganzes Stück entfernt, dort, wo die Schloßwiese in einen Wald aus hohen Eichen überging, Bauleute bei der Arbeit. Ein großes, ja ein riesiges Haus wurde dort errichtet, Holzsparren ragten weit in den Himmel, die ihn in ihrer gleichmäßigen Abfolge an die Männerhäuser seiner Heimat erinnerten, doch sah er verwundert, daß jenes Haus beinahe nur aus Fenstern zu bestehen schien.
Die Eichen hatten längst ihre Blätter verloren, als man die Pflanzbottiche endlich von der Schloßwiese zum Palmenhaus bringen konnte. Kreisrunde Abdrücke, gelb vom verdorrten Gras, blieben auf der Wiese zurück, wo sie ein halbes Jahr gewartet hatten. Schinkel stand bei einem dieser trostlosen Male und stieß mißmutig mit der Stiefelspitze in der trockenen Erde herum, als suchte er einen Vorwand, nicht hinübersehen zu müssen.
»Nun gehen Sie doch, Fräulein! Ihr Freund wartet sicher schon auf Sie.«
Marie lachte. Wann immer er auf der Insel gewesen war, um den Fortgang der Arbeiten zu überwachen, hatte sie seine Gesellschaft gesucht. Affenkopf nannte sie ihn bei sich. Sie mochte ihn gern.
»Aber schauen Sie doch!« sagte sie. »Wie schön es geworden ist!«
Schinkel nickte, ohne den Kopf zu heben. Nach dem Wunsch des Königs sollte das Palmenhaus ganz zu öffnen sein, weshalb er die Fassade komplett aus Fenstern konstruiert hatte, die mittels Kettenzügen einzeln ausgestellt werden konnten. Die Front präsentierte sich so ganz feingliedrig als Glasbau, durch dünne Holzstreben mit einem klaren Raster überzogen, gegliedert mit schlanken Halbsäulen, zwischen denen die Fenster eingespannt waren, unter dem Gesims zwei verglaste Friese, alles farbig in Gelb, Blau, Grün und Rot. Und als er jetzt doch aufsah und tatsächlich versuchte, sein Gebäude wie ein Fremder zum ersten Mal anzusehen, lagerte es wie auf einer Vase der Königlichen Porzellanmanufaktur unter diesem makellosen preußischen Himmel, in den die alten Eichen ihre verknoteten Finger streckten.
Es schien ihm wie das Versprechen einer neuen Zeit. Ein paar Pfauen zogen vorüber. Was kümmerten sie ihn! Neu war: Er hatte diese vielen Fenster einfach als Serie behandelt, als identische Einheiten. Soweit er wußte, hatte so etwas noch niemand getan. Es war modern. Er mußte lächeln. Jetzt getraute er sich wirklich hinzusehen. Wie schön es aussah! Er spürte die milde Herbstsonne auf der Haut. Da es völlig windstill war, wärmte sie sogar.
»Halkyonische Tage«, sagte er in die weiche Luft hinein.
Marie nickte, auch wenn sie nicht wußte, was er damit meinte. Schinkel sah ihr nach, wie sie dann mit kleinen Schritten über die Schloßwiese davoneilte. Noch immer wurden Pflanzenkübel herangeschafft. Die Front hatte in der Mitte eine halbrunde Exedra, durch die man das Palmenhaus betrat. Dort erschien jetzt der junge Hofgärtner und nahm Marie in Empfang. Was für ein Paar! Eines, wie es nur hier denkbar war, dachte Schinkel und zog mit seinem Stiefel wieder Kreise durch die trockene Erde. Eisen wäre für die Konstruktion des Baus aber zweifellos besser gewesen als Holz, viel besser, dachte er und ärgerte sich über sich selbst.
Gustav nahm Marie bei der Hand und führte sie ins Palmenhaus hinein, lief dann voller Ungeduld voran und erklärte ohne Unterlaß dies und jenes, und seine Begeisterung machte sie glücklich, da sie es war, über der er sie ausschüttete. Die letzte Sonne spielte durch die hohen Glasflächen auf dem unterschiedlichen Grün der Blätter. Die Arbeiter waren gerade gegangen, und es war still bis auf ein fernes Rumpeln aus dem Heizungsraum im Keller, wo nun Sieber und seine Gesellen schon den ganzen Tag dabei waren einzuheizen.
Was Marie zunächst sah, war die riesige Fächerpalme, unbestreitbar Mittelpunkt des großen Raumes. Sie stellte sich unter ihre von langen Blattstielen in zierlichen Bögen ausgehenden, ringsherum tief herabhängenden steifen Fächer. Es war die Pflanze, die Marie zuerst gesehen hatte, als Gustav sich an jenem Morgen auf dem Kahn der Insel genähert hatte. Um ihre Größe noch hervorzuheben und ihren Rang zu markieren, hatte man ihren Terrakottakübel auf eine niedrige achteckige Postament-Säule gesetzt, mitten auf den zentralen Querweg, an dessen Endpunkten Marie jetzt Brunnenbecken entdeckte, in die vergoldete Löwenmasken Wasser spien. Auf jeder Seite des Weges Beete, in denen die Pflanzen so dicht an dicht standen, daß Marie den hohen Raum kaum übersehen konnte, den vier schlanke und bemalte Säulen abstützten.
Gustav folgte ihrem Blick und erklärte, was sie sah. Das da, nah am Fenster, mit den graugrünen, halbzusammengeklappten Fächern, zwischen deren Falten zähe lange Fäden herabhingen, sei eine ostindische Schattenpalme. In Indien reiche eines der dreihundert Quadratfuß großen Blätter, das Dach einer Hütte für ein Jahr zu decken. Eine seltsame Pflanze sei das, die einzige bekannte Palme, welche nur einmal blühe. Irgendwann treibe sie eine unglaubliche Menge übelriechender Blüten und sterbe dann, notdürftig einige Früchte reifend, ab. Wie traurig, sagte Marie und deutete fragend auf ein anderes, besonders imposantes Exemplar mit einer reichen Krone kleiner Wedel. Das sei ebenfalls eine Fächerpalme. Ihr Stamm, er habe ihn vermessen, komme auf fast vier Meter. Von ihr heiße es in den Unterlagen, sie sei schon seit zweihundertfünfzig Jahren in verschiedenen erzbischöflichen und anderen Gärten am Rhein gepflegt worden und als Merkwürdigkeit aus einer Hand in die andere gegangen. Und das? Eine neuholländische Fächerpalme, eine sehr seltene Pflanze. Daneben Dattelpalmen, unübersehbar viele, japanische Fächerpalmen, dort eine Sagopalme mit ihrem unförmigen Stamm, dort Ananas- und Bananenstauden, Drachenblutbäume, Andentannen, ein Zimtbaum. Das dort drüben seien Litschibäume, jenes Kaffee. Marie schüttelte ungläubig den Kopf. Und dies dort drüben sei Bambus, sie werde es im nächsten Jahr erleben, wie die Stangen aus der Erde brächen, kolossalen Spargelköpfen glichen ihre Triebe, die in drei Monaten, da sei er sicher, die Decke des Hauses erreicht haben würden, der Stundenzeiger kleiner Uhren gehe kaum rascher.