Der Eindruck war so fremdartig, daß Marie sich tatsächlich in den Tropen wähnte. »Wird es denn schon warm?« fragte sie und öffnete ihren Mantel.
Gustav zeigte ihr die gußeisernen Gitter am Boden. Schinkel hatte den Glasbau des Palmenhauses vor eine zehn Meter hohe Wand gestellt, an der sich die Schornsteine befanden, die Eingänge und Wirtschaftsräume, im Keller die Feuerungen für die Kanalheizung, deren liegender Kamin den Fußboden durchzog, abgedeckt durch ebenjene Gußeisengitter. Und tatsächlich spürte man schon, wie die Wärme emporstieg. Gustav kniete sich neben sie und hielt die Hand in den warmen Luftstrom. Sie betrachtete sein glückliches Gesicht und küßte ihn auf die Wange.
Seit jener Nacht nach seiner Ankunft waren sie zusammen. Bei Tag vermieden sie Liebesbekundungen, nachts aber schlich Marie sich meist in Gustavs Zimmer. In ihren Berührungen fanden sie niemals zueinander, aber schnell eine Routine, die sie beide beruhigte und über deren Schalheit sie sich selbst keine Rechenschaft abzulegen bemühten. Über die Zukunft zu sprechen, vermieden sie ebenso wie über die Vergangenheit. Wir haben Zeit, dachte Marie. Doch sie sah die Blicke des Onkels, und einmal sprach Gustavs Mutter mit ihr, als gerade niemand im Haus war. Niemals könne sie Gustav heiraten. Eine solche Undankbarkeit. Als Kind aufgenommen und all die Jahre. Vielleicht sei es das beste, wenn sie sich, wie ihr Bruder Christian, eine eigene Existenz suche. Vor allem dieser Satz tat Marie weh, die ganze Zeit, während die Tante auf sie einsprach, betrachtete sie das Rubinglas auf dem Fensterbrett, gab ihm sogar einen kleinen Stoß mit dem Finger, und das Glas zirkelte glitzernd um sich selbst.
Daran mußte sie denken, während sie jetzt im Palmenhaus umherging. Soweit entfernt schien ihr das alles. Alles, die Säulen und Pfeiler und jedes Ornament waren nach indischer Art ausgeführt, die Loggia mit dem Balkon darauf, über Wendeltreppen auf beiden Seiten zu erreichen, wurde von nachgemachten indischen Säulen getragen, die aus Blumenkelchen zu erwachsen und, in Spitzbögen zusammenrankend, die Decke zu halten schienen. In der Mitte der Rückwand befand sich eine Apsis, deren Wände man blau, die Nische rot mit goldenen Leisten und weißer Umrahmung ausgemalt hatte. Hier war in den letzten Tagen der indische Tempel aufgestellt worden, ein paar Schritte führten hinauf, dann betrat man den in schneeiger Weiße glänzenden Kiosk, dessen netzartig durchbrochene Marmorplatten durch feine Goldleisten zusammengehalten wurden.
Mit alldem kam die Veränderung auf der Pfaueninsel zu ihrem Ende, die mit Lennés Rosengarten vor über einem Jahrzehnt begonnen hatte, denn dieser korrespondierte nun für jeden sichtbar mit dem Palmenhaus hier auf der anderen Seite der Wiese. Nicht nur, weil es die beiden kostbarsten Anlagen auf der Insel waren, die da in Sichtweite zueinander standen, und nicht nur, weil Rosen und Palmen sich darin glichen, daß sie Unmengen Wasser benötigten, weshalb die Insel nun unbedingt auf künstliche Bewässerung angewiesen war, es gehörten beide vor allem insofern zusammen, als die Heimat der Rosen Indien war. Nichts anderes bedeutete dies, als daß man eine völlige Umorientierung jener Sehnsucht erreicht hatte, deren Ausdruck die Insel immer gewesen war. Nicht mehr das Otaheitische Cabinett und Rousseau, sondern der Orient mit seiner schwellenden Natur und verfeinerten Genüssen war nun ihr neuer Bezugspunkt. Lange blieb Marie vor dem kleinen Marmorbassin in der Mitte stehen, das man mit seinem Springbrunnen und den Goldfischen mitten hinein in die alten Tempelschranken gesetzt hatte.
Und als sie wieder zurück in den riesigen Raum kam, hockte Gustav noch immer am Boden und überprüfte, ganz versunken in seine Tätigkeit, den warmen Luftstrom der Heizung. Ihm, das wußte sie, war die Architektur dieses Baus ganz gleichgültig. Er fühlte sich unter diesen Wipfeln nicht versetzt in einen orientalischen Palast, für ihn waren diese fremdländischen Pflanzen nicht vor allem stimulierende Dekorationen, er war stolz darauf, die größte Palmensammlung Europas zu besitzen, ein lebendiges Lehrbuch und Studienobjekt. Langsam schlenderte sie zu ihm zurück, so langsam, daß ihre Angst vor der Zukunft sich auf dem Weg wieder besänftigen konnte. Dann stand sie bei ihm und strich ihm lächelnd durchs Haar.
»Was sind halkyonische Tage?«
Das wisse er nicht, sagte Gustav und sah zu ihr auf. Schwärmerisch betrachtete er die Palmen, über die sich langsam der Nachthimmel schob.
Halkyonische Tage: So nannten die Alten jene Woche im Dezember, in der das Meer meist völlig ruhig war. Der Eisvogel, von dem man annahm, er komme niemals an Land, baue, so hieß es, in dieser Zeit sein Nest auf den schlafenden Wellen. Eine kurze Zeit nur, in der es Marie schien, als könnte sie doch wie alle sein.
Monster. All die Jahre hatte das Wort der toten Königin nur geschlafen. Marie war einen Meter fünfundzwanzig groß, etwas über vier Fuß in den Maßen ihrer Zeit. Ihr kleiner Mund glich stets einem Kußmündchen. Noch jedesmal überraschte es sie, wenn sie zufällig ihr eigenes Bild im Spiegel sah. Und immer von neuem vergaß sie dann wieder, daß sie nicht wie alle anderen Frauen war. Und tröstete sich damit, daß sie mit der Fußsohle ihre Stirn erreichen konnte. Auch in den Spagat kam sie mühelos. Doch das war kein Trost. Allein, daß Gustav sie liebte, war ein Trost. Sie hatte oft Schmerzen im Rücken und in den Waden, wenn sie lange stehen mußte. Sie bekam schwer Luft.
Jede Mißbildung fühlt sich an wie eine Schuld, denn es klebt an ihr die Verunsicherung der natürlichen und moralischen Ordnung der Welt. Wundersame und erschreckende, von den Göttern gesandte und zu deutende Vorzeichen waren der Antike die Monstren. Und zugleich Randphänomene im Wortsinn, sie hausten am Ende der Welt und markierten ihre Grenzen. Noch die Sagenwesen, die später die mittelalterlichen Karten bevölkerten, die kopflosen Acephalen, die ohrlosen Amabren, die mundlosen Astonomen, die Skiapoden, die sich selbst mit einer riesigen Fußsohle Schatten spenden, die hasenohrigen Panotier, verdanken sich Plinius. Immer, wußte Augustinus, ist Häßlichkeit Ausdruck der Gottesferne.
Die Aufklärung, heißt es, habe all dem ein Ende bereitet. Und tatsächlich blieb von dieser fremden Welt nur die Neugier auf sie. Monstrositäten wurden zu wunderbaren Einzigartigkeiten der Natur, die man in Wunderkammern sammelte. Man mühte sich, sie in das bekannte Naturgefüge einzubauen, suchte nach naturhistorischen Klassifikationen und anatomischen Regularitäten als Nachweis einer vernünftigen Ordnung. Doch es gelang nicht. Nicht mit dem Wissen der Zeit, die bis dahin davon ausgegangen war, alle Lebewesen seien beim göttlichen Schöpfungsakt in unendlich kleiner Gestalt vorgebildet worden und schlummerten seitdem, bis der Zeitpunkt für jedes einzelne gekommen war, sich aus dem Homunculus zu einem Lebewesen zu evolvieren. Wie aber waren die Mißbildungen mit der göttlichen Allmacht zu vereinen? Wie kam das Schlechte in die Welt? Leibniz meinte, auch die Monstren entsprächen den göttlichen Regeln, wir seien nur nicht in der Lage, diese zu erkennen. Erst in der Epigenesis, die zuerst die Idee einer stufenweisen Entwicklung der einzelnen Teile eines Organismus dachte, fand die Biologie diese Regeln. Damit, schien es, waren die Monstren aus der Welt, hatten sich aufgelöst in nichts als Fehler und Anomalien.
Chondrodystrophie, wie wir Maries Minderwuchs heute nennen, ist das Ergebnis einer seltenen genetischen Veränderung, einer Spontanmutation. Ein chondrodystrophes Kind kann durchaus normalgewachsene Eltern haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß seine eigenen Kinder wiederum kleinwüchsig sein werden, beträgt fünfzig Prozent. Das Wissen, das die Monstren aus der Welt vertreibt, gebiert sie in uns. Als Krankheit bedrohen sie nun unsere Zukunft, sind weniger Zeichen von jenseits der Grenzen des Bekannten, als Wesen jenseits aller Grenzen. Heute sind sie direkte Ausflüsse unserer Ängste, deren Phantastik nicht tröstet, da die Besorgnis immer größer wird, es könnte uns gelingen, zu erzeugen, was wir fürchten.