Gustav saß neben Marie im Gras und hörte Maitey zu, wie er sang. Zunächst zierte der Südsee-Insulaner sich stets, wenn man ihn darum bat, doch hatte er einmal begonnen, wollte er nicht wieder aufhören. Er setzte sich dann sehr aufrecht hin, und sein Blick ging ins Leere. Seinen Gesang unterstützte er durch lebhafte Bewegungen mit den Händen, wobei alle Töne seines schier unendlichen Liedes nach a, i, ä klangen. Wenn Besucher der Insel ihn zufällig hörten, glaubten sie, einen Irren vor sich zu haben, Marie aber gefiel gerade, daß seine Gesänge nicht endeten. Gustav kam sich dabei fehl am Platz vor.
Zumeist bestand das Auditorium aus Marie und ihm, der Tochter des Tierwärters Becker, dem Riesen und Itissa, dem Mohren. Gustav wußte vom Maschinenmeister Friedrich, wie gut sich Maitey machte, und deshalb betrachtete er den Wilden mit Wohlwollen, schien er ihm doch der Beweis, daß die Zivilisierungskräfte des aufgeklärten Denkens in der Lage waren, den Menschen zu bessern. Aber die anderen machten ihm angst. Stets hatte er das Gefühl, als ob sie ihn auf eine unheimlich vertraute Weise anblickten. So, als wollten sie ihm zu verstehen geben: Wir kennen dich. So, als wäre er selbst auf eine gewisse Weise monströs.
Als der König im Sommer 1830 zur Besichtigung des Palmenhauses auf die Pfaueninsel kam, verbrachte er, obwohl er sich sehr lobend äußerte und außer Schinkel und Schadow ausdrücklich auch dem Onkel und Gustav seinen Dank aussprach, wie immer in den letzten Jahren die meiste Zeit im Maschinenhaus an der Havel, wohin er auch Besucher für gewöhnlich als erstes führte, um, wie er sich ausdrückte, der Arbeit der Maschine zuzusehen. Ansonsten geschah wenig. Ein größeres Ereignis, zumindest für Maitey, war die Ankunft des Kapitäns Wendt der Preußischen Seehandlung, der einige Südsee-Gänse für die Menagerie brachte, wobei sich überraschenderweise herausstellte, daß Maitey den Kapitän noch von seiner eigenen Überfahrt kannte. Das war ein freudiges Wiedersehen, und die beiden sprachen einen Nachmittag lang über die gemeinsamen Erlebnisse. Auch die Gänse waren Maitey von Kindheit an vertraut, und so saß er nun oft am Vogelteich. Und verliebte sich dort in Doro, die Tochter des Tierwärters, die in diesem Jahr gerade siebzehn geworden und deren Aufgabe es war, die Vögel zu füttern. Im August schon wurde über Heirat gesprochen.
Da wollte auch Marie wissen, wie es um sie beide stand. Es war eine schwüle Sommernacht, und die Kerzenflamme brannte in der Windstille wie erstarrt. Doch Gustav antwortete ausweichend. Die Gattin sei das edle Reis, das dem stumpfen Trieb, der Unmoral und der Gewalttätigkeit des Mannes aufgepfropft gehöre. Daß die Frau den Mann zur Sittlichkeit bringe, das sei das Ziel der Ehe.
»Und?« fragte Marie tonlos.
Sie sah seinen distanzierten Blick. Er schüttelte nur den Kopf. Dann aber lächelte er plötzlich und küßte sie, und alles war für einen Moment wieder gut. Er schien einen besonders amüsanten Einfall gehabt zu haben und lachte los.
»Aus der Verbindung von Schaf und Ziege entsteht die Schiege«, sagte er. Er konnte gar nicht aufhören zu lachen. Japsend fuhr er fort: »So, wie das Maultier eine Kreuzung von Pferdestute und Eselhengst ist.«
»Hör auf«, sagte Marie.
»Die Paarung einer Eselstute mit einem Pferdehengst ergibt einen Maulesel.«
»Sei still!«
»Sogar eine Kreuzung aus Löwe und Tiger soll es geben.«
»Du bist ekelhaft.«
Das Wort, das Gustav noch nicht kennen konnte, für etwas, das aus Verschiedenartigem zusammengesetzt und von zweierlei Herkunft ist, lautete Hybrid. Das lateinische hybrida wird mit Mischling oder Bastard übersetzt. Es geht auf die griechische Hybris zurück, die schuldhafte Tat wider die Ordnung.
»Ich bekomme ein Kind«, sagte Marie.
Sehnsucht ist ansteckend. Die Wege der Bilder sind reale, auch wenn wir meinen, unsere Phantasie träume sie herbei. Jenes phantastische Indien, das der junge Schinkel auf der Pfaueninsel hatte bauen lassen, kam auf ebenso wirklichem Wege nach Preußen wie die Krankheit, die den Sehnsuchtsbildern folgte, ja man könnte sich fragen, ob die Menschen nicht von jener verschont geblieben wären, hätten sie diese nicht geträumt.
1830 war die Cholera mit russischen Soldaten, die man von der indischen Grenze abzog, um sie gegen einen polnischen Aufstand zu werfen, erstmals nach Europa gelangt, und da sie sich aus Rußland und Polen wie eine Armee näherte, reagierte man in Preußen militärisch und errichtete einen cordon sanitaire an der Oder, der jedoch, abgesehen davon, daß es sich bei ersten prominenten Opfern um die Militärs Clausewitz, Gneisenau und Blücher handelte, gänzlich wirkungslos blieb. Unaufhaltsam kam die Krankheit näher, und wer konnte, floh oder verbarrikadierte sich. In einem Torfkahn, der eines Morgens in Charlottenburg anlegte, brachte ein kranker Schiffer, der wenig später starb, sie schließlich im August 1831 nach Berlin.
Es hieß, die königliche Familie werde auf die Pfaueninsel fliehen, was dann jedoch unterblieb, ohne daß man den Grund wüßte. Vielleicht, daß dem König in den Sinn gekommen war, es könnte das indische Heiligtum, dort, in der warmen, blütenduftgesättigten Luft des Palmenhauses, das Ziel der indischen Seuche sein. Auch auf der Insel gab es derlei Befürchtungen, unter den Tagelöhnern zumal, denen die exotischen Pflanzen nie ganz geheuer waren, aber Ferdinand Fintelmann sorgte für Ruhe und Ordnung, indem er, wie ein Vierteljahrhundert zuvor unter der Napoleonischen Besatzung, die Insel von der Welt losmachte, als wäre sie ein Schiff, das den Hafen verläßt. Alle entbehrlichen Arbeiter wurden nach Hause geschickt, der Publikumsverkehr mit dem Festland wurde eingestellt, Fährmann und Kahn blieben jenseits der Havel. Einzig die Post wurde alle paar Tage zugestellt, wobei Fintelmann so weit ging, die Papiere ausräuchern zu lassen, bevor sie geöffnet werden durften.
Marie war niemals glücklicher als in diesen Monaten ihrer Isolation. Keinen Gedanken verschwendete sie an die Cholera. Seit sie wußte, daß sie ein Kind haben würde, fühlte sie sich zum ersten Mal als Frau und Gustav unauflöslich verbunden. Das gab ihr eine Gelassenheit, die sie nicht gekannt hatte und die sie sogar über den sorgenvollen Blick ihres Bruders lachen ließ, der meinte, das werde kein gutes Ende nehmen.
Christian war bei Beginn der Seuche aus Stolpe auf die Insel zurückgekehrt, und auch das trug zu Maries Glück bei. Fast war es wieder wie früher, als sie drei noch Kinder gewesen waren. Die Insel, ohne Besucher, war wieder so leer wie damals, und, da die meisten Arbeiten ruhten, fast ebenso still. Zudem lockerte der Ausnahmezustand in gewisser Weise die Sitten, so daß etwa die zunehmend sichtbare Schwangerschaft Maries von niemandem beachtet zu werden schien, und auch Christians Gehabe nicht, der wieder mit nacktem Oberkörper umherging und seine alte Hose aus Schafsfell trug, deren Zotteln bei jedem Schritt wippten. Und Gustav tat bei allem mit, als wäre dies so selbstverständlich, wie Marie es sich dachte. Dabei übersah sie jedoch die Angst in seinem Blick. Und machte sich auch keine Gedanken darüber, daß er sie, seit er von ihrer Schwangerschaft wußte, nicht mehr anrührte. Bemerkte auch nicht, wie er Christian musterte. Nur einmal beobachtete sie etwas, was sie verunsicherte.
»Wenn dieser Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.«
Marie sah überrascht hoch und hörte auf, das Tier zu streicheln. Christian hatte das gesagt. Wieder war es Herbst geworden, und sie hatten an einem der ersten sonnigen Tage seit langem einen Spaziergang zu den Käfigen gemacht. Ihr Bruder lagerte mit dem Rücken an den Gitterstäben und ließ Kies zwischen seinen Fingern hindurchrieseln. Gustav kauerte auf den Fersen vor ihnen. Sie begriff nicht. Weshalb könnten wir den Löwen nicht verstehen, wenn er doch sprechen könnte?