»Ja, das stimmt wohl«, sagte Gustav, bevor Marie, die sich gerade zu den beiden umdrehte, hatte fragen können, wie Christian das meine.
Und dann geschah etwas Seltsames. Gustav legte, wie zur Bestätigung, daß er ihn verstehe, seine Hand auf den Arm ihres Bruders und sah ihn eindringlich an. Der weiße Kies rieselte zu Boden. Und Gustavs Hand streichelte, ganz kurz nur, wie im Schwung, mit dem er zugleich aufstand, über den nackten Oberarm Christians und über seine nackte Schulter. Und Marie sah überrascht das stumme Begehren in seinem Blick. Doch dann war es auch schon vorüber, Gustav klopfte sich den Staub von den Händen, und ihr Bruder, den Kopf mit einem stillen Lächeln schief gelegt, nahm wieder eine Handvoll Kies und ließ ihn, ohne sie beide anzusehen und als wäre nichts geschehen, durch die Finger rinnen.
Marie verstand nicht, was in diesem Moment geschehen war, und vergaß es auch bald wieder, gab es doch in jener Zeit nichts Wichtigeres für sie als die Erwartung, daß Gustav sich endlich erkläre, ihr und der Familie, damit über ihrer beider Zukunft entschieden würde, die für sie nur Heirat bedeuten konnte. Darauf wartete sie, und im Hinblick darauf war alles andere unwichtig. Doch dazu kam es nicht. Erst müsse die Seuche vorüber sein. Sei die Seuche erst vorüber, werde er handeln, sagte Gustav immer und immer wieder, wenn sie ihn fragte, schließlich unterbrochen von zwei Nachrichten, die alles veränderten.
Die erste Nachricht war jene vom Tode Hegels, der am 14. November als einer der letzten in Berlin der Seuche, die schon im Abklingen war, zum Opfer fiel. Gustav erfuhr davon durch den Brief eines Studienkollegen, den er Marie unter Tränen vorlas.
An wen, geliebtester Freund! soll ich es schreiben, daß Hegel tot ist, als an Dich. Das Papier zitterte in Gustavs Hand und sein Blick suchte Marie. Am Freitag hatte er die beiden Vorlesungen noch gehalten; Samstag und Sonntag fielen sie ohnehin weg; am Montag war angeschlagen, daß Hegel wegen plötzlicher Krankheit seine Vorlesungen aussetzen müsse, aber am Donnerstag ihre Fortsetzung anzeigen zu können hoffe, aber noch an ebenjenem Montag war ihm das Ziel gesetzt. Die Bestürzung ist ungemein auf der Universität; Henning, Marheineke, selbst Ritter lesen gar nicht, Michelet kam fast weinend auf den Katheder. Mein Stundenplan ist nun ganz zerrissen. Den 17. gestern haben wir ihn begraben. Um 3 Uhr hielt Marheineke als Rektor im Universitäts-Saale eine Rede, einfach und innig, mich ganz befriedigend. Hierauf ging der ziemlich tumultarische Zug vor’s Trauerhaus und von da zum Gottesacker. Dieser war mit Schnee bedeckt, rechts stand die Abendröthe, links der aufgehende Mond.
Gustav konnte nicht weiterlesen, und Marie musterte ihn, während er seine Augen vor ihr verbarg. Sie malte sich die Szene aus mit dem Mond über jenem Friedhof in der Stadt, den sie nicht kannte, und der Versammlung am offenen Grab. Früher hatte ihr Gustav gelegentlich geschildert, wie es an der Universität zuging, von seinen Vorlesungen erzählt, den Professoren und seinen Kommilitonen. Wie lange das her war! Sie sah, wie sehr Gustav sich beherrschen mußte, um den letzten Satz des Briefes lesen zu können, immer wieder ging er im Schluchzen unter, doch schließlich gelang es. Neben Fichte, wie er es gewünscht hatte, wurde Hegel beigesetzt. Dann sah er sie an, und sein Blick war so traurig, daß sie es nicht wagte, ihn tröstend in die Arme zu nehmen.
Die zweite Nachricht, die seltsamerweise die Insel mit demselben Packen Post erreichte, war eine Ankündigung des Hofmarschalls, die Fürstin Liegnitz werde Anfang Dezember mit einer kleinen Gesellschaft von Potsdam herüberkommen, um im Palmenhaus zu dinieren. Wozu man das Schloßfräulein Maria Dorothea Strakon bitte, auch ihren Bruder Christian Friedrich Strakon, zudem die königlichen Pfleglinge Licht, Maitey und Itissa. Und auch Gustav Fintelmann, der Kenner der Sammlung exotischer Pflanzen im Palmenhaus, solle sich einfinden.
Ihr Bruder mußte lachen, als Marie ihm von der Einladung erzählte. »Diese Fürstin ist eine spaßige Person, Schwesterchen! Nicht nur feiert sie Feste, während ihre Untertanen wie die Fliegen sterben, sie hat auch noch Freude daran, alle Monstren, über die sie gebietet, dazu einzuladen.«
Marie lächelte schmal. Sie hatte ihrem Bruder, der damals schon nicht mehr auf der Insel gewesen war, ihr Erlebnis mit der Fürstin im Schloß verschwiegen. Und auch jetzt sagte sie nichts. Viel zu sehr hatte sie gleich das Wort Schloßfräulein in den Bann gezogen. Jahrzehnte war es her, daß man sie so genannt hatte.
»Ich wüßte zu gern, weshalb sie das tut«, sagte Christian nachdenklich.
»Also nehmen wir die Einladung an?«
»Haben wir denn eine Wahl?«
Marie schüttelte den Kopf.
Und so gingen sie alle am festgelegten Tag und zur genannten Stunde zum Palmenhaus hinüber. Schon am Morgen war das Personal angekommen, um in der Küche anzuheizen und Vorbereitungen für den Abend zu treffen, am Spätnachmittag trafen dann auch die Kähne der Herrschaften ein. Man hielt sich zunächst im Schloß auf. Eine Gesellschaft von einem Dutzend Personen, berichtete die Dienerschaft, alle in orientalischen Kostümen. Zuletzt erreichte auch noch eine Gruppe von Musikern mit einer Mietdroschke aus Potsdam die Insel.
Dem Hofgärtner mißfiel in Anbetracht der Tatsache, daß die Seuche keineswegs schon völlig überstanden war, die große Zahl fremder Personen auf der Insel, wie er die ganze Einladung für geschmacklos hielt und es nur zu verständlich fand, daß der König ihr fernblieb. Das ganze Jahr hatten er und Gustav darauf verwendet, die Umgebung des Palmenhauses so zu gestalten, daß sie den Besucher auf die Exotik des Raumes vorbereitete, hatten neben den Götterbäumen in kleinen Gruppen Riesenbärenklau gepflanzt und rotstieligen Alkermes, den glänzenden Wunderbaum, Tabak und brasilianischen Mangold mit seinen reichgefärbten breiten Blattrippen, dicht vor dem Haus indisches Blumenrohr, die akanthusförmigen Cardi und Onopordon, von kalifornischem Schotenmohn umgeben, dazu Zuckerrohr und Papyrusstauden. Von alldem war jetzt selbstverständlich nichts mehr zu sehen, die verdorrten Blätter waren entfernt, man hatte zurückgeschnitten, die Beete abgedeckt.
An den Schmalseiten des Baus, jeweils unter einer Pergola, befanden sich die Eingänge des Palmenhauses, Oberlichter darüber in Form stilisierter Pfauenräder. Als sie unter diesen Pfauen hindurchgingen, fiel Marie ein, daß sie auf dem Weg hierher kein Wort miteinander gesprochen hatten. So beginnt kein Fest, dachte sie, während die Wärme, die sofort auf sie einströmte, ihr schon den Atem nahm.
Sie wurden bereits erwartet. Zwei livrierte Diener standen beidseits der Tür, über den Armen Bündel von Kleidern. Sie nahm Gustavs Hand. Christian, der seinen schönsten Anzug anhatte, aus blauem Samt, zerrte mit einem aufmunternden Blick am Revers des Riesen, das nicht korrekt saß, Maitey sah auf seine frischgewichsten Stiefelspitzen, und Gustav sich nach den Palmen um. Man hatte buntglasige Ampeln zwischen ihnen aufgestellt, deren Licht sich in dem großen Raum verlor. Sie hörten das Krächzen von Papageien, sahen das bunte Flattern eines blauen Aras, dann einen rotköpfigen Parakit, der zwischen den Stämmen hindurchflog. In dem bunten Geisterlicht huschten, wie es ihnen schien, einige der kleinen Kapuzineraffen vorüber, die Marie so mochte, und dann sahen sie doch tatsächlich zwischen den Stämmen, ängstlich witternd, den kleinen bengalischen Hirsch. Weiße Turteltauben stiegen auf, kreisten unter dem hohen Dach und landeten dann heftig gurrend auf der Balustrade des Balkons über ihnen. Im Mittelgang lag die große indische Landschildkröte, deren Alter nach Jahrhunderten zählte, und grub ihre Schaufelbeine unendlich langsam in die Erde.