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Ob sie denn nun, fragte mit metallener Stimme die Oberhofmeisterin der Fürstin, eine karge, altjüngferliche Gräfin von Kalnein, die keiner hatte herankommen sehen, ob sie denn nun vielleicht die Kostüme anlegen und zwischen den Palmen lustwandeln könnten? Das Diner auf dem Balkon habe bereits begonnen, die Musik warte nur noch auf die Zwerge und Riesen. Als der kleine Trupp sie überrascht ansah, erschien auf ihrem Gesicht ein dünnes Lächeln. Keiner von ihnen sagte ein Wort oder rührte sich auch nur. Das Lächeln der Oberhofmeisterin stand starr über ihnen allen und wartete.

Da fing Christian plötzlich an loszulachen. Er lachte so laut, daß die Tauben aufgeregt hoch unter die Decke flatterten, der kleine Hirsch ängstlich zwischen den Palmstämmen verschwand und ein Schimpfkonzert der exotischen Vögel losbrach. Und als wäre dies ein Zeichen, setzte im selben Moment die Musik ein, eine orientalische Lautenmusik, was Christian mit noch lauterem Lachen kommentierte, während er schon dabei war, sich den Anzug vom Körper zu reißen, dabei die anderen auffordernd, es ihm gleichzutun, und zugleich dem wartenden Dienerpaar den orientalischen Plunder abzunehmen und achtlos auf dem Boden zu verteilen.

Es war alles da. Pumphosen und Schleier, Turbane und Seidenpantoletten, Westen und Fächer, bestickte Gewänder und Spielzeugsäbel. Und alles in verschiedenen Zuschnitten, jeweils winzig und riesig, damit auch jeder etwas für sich fände. Schon war Christian nackt und stieg in eine mit glitzernden blauen Pailletten besticken Pumphose, während die anderen noch immer unschlüssig abwarteten. Nur der Riese, als er Christian in der Pumphose sah, fing nun gleichfalls an, lauthals zu lachen und sich auszuziehen. Christian schlüpfte in eine goldene Weste und stülpte sich einen ebensolchen Turban auf den Kopf, an dem eine Reiherfeder prangte. Jetzt begann auch der Mohr, sich seiner Kleider zu entledigen.

Marie wurde es bange, und sie flüchtete sich in Gustavs Arm. Für einen Moment hatte es den Anschein, als wollte Christian sich tatsächlich, wie gewünscht, nebst den aus ihren Käfigen herbeigeschafften Tieren unter den illuminierten Palmen ergehen. Doch dann begann er plötzlich zu tanzen, tanzte zur Wendeltreppe hinüber, die auf den Balkon hinaufführte, und Protestrufe der Gräfin von Kalnein wurden laut, als er die Treppe tanzend hinaufstapfte, noch immer mit diesem lauten Lachen, bei dem die Venen an seinem Hals so dick hervortraten, daß man nicht zu sagen wußte, ob er nicht eigentlich schrie. Er war offenbar von Sinnen. Alle sahen das jetzt. Doch nur Marie eilte ihm hinterher, und sie zog dabei Gustav mit sich.

Vom Balkon hatte man einen herrlichen Überblick über das ganze Palmenhaus. Christian sah nur einen Moment lang hinunter, dann wandte er sich der Tischgesellschaft zu. Große silberne Kerzenleuchter warfen ein blakendes Licht. Hier oben war es noch heißer als unten, und man trug leichte, ja aufreizend luftige Sommerkleidung. Ein fetter Greis mit rotgetönter Brille hockte da wie eine Kröte, neben sich zwei unendlich weißhäutige junge Männer mit langen Hälsen. Christian sah eine Dame in dunkelroter Seide und einen hageren Geistlichen, doch er hatte keine Zeit, die ganze Festgesellschaft zu mustern, schon entdeckte er die Fürstin am Kopfende des Tisches, ihr zur Seite ein Mädchen mit feuerroten Locken, und sogleich tanzte er auf sie zu. Die Fürstin klatschte vor Vergnügen in die Hände und winkte einen Lakaien herbei, ihren Stuhl vom Tisch abzurücken, denn sie erwartete offenbar eine Vorführung.

Und tatsächlich: Hüftschwingend näherte Christian sich ihr, die ihn nicht aus den Augen ließ, und warf, als Marie heraufkam und laut seinen Namen rief, damit er aufhöre, seiner Schwester noch einen schnellen Blick zu über die Schulter, hob dann das Kleid der Fürstin empor und verschwand darunter.

Die Tischgesellschaft erstarrte, und die Musiker verstummten mit einigen falschen Tönen. Marie spürte, wie ihr ein Frösteln über die Haut lief. Er darf das nicht tun, dachte sie immer wieder, und dann überfielen sie ihre Erinnerungen. Wie er sie berührt hatte, damals, als sie fast noch ein Kind gewesen war. Der Geruch seines Körpers nach dem kühlen, feuchten Wald, wenn er in ihr Bett schlüpfte. Die Sommer am Ufer mit Gustav. Ihre Begegnung im Heu und wie verloren sie sich dabei gefühlt hatte. Wie absurd es war, ihn zu lieben. Und wie der König sie immer angesehen hatte, während sie reglos dastand. Und die weiße Haut der Fürstin in jenem unheimlichen blauen Licht. Und wieder der König mit seinem traurigen Blick. Die Kälte lief ihr über die Haut wie flackerndes Feuer. Er darf das nicht tun, dachte sie noch einmal, doch dann verstand sie, weshalb er es tat. Es war genug. Und gierig sah sie dabei zu, wie sich die Fürstin mit vor Überraschung weit offenen Augen ganz langsam in ihrem Sessel aufrichtete. Sie schien, wie alle anderen, die Luft anzuhalten. Nach einem Moment aber, der Marie unendlich vorkam, seufzte die Fürstin laut und vernehmlich auf und sank, die Beine weit öffnend, tief in ihren Sessel zurück.

Noch einen ungläubigen Augenblick hielt die Erstarrung an, dann löste sie sich. Man lachte und einige der Gäste standen auf, um zu applaudieren, andere fielen ein, ein Takt fand sich, und es wurde, während die Fürstin die Augen geschlossen hielt und ein Lächeln starr auf ihren Zügen zitterte, so lange geklatscht, bis Christian wieder unter ihrem Kleid hervor auftauchte. Man johlte noch lauter. Und als man dann gewahr wurde, daß der Zwerg seine Hose geöffnet hatte und sein Glied rot aus der Seide emporragte, stieß man spitze Schreie aus.

»Christian!« rief Marie.

Gustav, der die ganze Zeit beschämt bei ihr gestanden hatte, war es jetzt genug. Er nahm ihre Hand und wollte sie wegziehen. Von unten, sah er, schauten Maitey und die anderen zu ihnen herauf.

»Komm, weg hier!«

Doch Marie machte sich unwillig los. Weshalb verstand er denn nicht, daß Christian gerade dabei war, sie alle zu rächen? Aber sie sah es! Die Rache ihrer Scham konnte Gustav nicht begreifen. So wenig begriff er. Weil er die Liebe nicht begriff, dachte Marie, und währenddessen tanzte Christian noch immer. Der Turban wackelte auf seinem Kopf hin und her wie ein übergroßes Nest. Mit einem Zwinkern zur Fürstin hin, tanzte er ganz dicht an das Mädchen mit den roten Locken heran, so dicht, daß es vor Scham die Hände vor das Gesicht schlug.

»Komm jetzt!« zischte Gustav wieder.

Marie schüttelte, ohne ihn anzusehen, nur den Kopf. Sie sah, wie Christian sich nach der Fürstin umdrehte und etwas sagte, mit seinem breiten Grinsen, während sein Glied vor dem verborgenen Gesicht des Mädchens auf und ab wippte. Und tatsächlich: Die Fürstin rief dem Mädchen etwas zu, was den ganzen Tisch in ein erneutes Lachen ausbrechen ließ, und es nahm die Hände herunter. Christian tanzte noch näher an es heran, und jetzt beugte es sich tatsächlich vor, zögernd, widerwillig, und fast im selben Moment faßte Christian den rotlockigen Kopf mit beiden Händen und drückte ihn fest auf sein Geschlecht. Die Fürstin klatschte in die Hände und sprang auf. Gustav wandte sich ab.

»Marie!« bat er flehentlich.

Aber Marie schüttelte nur lächelnd den Kopf, während Christian von der Rothaarigen abließ, zu ihr herübertanzte, ihre Hand griff und sie zu sich herumdrehte. Gustav sah, daß am Tisch alles aufsprang und johlte. Nur das Mädchen würgte und verbarg den Kopf in ihrem Schoß. Man machte Kopulationszeichen mit den Fingern, dann fiel das Klatschen in einen Rhythmus, der den Takt aufnahm, mit dem Christian sich jetzt vor seiner Schwester in den Hüften wiegte. Und ihr dabei immer näher kam. Immer noch näher. Bis Gustav es nicht mehr ertrug. Mit einem Schrei stürzte er sich auf Maries Bruder, griff ihn unter den Achseln und schleuderte ihn schreiend in einem weiten Bogen über die Brüstung.

Einen Moment lang verstand Marie nicht, was geschehen war. Dann stürzte sie an die Brüstung, die sie kaum überblicken konnte, lief wieder zurück zu Gustav, wieder an die Brüstung und endlich zur Wendeltreppe und hinab. Und dort unten lag Christian, regungslos, Blut überall an seinem Kopf, den der Riese, den noch niemand jemals hatte weinen sehen, weinend und schluchzend in seinem Schoß barg. Marie stand davor und spürte, daß sie sich nicht mehr bewegen konnte, und dann war plötzlich Maitey bei ihr, bis auf einen seidenen Schleier, wie sie noch registrierte, völlig nackt, und nahm sie in die Arme.