Achtes Kapitel. Maries Kind
Maitey sang. Er saß, sehr aufrecht und den Blick ins Leere gerichtet, auf dem dreibeinigen Schemel in der eiskalten Werkstatt und sang, die Arme weit ausgebreitet und die Hände in gestenreichem Gespräch mit einem unsichtbaren Gegenüber.
Es existiert eine Zeichnung, die ihn en face zeigt wie auf einer Polizeiskizze, man sieht darauf einen etwas gedrungenen, phlegmatisch wirkenden jungen Mann mit breitem Gesicht und wulstigen Lippen, ein Eindruck, den die Ponyfrisur und die enge Joppe noch verstärken. Seine Tatauierungen fehlen auf dieser Zeichnung ebenso wie der weiche, immerzu umherirrende Blick seiner dunklen Augen, der Marie sofort für ihn eingenommen hatte, und es fehlt vor allem seine melodiöse Stimme, der das Deutsche immer zu einem Singsang geriet. In diesem Moment sang er ein Lied seiner Heimat, in dem sich wie in all seinen Liedern viele vokalreiche Silben wiederholten, ein Lied, das seine Großmutter ihm beigebracht hatte und das, wenn man so will, von einem Fisch erzählte und einem Vulkan und das, wenn Maitey nicht wollte, kein Ende hatte.
An die Tiere der Insel dachte er dabei, die in ebensolchen Käfigen saßen wie sein eigenes Herz in der Trauer, womit aber nur unzureichend gesagt ist, daß er selbst stets auf eine gewisse Weise ein Baum war oder ein Fisch, und das eben hatte mit seinen Liedern zu tun, die weniger von etwas erzählten, als daß sie es dem Sänger erlaubten zu sein, wovon er sang. Was für die Zuhörer im Salon des Präsidenten, der ihn einmal, als er bei einer Soiree die Gäste bediente, etwas aus seiner Heimat zum besten zu geben bat, keinen anderen Eindruck zugelassen hatte als den, er sei verrückt. Auch ein Begriff, den Maitey nicht verstand. Damals hatte er sich, nachdem er unterbrochen und hinauskomplementiert worden war, aus den Resten in den abgeräumten Gläsern der Gäste betrunken und, weil er keinen Alkohol vertrug, weiter zu singen versucht. Man hatte ihn weggeschafft. Er habe randaliert, hatte ihm Rother am nächsten Tag tadelnd vorgehalten und sich nach einem Ort umzusehen begonnen, an dem sein Patenkind besser aufgehoben sein würde, was Maitey bald darauf hierher auf die Pfaueninsel gebracht hatte.
Und nun saß er in der Werkstatt des Maschinenmeisters Friederich und sang, weil er das Bild des kleinen Christian, der zu seinen Füßen im Blut lag, nicht vergessen konnte. Er hatte nicht gesehen, was auf dem Balkon im Palmenhaus sich ereignete, nachdem Christian hinaufgetanzt war, nur das laute Gelächter gehört. Das Blut, das dunkle Blut. Seine Stimme wurde kehlig und laut, fremdartige Triller mischten sich in die weichen Worte, als beschwerte sich ein Urwald voller Vögel über etwas. Maitey wußte worüber, über die Schuld jenes Blutes, und er begann sich beim Singen vor und zurück zu wiegen, schloß die Augen, spürte sein Herz in einem der Käfige und sehnte sich zurück auf die Insel seiner Kindheit. Und wußte tatsächlich selbst nicht mehr, weshalb er damals ins Wasser gesprungen und zu dem riesigen Schiff hinübergeschwommen war und den Kapitän, schwer atmend, die braune Haut mit glitzernden Wassertropfen bedeckt, auf englisch radebrechend gebeten hatte, ihn mitzunehmen. Als wären die Gründe auf der langen Reise verschwunden. Das durchsichtige Meer und die Gesichter seiner Geschwister, die Stimme seiner Mutter, der Geruch in der Hütte, all das gab es in seiner Erinnerung so, als wäre er jetzt dort.
Die Werkstatt, hohe Ziegelwände mit breiten Fabrikfenstern, vollgestellt mit allerlei Werkzeugen und Material, war ein Anbau an das Maschinenhaus der Pfaueninsel, dessen Herz die Dampfmaschine bildete, die im Sommer alles mit ihrem Krach erfüllte, nun aber stillstand.
Dem Maschinenmeister, einem kleinen drahtigen Mann, der einen wilden Backenbart trug und dem die Magenschmerzen, die er vergeblich mit Schnaps zu lindern suchte, tiefe Falten um den Mund gezogen hatten, war bald aufgefallen, wie geschickt der Sandwich-Insulaner, der aus seiner Heimat Übung im Schnitzen haben mußte, mit seinen Händen war. Und wie glücklich es ihn machte, als er vor dem Kastellanshaus die Walfischknochen entdeckte, die ein Kapitän Kolle aus Hamburg dem König einst verkauft hatte. Denkbar, daß sie aus Maiteys Heimat stammten, die damals ein Zentrum der Waljagd war. Aufgeregt hatte er Friedrich in seinem Singsang erklärt, daraus etwas Schönes machen zu wollen, und so hatte der Maschinenmeister ihm ein paar Stücke überlassen, und Maitey fertigte daraus in kürzester Zeit ein Modell des Pfaueninselschlosses, von dem Ferdinand Fintelmann so angetan war, daß er es an den Hof schaffen ließ.
Da es Friedrich kurzerhand als eigene Arbeit ausgegeben hatte, belohnte man den Maschinenmeister reichlich und forderte mehr, und er stattete seine Werkstatt mit einem zierlichen Schraubstock aus, winzigen Bohrern, Meißeln, Feilen und Sägen, besorgte auch Stiche der Gebäude, die er Maitey zu fertigen auftrug, und es entstanden, am Hofe hochbegehrt und teuer bezahlt, nach und nach Modelle der schönsten Bauten Preußens, so detailgenau, weil Maiteys Geist nichts mehr wollte, als sich in dieser Arbeit zu verlieren und alles zu vergessen.
Vor allem den Geruch des Todes. Maitey verstand nicht, daß die Menschen den Tod der Tiere nicht rochen, die in ihren Käfigen saßen und nicht vor ihm fliehen konnten. Immerzu wurden sie geleert und neu gefüllt. Wozu? Und selbst die Palmen rochen anders als in seiner Heimat, weil sie es hinter dem Glas des großen Hauses, das alle so bestaunten, kaum ertrugen. Und sie alle, Marie und Christian, der Riese und der Neger, auch sie waren gefangen in unsichtbaren Käfigen, sinnlos wartend auf ihren Tod unter den Blicken der Besucher. Maitey kannte diese Blicke aus dem Haus seines Paten. Es lauerte darin etwas, gierig, als warteten alle, daß er sie mitnähme dorthin, wo er herkam. Und zugleich ließ man ihn nicht weg. Er verstand das nicht. Warum reisten diese Menschen mit großen Schiffen über die Ozeane und holten sich all diese Lebewesen aus der ganzen Welt, um sie sich dann immerzu nur anzusehen? Etwas an uns, dachte Maitey, mögen sie mehr als sich selbst. Aber warum sperren sie uns dann ein? Warum essen sie die Tiere nicht und decken mit den Palmenblättern nicht ihre Häuser?
»Was du da siehst in unseren Blicken, mein lieber Maitey«, hatte der Präsident lachend gesagt, als er ihm einmal zu erklären versucht hatte, was ihn beschäftigte, »ist unsere Romantik.«
Maitey hatte nicht verstanden, was das bedeutete. Er sah Christian in seinem Blut und konnte nicht aufhören zu singen. Und dieses Blut war eine Schuld, von der hier, wie er verzweifelt dachte, niemand wußte, wie sie zu tilgen wäre. Und er hatte Angst davor, was aus ihr hervorgehen würde, und sang immer weiter, bis der Maschinenmeister Friedrich erst rief und dann mit schweren Schlägen seiner Faust gegen die Tür hämmerte, die Werkstatt und Wohnhaus verband, und hörte erst auf, als Friedrich seinen Kopf hereinsteckte und ihn anbrüllte, er solle endlich mit seinem Gejaule aufhören. Schließlich habe es einen Todesfall auf der Insel gegeben, da zieme es sich nicht, unchristliche Lieder zu singen, die zudem keinem zivilisierten Menschen gefielen.
Das Weihnachtsfest 1830 stand bevor. Marie saß starr in ihrem Hochstuhl am Eßtisch. Keinen Bissen des Mittagessens hatte sie angerührt, die Tante ihren Teller wortlos weggenommen, und als alle aufgestanden waren, war sie einfach sitzen geblieben.
Es war ein dämmriger Tag, an dem es nicht richtig hell werden wollte, und Ferdinand Fintelmann, der den Nachmittag in seinem Arbeitszimmer über dem Jahresbericht für die Garten-Intendantur zubrachte, hatte bald den Eindruck, jetzt komme schon wieder die Nacht, zündete eine Lampe an und ging ins Eßzimmer zurück, wo Marie noch immer reglos saß. Die Lampe legte einen warmen Lichtkreis auf das Tischtuch und er allerlei Papiere da hinein, auch Tinte und Feder, dann setzte er sich und fuhr mit seiner Korrespondenz fort. Immer wieder sah er dabei über seine Brille hinweg zu ihr auf, denn er sorgte sich sehr um sie. Fühlte sich zu alt für all das, was geschehen war, und es kam ihm so vor, als entwände ihm die Zeit selbst mit sanftem Griff diesen Ort, der doch einmal sein eigener gewesen war.