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Es hatte ihn große Mühe gekostet, bei Hofe dafür zu sorgen, daß das furchtbare Geschehen als ein tragisches Unglück angesehen und nichts gegen seinen Neffen unternommen wurde, und er hatte dabei deutlich gespürt, daß er ein alter Mann war, den man schon nicht mehr ganz ernst nahm. Vor allem die Fürstin Liegnitz, hatte man ihm zugetragen, habe zunächst auf einer Bestrafung bestanden, und Fintelmann mußte selbst nach Berlin reisen und beim König vorstellig werden, um darzulegen, was dies für seine Familie bedeuten würde. Seltsam, aus welchen Gründen der Monarch gezögert hatte, seiner Bitte zu entsprechen. Immer wieder hatte er von der Rücksicht auf Marie, der Schwester des Toten, gesprochen. Sich schließlich aber doch bereit erklärt, das Ganze als Unfall zu den Akten nehmen zu lassen, und in diesem Sinne hielt der Hofgärtner das Geschehene jetzt in seinen Papieren fest. Die Feder kratzte laut in der lastenden Stille, und er fühlte sich schuldig bei dem, was er da schrieb. Aber er mußte Gustav doch schützen!

Er wünschte, Marie würde mit ihm sprechen und er könnte sich ihr erklären. Wie eine Tochter war sie stets für ihn gewesen, niemals ein Mensch von geringerem Wert. Aber selbstverständlich: Wären die beiden keine Mißgeburten, wäre es ihm unmöglich gewesen, Gustav vor Strafe zu bewahren. Maries Gesicht war eine Maske, und ihre Augen starrten ins Leere.

Nur einmal in der letzten Woche war das Leben in sie zurückgekehrt. Das war nach der Beerdigung in Stolpe gewesen, als sie zu dem Schneider gegangen waren, bei dem Christian gewohnt hatte, und seine Sachen holten, unter denen ein Paket sich befand und darin ein äußerst kostbares Kleid, bei dem zweifelsfrei war, daß ihr Bruder es für ihre Maße angefertigt hatte. Die Überraschung darüber zerbrach für einen Moment die Starre, in die sie noch in der Nacht seines Todes gefallen war. Sie hatte das Kleid ausgebreitet und glücklich gelächelt und gar nicht mehr aufhören können, es zu betrachten, hielt es sich schließlich vor die Brust, und ihr Lächeln bekam etwas Triumphales, und dann begann sie fürchterlich zu weinen. Alle standen betreten dabei in dem kleinen Zimmer, und weil sie nicht aufhörte zu weinen, ging man hinaus. Als sie auf den Wagen stieg, war ihr Blick wieder starr. Christians andere Sachen kümmerten sie nicht, nur das Paket hielt sie fest umklammert.

Ferdinand Fintelmann wurde das Herz schwer, wenn er daran dachte, doch die Arbeit duldete keinen Aufschub. Mit einem Seufzer nahm er eines der Papiere auf, die vor ihm lagen, Professor Lichtenstein hatte ihm geschrieben. Er habe von den Verlusten an Tieren auf der Insel gehört und bitte um Aufklärung über den Tierbestand. Tatsächlich war die Lage nicht gut. Von den achthundertsechsundvierzig Tieren der letzten Zählung waren nur mehr sechshundertdreißig am Leben. In den letzten anderthalb Jahren waren so viele Affen gestorben, daß von seinerzeit elf Affenarten nur mehr fünf übrig waren, darunter Gott sei Dank die drei Mandrills, die mit ihren bunten Hinterteilen zu den auffallendsten Tieren der Menagerie gehörten. Von den Grauen Riesenkänguruhs, die noch vor Jahresfrist eine kleine Herde gebildet hatten, lebten nur noch vier.

Lichtenstein mahnte an, daß man bei etwaigen Todesfällen nichts wegwärfe, sondern die Cadaver in einem Faß mit schlechtem Brandwein oder Rum zusammen aufbewahrte, da sie dann noch immer eine gute Studie für die Anatomie abgäben, und Fintelmann überlegte, wie es zu bewerkstelligen sein könnte, zumindest die größeren Exemplare nach Berlin zu schicken, damit sie seziert und gegebenenfalls als Präparate für das Museum aufgearbeitet werden konnten, und schrieb einen entsprechenden Brief, in dem er dem Professor auch hinsichtlich einer anderen Sache antwortete, um die er ihn gebeten hatte. Er solle Untersuchungen mit den Känguruhs anstellen, da der Wissenschaft noch immer unklar sei, wie die Fortpflanzung und vor allem die Geburt bei diesen Tieren vonstatten gehe. Daher solle er für die Zeit, in welcher man den Übergang der Jungen in den Beutel erwarte, unausgesetzt Tag und Nacht Leute zur Beobachtung abstellen. Fintelmann wußte, bei all den Arbeiten, die auf der Insel anfielen, nicht, wer das übernehmen konnte, und quälte sich mit seiner Antwort. Er legte die Brille auf das Tischtuch und sah Marie an.

»Gustav«, sagte er, »ist in Paretz. Er wird den Winter über dortbleiben.«

Er befürchtete schon, sie werde ihm nicht antworten, so lange stand der Satz im Raum. Doch schließlich, ohne daß ihr Ausdruck sich änderte, sah sie ihn an.

»Da ist nichts zu tun im Winter.«

Der Onkel nickte. »Im nächsten Frühjahr übernimmt er bei Sello in Sanssouci die Melonerie.«

Sie sah ihn weiter mit diesem toten Blick an, der so kalt durch ihn hindurchging, daß es ihn ängstigte. Erwartete sie wirklich, er werde sich für Gustav bei ihr entschuldigen? Und was hülfe das?

Marie hatte zunächst nur weggewollt, von Gustav, von der Insel. Doch wohin? Und wovon leben, zumal mit dem Kind, das sie bald haben würde? Es ist meine Insel, hatte sie dann trotzig gedacht. Und es ist mein Kind. Und hatte den Beschluß gefaßt zu bleiben. Wichtig war nur, daß sie Gustav nicht mehr begegnen mußte. Denn seltsamerweise fühlte es sich für sie so an, als wäre nicht Christian, sondern Gustav der Tote.

»Ich will hier nicht mehr wohnen«, sagte Marie.

Immer wieder derselbe Traum. Nur sie drei waren im Palmenhaus, Christian und sie verborgen hinter den Blättern, und Gustav mit seinem Zeichenblock auf einem Falthocker vor den Pflanzen. Zwischen den Palmwedeln hindurch beobachteten sie ihn, und sie waren nackt, und sie sah im Traum ihre beiden Körper weiß zwischen dem Grün hindurchschimmern. Und sie wußte, Gustav bemühte sich sehr, sie nicht zu beachten. Die Schatten im spärlichen Licht und all die nickenden, spitzen, gezackten Wedel. Und draußen, vor dem Glas, die schwarze Nacht.

Und dann lagen sie plötzlich auf einem orientalischen Teppich, immer noch nackt, und sie hatte ein buntes seidenes Tuch um die Haare geschlungen und dünne goldene Ketten um ihre Taille, als wäre sie eine orientalische Prinzessin, und Christian und sie mußten darüber so sehr lachen, wie sie zuletzt als Kinder miteinander gelacht hatten, und dann war Christian verschwunden, und als Marie aufstehen und zu Gustav hinübergehen wollte, konnte sie es nicht, sosehr sie sich in ihrem Traum auch anstrengte.

Irgendwann hörte sie dann das Geräusch von klappernden Hufen auf den Steinplatten, und dann war Christian wieder da, und er trug wieder seine Hose aus Schafsfell, und an einem roten Seidenbändchen, mit einer Schleife um den Hals, führte er das schöne Astrachanschaf heran, das schon so lange tot war. Die Ketten um ihren Bauch, an denen jetzt Münzen befestigt waren, klimperten, als sie sich aufrichtete, was jetzt ganz leicht ging. Christian gab ihr das Band, dessen Rot ihr seltsamerweise unerträglich in den Augen schmerzte, während sie zusah, wie ihr Bruder sich mühte, Gustav die Hose aufzunesteln, der sich jedoch sehr dagegen wehrte. Aber Christian war stärker und drückte ihn schließlich gegen das Schaf.

Es ist das Schaf mit dem weichsten Fell auf der Insel, hörte sie sich selbst sagen. Und das Schaf stand ganz still, und sie hielt das Band fest, und Gustavs Hände krallten sich in das warme, fellige Hinterteil des Tieres. Doch dann ließ sie das Band los und wachte auf.

Es war Anfang März und regnete ohne Unterlaß, doch Marie fühlte sich wohl in ihrer neuen Stube im zweiten Stock des Cavaliershauses. Vor langer Zeit, noch bevor man das Schloß, die Meierei und das Kastellanshaus und dann alles andere errichtet hatte, war es einmal das Gutshaus der Insel gewesen, dann Unterkunft für die Kinder des Königs, und jetzt wohnte der Gartenknecht Kluge mit seiner Frau hier, dazu die Jäger und Fischer und seit diesem Jahr auch der Tierwärter Daniel Wilhelm Parnemann. Etwas verlassen gelegen im Wald hinter der Menagerie, hatte das Haus noch etwas von der früheren Zeit bewahrt, und wenn man nicht hinausging, konnte man die reichverzierte gotische Fassade ganz vergessen, mit der Schinkel den alten Nutzbau als Attraktion in den Park eingefügt hatte. Immerzu hörte man Schritte auf der breiten Treppe, Stimmen in den Gängen, kochte jemand in der großen Küche.