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Selten fand Marie sich dort ein, um mit den anderen zu essen, meist brachte die Klugin ihr etwas herauf. Wenn der Onkel, was ein paarmal vorkam, nach ihr sehen wollte, ließ sie ausrichten, sie schlafe. Einmal kam die Tante, um zu fragen, ob sie etwas brauche, Marie dankte und schüttelte den Kopf. Die Herrnhuterin betrachtete ihren Bauch und bestand darauf, daß der Potsdamer Arzt, der für die Versorgung der Tiere zuständig war, bei seinem nächsten Besuch auch nach Marie sehe. Dr. Pfeil fand alles in der rechten Ordnung. Es war das erste Mal, daß ein Arzt sie berührte, doch er verstand es, ihr Vertrauen dadurch zu gewinnen, daß er sein offenkundiges Interesse an ihrer Anatomie mit jener Gleichgültigkeit maskierte, die er sich im Umgang mit den Tieren angewöhnt hatte.

Und noch jemand interessierte sich für sie. Eines Morgens, als sie im Bett nicht mehr gewußt hatte, wie sie liegen sollte, und hinausgegangen war vor das Haus, hörte sie plötzlich energische Schritte, die sich auf dem Kies näherten, und dann kamen zwei Gestalten aus dem Regen, die sie noch nie auf der Insel gesehen hatte. Zwei großgewachsene Männer schritten schnell vorüber, die breitkrempige Hüte trugen und weite Mäntel, von denen der Regen abtropfte, und grobe Stiefel, an denen Erde klebte. Ihre Gesichter konnte Marie unter den Hüten nicht erkennen, aber daß einer der Männer eine kleine Peitsche in der Hand hielt, die er bei jedem Schritt spielerisch gegen seinen Oberschenkel schlug, bemerkte sie.

Bei den beiden handelte es sich um die Tierhändler Hermann van Aken und August Sieber. Van Aken aus Rotterdam betrieb eine wandernde Tierschau und war auch als Tierhändler am preußischen Hof in Erscheinung getreten. Er schlug sein Zelt meist auf dem Exerzierplatz vor dem Brandenburger Tor auf, und im letzten Herbst hatte der König dort seine Menagerie besucht. Van Aken war dann zum Berater für die Pfaueninsel ernannt worden, um der hohen Tiersterblichkeit Herr zu werden, und hatte dem Hofgärtner in diesem Winter zum ersten Mal Medizin geliefert, vor allem für die Affen, die zumeist an Husten, Schnupfen und rheumatischem Fieber litten. Im Gegenzug durfte van Aken seine eigenen Vögel auf der Pfaueninsel überwintern lassen.

»Wissen Sie, Sieber«, sagte er mit seinem weichen holländischen Akzent, »das Geschäft mit den Tieren wird nicht mehr lange gehen. Mein Vater Anthonys selig konnte das noch mit Erfolg betreiben. Der Prinz von Oranien, der selbst ordentliche Menagerien in Den Haag und Apeldoorn besaß, hat ihn besucht! Aber heute?«

Die beiden hatten auf dem Weg zur Voliere, wo sie ihre Bestände inspizieren wollten, das Cavaliershaus passiert und waren nun wieder im Wald. Schweigend stapften sie weiter durch den Regen. Doch irgendwann blieb van Aken stehen und sah August Sieber mit blitzenden Augen an.

»Haben Sie die Gestalt da eben bemerkt? Wissen Sie, die Menschen haben ein unstillbares Verlangen nach außergewöhnlichen Erscheinungen. Ob Zwergköniginnen oder Riesenknaben, fette Kolossaldamen oder behaarte Affenmädchen, Hermaphroditen oder siamesische Zwillinge, das ist ganz egal. Ich sage Ihnen, diese Zwergin da, mit dem Balg, das sie bald haben wird, das wäre einmal etwas!«

Und dann machte die Nachricht die Runde, der Löwe liege im Sterben. Gut fünf Jahre war es her, daß man ihn auf die Insel brachte. Im letzten Winter hatte er bereits eine Lungenentzündung überstanden, sich jedoch nie mehr ganz erholt. Marie machte sich gleich auf, ihn noch einmal zu sehen, und wie immer war es, als hätten die Tiere in ihren Käfigen auf sie gewartet. Auch der Löwe schleppte sich gleich aus der hintersten Ecke, in die er sich verkrochen hatte, zu ihr hin und ließ sich so an den Stäben nieder, daß sie seinen Bauch streicheln konnte, der sich schwer hob und senkte. Sie erinnerte sich, während sie ihm behutsam das Fell kraulte, wie seine Augen damals aus dem Dunkel der Kiste aufgetaucht waren, und wurde furchtbar traurig dabei.

Plötzlich warf er sich herum, als wollte er die Krankheit noch einmal abschütteln, und mit hechelndem Maul sah er sie an. Erschrocken von der unerwarteten Bewegung wich sie einen Schritt zurück. Doch sein Blick, in den die alte Kraft noch einmal zurückgekehrt zu sein schien, bannte sie. Sie meinte zu sehen, wie er ihren Bauch betrachtete, und da sie eine Expertin für Blicke war, fühlte sie sich lebendig unter ihm und schön. Am nächsten Tag war der Löwe tot, und zwei Tage später bekam Marie ihr Kind.

Der Schmerz ließ sie stöhnend aufs Bett sinken, und kaum saß sie, wurde es naß zwischen ihren Beinen. Furchtsam rief sie nach der Klugin.

»Kindchen, Kindchen!« schüttelte diese den Kopf, als Marie ihr erklärte, sie wolle nicht, daß die Hebamme komme. Der Onkel hatte angeordnet, daß Doktor Pfeil geholt werden solle, wenn es soweit wäre, da man nicht wisse, welche Komplikationen es bei ihr geben könne, aber das wollte Marie noch weniger. Also strich sich die Klugin die Hände an ihrer Schürze ab, nahm das Laken vom Bett, wischte das Fruchtwasser auf und brachte frische Wäsche, in die hinein sie Marie legte. Der Schmerz in ihrem Bauch rollte in langsamen Wellen heran, deren Zurückhaltung sie mehr ängstigte, als wäre er wie ein Gewitter über sie hereingebrochen.

»Ich komme und schaue nach dir, wenn ich Zeit habe. Du mußt immer schön drücken. Ruf mich, wenn etwas ist.«

Die Frau des Gartenknechts sah sie besorgt an. Sie glaubt, daß ich sterben muß, dachte Marie und wollte noch etwas Beruhigendes sagen, doch da war sie schon hinaus. Marie fühlte sich im selben Moment sehr einsam. Aber sie beherrschte sich, denn der Schmerz, der in ihr pulsierte, in langen gnädigen Wellen, ließ ihr keine Wahl. Dem, was jetzt geschah, konnte sie sich nur überlassen, und so lag sie still und ließ die Zeit vergehen. Irgendwann dämmerte der Abend, und sie begann unruhig zu werden, weil sich nichts zu verändern schien. Wie groß mochte das Kind sein? Würde es sie zerreißen?

Die Klugin kam und brachte eine Lampe und etwas zu trinken, und plötzlich stand Maitey in der Tür und fragte verlegen, ob er hereinkommen dürfe. Die Klugin schüttelte mißmutig den Kopf und eilte hinaus. Marie probierte ein Lächeln und hieß ihn, sich zu ihr zu setzen. Aber die Schmerzen wurden nun stärker, und sie bat Maitey, ihr doch von seiner Heimat zu erzählen. Sie hörte so gern vom Meer und wie klar es war unter dem hellen Himmel. Vom Sand und den Palmen, die sich über den Strand beugten. Von seinem Vater und den vielen Geschwistern. Von der Insel, von der er kam, die eine Insel unter unzähligen Inseln war im Meer. Von den Fischen, von den glitzernden Fischen.

»Es ist Gustavs Kind.«

Maitey nickte. Irgendwann hatte sie ihm alles von Gustav und sich erzählt, von allem Anfang an. Auch, wenn sie nicht sicher war, was er davon begriff.

»Vielleicht sterbe ich.«

Wieder nickte er.

»Meinst du, ich sterbe?«

Statt ihr zu antworten, begann er zu singen, so leise, daß man es im Haus nicht hörte, und Marie malte sich aus, sein Lied erzähle von jenem Meer und jenen Inseln, und es schien ihr, als hielte sein Gesang den Schmerz in Zaum und besänftigte seine Wellen. Sie dämmerte kurz weg, träumte gar für einen Augenblick von den Pfauen und dem Löwen, dem Äffchen in seinem Käfig und von den Känguruhs. Sie hatte es gesehen, dachte sie stolz im Halbschlaf, hatte gesehen, wie das Kleine hinaufgekrochen war in den Beutel, eines Morgens, als sie am Gatter stand. Niemand sonst hatte es gesehen, nur sie. Dieses winzige Wesen mit den großen geschlossenen Augen, wie es sich durch das Fell der Mutter kämpfte, die es besorgt beschnüffelte dabei, bis es endlich in ihrem Beutel verschwunden war. Dann hörte Maiteys Gesang auf, und der Schmerz kam wieder. Oder war es umgekehrt? Längst konnte sie nicht mehr sagen, wie lange es schon dauerte. Sie tastete nach seiner Hand und hielt sie fest, konzentrierte sich nur mehr auf den Schmerz und hielt seine Hand so fest sie konnte.