»Tu’ ich dir weh?« fragte sie noch und sah ihn mit entsetzten Augen an.
Dann schrie sie. Sie hatte es nicht gewollt, und es war ihr peinlich, doch der Schmerz drückte plötzlich wie eine eiserne Faust in ihr nach unten, sie hatte nicht erwartet, daß es noch schlimmer werden würde, und sie schrie und schnappte hechelnd nach Luft und schrie, immer auf den Wellen des Schmerzes, als könnte sie auf ihnen dahingleiten.
Die Klugin riß die Tür auf, stürzte herein und scheuchte Maitey hinaus, der dabei mit Doro zusammenstieß, die, totenbleich, eine Schüssel heißes Wasser hereinbalancierte, Handtücher über dem Arm, während Marie immer weiter schrie vor Schmerz, der ihr nun keine Pause mehr ließ. Sie beugte sich über sie, riß die Decke weg und sah ihr zwischen die Beine, nahm dann Maries Oberkörper und hielt ihn ganz fest, bis sie sich tatsächlich ein wenig entspannte.
»Und nun drücken. Immer feste, Kindchen. Drücken!«
»Ich will, daß es Christian heißt!« preßte Marie hervor. »Es soll Christian heißen!« Auch wenn ich sterbe, dachte sie, und dann war es vorbei.
Woher Doktor Pfeil dann kam, wußte sie nicht. Es wunderte sie, was er da tat zwischen ihren Beinen, denn sie spürte gar nichts mehr, sah das Blut nicht, das das Laken tränkte, hörte nur, als wäre sie unter Wasser, wie ihr Herz bis zum Hals schlug und wie dieses Schlagen langsam leiser wurde, und spürte, wie angenehm es war, so ruhig atmen zu können, und wäre beinahe eingeschlafen. Da wurde sie plötzlich aus dem Bett gehoben und riß überrascht die Augen auf, aber schon lag sie wieder auf einem frischen, trockenen Laken, und man deckte sie mit einem weichen Federbett zu. Das ist nicht meine Decke, dachte sie, und schon fielen ihr die Augen wieder zu. Und dann dachte sie: Wo ist mein Kind? Und im selben Moment legte man ihr etwas in den Arm, und Marie sah die massige Gestalt der Klugin, die sich lächelnd über sie beugte, und dann das Päckchen mit dem kleinen Gesicht. Vor dem Fenster dämmerte es, und der Schein der Lampe auf dem Nachttisch verlor ganz langsam alle Kraft.
Im Sommer kam der Maler Carl Blechen auf die Insel. Er hatte den königlichen Auftrag, das Innere des Palmenhauses zu malen, und dafür vorab um einige Modelle gebeten. Fintelmann ließ unter anderen Doro dem Maler zur Hand gehen und Maitey ihm helfen, seine große Kiste vom Landungssteg heranzuschaffen. Der Sandwich-Insulaner war äußerst besorgt, was im Palmenhaus mit seiner Freundin geschehen werde, die Erinnerung an Christians Tod noch frisch, und so stand er den ganzen Tag an den großen Scheiben und spähte, in der Hand eines seiner Schnitzmesser, unablässig hinein.
Und auch August Sieber, der Mann, den Marie im Regen neben van Aken am Cavaliershaus hatte vorübergehen sehen, kam wieder auf die Insel. Mit einem Jahresgehalt von sechstausend Talern war er zum Königlichen Menagerieaufseher bestellt worden und Fintelmann sehr froh, dieser Verantwortung nun ledig zu sein. Sieber wurden der Fasaneriejäger Johann Georg Köhler und Martin Wiesenack unterstellt, Nachfolger des im letzten Jahr gestorbenen Schäfers Elsholz, und dazu die beiden Tierwärter Hermann Johann Becker und Daniel Wilhelm Parnemann. Alle außer Wiesenack, der in Nikolskoje zu Hause war, wohnten im Cavaliershaus, Sieber selbst hatte Zimmer und Kammer im Hintergebäude des Palmenhauses. Doch die Lage der Tiere besserte sich nicht. Bald schon schrieb Sieber an seinen Vorgesetzten Lichtenstein, er lasse es an nichts fehlen, aber dennoch müsse er den Herrn Professor bitten, durch Seine Exzellenz oder Herrn Geheimkämmerer Kynast Seine Majestät den König es wissen zu lassen, daß so viele Affen gestorben sind, und daß ich nicht Schuld daran bin. Ich weiß vor Angst und Sorge nicht mehr, was ich anfangen soll. Meine ärgsten Feinde hier auf der Insel können nichts anderes sagen, als daß ich mit vieler Sorgfalt und Mühe meine mir anvertraute Menagerie beobachte.
Der Beliebtheit der Pfaueninsel bei den Berlinern tat dies keinen Abbruch. In diesem Sommer 1831 kamen sie nicht mehr nur mit Postkutschen und Kremsern, auf Gondeln und Kähnen, sondern erstmals auch auf dem Seehandelsdampfer Havel. Dienstags und donnerstags um acht und um halb elf Uhr am Vormittag, am Nachmittag um halb zwei, vier und sechs Uhr legte er in Potsdam ab, um die Menschen, die nach Tausenden zählten, herzubringen. Um sieben am Abend war die letzte Rückfahrt.
Fintelmann postierte an diesen Tagen sechs Gendarmen am Landungssteg, und Sieber wies jeden an, den er entbehren konnte, bei den Tierkäfigen für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Es kamen vor allem die Soldaten der Potsdamer Garnison, zumeist Grenadiere der Garde du Corps, und Fintelmann beschwerte sich in diesem Jahr mehrmals beim Hofmarschall, daß sie die gesperrten Wege begingen, betrunken waren und überhaupt die Ordnung störten. Marie verließ dann ihre Stube nicht, so heiß und stickig es darin auch war, schlief viel und wachte immer wieder schweißgebadet aus seltsamen Träumen auf, in denen Christian eine Rolle spielte, aber auch Gustav, und die selbst voller hitziger Berührungen und Küsse waren, für die sie sich ein wenig schämte, während sie ihrem schlafenden Kind Luft zufächelte.
Im Herbst ereignete sich auf der Insel ein weiterer Todesfall. Der Mohr Theobald Itissa wurde bei einer Jagd versehentlich erschossen. Als Köhler, der Jäger, zu der Leiche des Schwarzen kam, die hingestreckt im dürren Buschwerk auf dem alten Laub lag, und sah, wie das Blut unter dem Körper hervordampfte, spürte er unbehaglich, wie sich in seinen Schrecken über das Unglück Jagdfreude mischte, und für einen Moment betrachtete er Itissa wie jedes Wild, das er erlegt hatte.
Am Martinstag kam es, zum ersten Mal nach der Nacht von Christians Tod, zu einem Wiedersehen von Gustav und Marie. Wie jedes Jahr wurden an diesem Tag auf der Insel Hühner, Gänse und Tauben versteigert, man hatte auf der Schloßwiese diverse Körbe und Käfige aufgestellt, und, da es seit einigen Tagen sehr kalt geworden war, eiserne Feuerkörbe, an denen man sich wärmen konnte. Auch Grog wurde gegen geringes Entgelt ausgeschenkt, was die, die an diesem Tag auf die Insel kamen, durchaus zu schätzen wußten. Zwar betrachtete man ausgiebig die Tiere, doch die meiste Zeit stand man am Feuer und unterhielt sich, man kannte einander, es waren nicht die üblichen Ausflügler hier, sondern vor allem Bauern und Kleinhäusler aus Stolpe und den anderen Gemeinden der Umgegend.
Maitey hatte Marie vorgeschlagen, sie sollten sich den Trubel doch einmal besehen, der sich da auf der Schloßwiese ausbreitete, und Marie hatte nach einigem Zögern zugestimmt, den Kleinen fest in dicke Tücher gepackt, ihm darunter noch Handschuhe angezogen und ein Mützchen, das sie nach Anleitung der Klugin gestrickt hatte, und um sich selbst und das Kind nochmals ein Tuch geschlagen.
Sie hatte ein wenig Angst davor gehabt, unter Menschen zu gehen, so lange hatte sie niemanden gesehen als die Bewohner des Cavaliershauses und eben Maitey, doch ihre Befürchtungen waren ganz grundlos gewesen, das Kind schlief fest und warm in ihrem Arm, und die Bewohner der Insel, die sie so lange nicht gesehen hatte, begrüßten Marie aufs herzlichste und schauten neugierig dem Kind in das kleine Gesichtchen. Immer wieder wurden neue Scheite ins prasselnde Feuer geworfen, und hoch stieben die Funken auf. Auch Fintelmann war da, seine greisenhaft spitze Nase rot vor Kälte, und er freute sich offensichtlich sehr, Marie zu sehen, und herzte den Kleinen über alle Maßen. Und selbst die Herrnhuterin lächelte dem Kind zu. Wann denn nun Taufe sein werde, fragte sie gerade und beugte sich dabei zu Marie hinab, als um sie her das Gespräch mit einem Mal stockte. Verwundert richtete die Tante sich auf und schaute in dieselbe Richtung wie alle anderen in der Runde.