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»Was ist denn?« fragte Marie neugierig, da ihr die schweren Mäntel und Joppen im Weg waren, und suchte Maiteys Blick, der jedoch so haßerfüllt, wie sie es noch nie an ihm gesehen hatte, in ebendieselbe Richtung starrte. Und dann teilte sich die Gruppe wortlos, und Marie sah Gustav mit festem Schritt auf sie zukommen. Doch ebenso überrascht wie sie, machte er im selben Moment, in dem er sie entdeckte, auf dem Absatz kehrt und ging wieder in Richtung Kastellanshaus davon. Er hätte ihn getötet, wenn er näher gekommen wäre, das schwöre er, zischte Maitey.

Als aber Gustav am selben Abend an Maries Tür klopfte und ins Zimmer trat, war er nicht da, um ihr beizustehen. Marie saß an der Wiege, schaukelte das Kind und hielt ihm das Rubinglas vor. Von Anfang an war es sein Liebstes gewesen, wenn sie es über seinem Gesicht drehte und der rote Schein darin aufblitzte. Zog das Leuchten sich tief ins Glas zurück, wurde sein Blick aufmerksam und ernst. Daß jetzt jemand im Zimmer stand, bemerkte das Kind nicht. Aber Marie empfand wieder dasselbe wie am Nachmittag, tatsächlich ein Moment der Freude, doch nur kurz, dann Gleichgültigkeit und noch etwas anderes: Angst. Sie brachte kein Wort heraus.

Gustav aber begann gleich zu sprechen. Daß er sie, nachdem er nun wieder da sei, doch gern begrüßen wolle. Wie es ihr denn gehe. Und dem Kind.

»Dem Kind?« fragte sie tonlos, während er mit zwei Schritten bei ihr und an der Wiege war. Stumm beugte er sich darüber und starrte einen langen Moment hinein.

»Christian, ja?« fragte er und lächelte bitter.

Marie nickte. Auf gar keinen Fall wollte sie, daß er es anfasse, und begann, so schwer es ihr fiel, eine Plauderei über dies und das. Und tatsächlich machte er keine Anstalten, es zu berühren. Auch daß der Löwe gestorben sei, erwähnte sie irgendwann. Aber das wisse er ja.

»Ich mochte das Tier nicht«, entgegnete er unerwartet scharf und machte einige energische Schritte durchs Zimmer. »Weißt du noch, wie sich einmal der Bär losgerissen hatte und hinter mir her war?«

»Ja.«

Marie erinnerte sich. Die Grube im Wald hatte man erst gegraben, nachdem damals der russische Braunbär, der als ausgesprochen gefährlich galt, über die Insel gezogen war. Vierzehn Fuß tief aufgemauert, zwanzig Fuß weit, mit einem eisernen Staket versehen, nahm man sie erst wahr, wenn man davorstand. Es sei denn, man hörte zuvor das Brüllen des Bären. Aus der Tiefe drang es so unheimlich verstärkt herauf, daß es jeden unwillkürlich schauderte, der in seine Nähe kam.

»Da bin ich vielleicht durch das Unterholz gestolpert!«

Wie er sich ereiferte.

»Und bin schließlich, bevor das schreckliche Tier Gott sei Dank von mir abließ, noch in ein Lattichgestrüpp gestürzt. Wie das gestunken hat!« Er schüttelte sich vor Abscheu.

»Dir ist nichts geschehen.«

»Aber der Gestank! An den Bären mußte ich immer denken, wenn ich die Reißzähne des Löwen sah. Gut, daß er weg ist! Weg in einem Faß nach Berlin. Da sollen sie ihn ausstopfen, ist mir recht. Hierher hat er nicht gehört.«

»Und wer gehört hierher, Gustav?«

Er hielt verdutzt inne und schüttelte den Kopf. »Du verstehst nicht. Alles hier wird anders werden.«

Marie hätte gern gewußt, was er damit meinte, aber sie wollte nicht, daß er noch wütender wurde. Und konnte ihn, in dieser klarsichtigen Angst, vielleicht zum allerersten Mal anschauen und sehen, wie er tatsächlich war, und erinnerte sich daran, wie er damals die Hortensien gefärbt hatte. Wie er da im Garten vor dem Onkel kniete, war etwas so Trauriges um ihn gewesen. Nichts davon ist mehr da, dachte sie, und verstand nicht mehr, wie sie ihn jemals hatte lieben können.

»Wie alt ist es?«

Seine Frage holte sie aus ihren Gedanken. Sie hatte gar nicht bemerkt, daß er nun wieder ganz nah bei ihnen beiden stand. »Gut acht Monate.«

Jetzt beugte er sich über die Wiege. »Ich sorge für es«, sagte er, ohne Marie anzusehen. »Aber du mußt es mir geben.«

Sie verstand nicht.

»Was meinst du damit?« fragte sie leise.

Sein Gesicht kam hoch und war jetzt ganz dicht vor ihrem. »Du mußt es mir geben«, wiederholte er sanft.

Vor Entsetzen schüttelte sie den Kopf. »Der Onkel wird es nicht zulassen.«

»Der Onkel weiß es.«

»Dann mußt du auch mich töten!«

Er musterte sie mit einem bitteren Lächeln. Und so sanft, als wäre sie ein uneinsichtiges Kind, sagte er: »Wer spricht vom Töten? Du mußt von der Insel, wenn du mir das Kind nicht gibst. Es ist ein Bastard, und man weiß nicht, von wem.«

Marie hätte schreien wollen, doch sie konnte es nicht. Konnte nicht schreien und konnte nicht weglaufen. Der Käfig war um sie. All die Jahre. Nur hatte sie es nicht gespürt.

»Und es ist ungetauft«, setzte er noch hinzu.

Entsetzensstarr konnte Marie nur zusehen bei dem, was Gustav nun tat. Und auch das Kind nahm es regungslos hin, als vertraute es dem, den es doch gar nicht kannte, und blieb ganz still, als Gustav es aus der Wiege nahm. Sorgsam schlug er ein Tuch um es, das Marie über einen Stuhl geworfen hatte, ging wortlos hinaus und schloß leise die Tür.

Kaum zwei Wochen später übergab Ferdinand Fintelmann seinem Neffen das Pfaueninsel-Revier und zog nach Charlottenburg, wo er noch bis 1863 im Schloßgarten tätig war. Für gewöhnlich arbeiteten Hofgärtner bis zu ihrem Tode ohne Hilfe, um ihr Gehalt nicht mit einem Adjunkten teilen zu müssen, und so wunderten sich alle auf der Insel, weshalb Ferdinand Fintelmann sie gerade zu diesem Zeitpunkt verließ, und mancher hatte bei dieser Nachricht ein ungutes Gefühl, was die Zukunft anging. Gustav kränkte vor allem, daß seine Mutter beschlossen hatte, mitzugehen. Mit keinem Wort hatte die noch immer hochgewachsene und sich gerade haltende Frau, deren einst so schönes Gesicht nun von vielen Falten überzogen war, den Sohn darauf vorbereitet, und da er sich ausgemalt hatte, sie bleibe und führe ihm weiter das Haus, kam es vor dem Abschied zu Auseinandersetzungen, und auch die kleine Abschiedsfeier im Kastellanshaus war nicht heiter.

Gustavs Brüder waren gekommen, einige Gärtnerkollegen mit ihren Frauen, ehemalige Gehülfen. Man rettete sich in eine gewisse Förmlichkeit, was leicht war, da auch Lenné sich eingefunden hatte und die Feier damit etwas Offizielles bekam. Der Gartendirektor schenkte Fintelmann einen durch seinen geschicktesten Zeichner, Gerhard Koeber, gefertigten Verschönerungs-Plan der Umgebung von Potsdam, auf dem sich all das fand, was in den letzten Jahren auf der Insel verändert worden war. Es war ein wundervoller Plan, detailgenau und geschmackvoll coloriert, für den Fintelmann sich sehr bedankte, wenn er ihn auch wieder daran erinnerte, wie gerne er jenen anderen mitnähme, den er selbst vor dreißig Jahren von der Insel gezeichnet hatte und der noch immer im Schloß hing.

Bis zum letzten Moment, bis zur Abreise des Onkels, konnte Marie nicht anders als hoffen, er werde das Unrecht wiedergutmachen. Nachdem Gustav mit dem Kind gegangen war, hatte sie sich eine Woche lang nicht rühren können. Jeder Schrei war in ihr erstickt. Ob sie geschlafen hatte? Sie wußte es nicht. Hatte nichts angerührt von dem Essen, das die Klugin ihr ans Bett brachte. Bis diese es nicht mehr ausgehalten und zum Hofgärtner um Hilfe gelaufen war, der auch gleich gekommen war, um nach Marie zu sehen.

Und für einen Moment hatte Marie da tatsächlich gehofft, es werde sich nun noch alles zum Guten wenden. Hatte sich mühsam aufgerichtet, sich geschämt dafür, wie verwahrlost sie aussah, und Fintelmann alles erzählt, obwohl er den Grund ihres Unglücks natürlich längst kannte. Er hatte ihr schweigend zugehört und genickt dazu und schließlich gesagt, wie leid ihm das alles tue. Ihr mit einem traurigen Lächeln über die Stirn gestrichen. Aber so sei es besser. Wirklich, sie müsse ihm glauben, so sei es am besten. Was denn? Daß das Kind nicht mehr hier auf der Insel sei. Da hatte Marie die Tränen nicht mehr zurückhalten können und ihn schluchzend weggeschickt.