Dennoch war sie, wie alle Bewohner der Insel, bei seiner Abreise am Steg. Und als er sie sah, kam er zu ihr, und wieder mußte sie weinen, und er hob sie, obwohl es ihm schwerfiel, wie als Kind noch einmal hoch und streichelte ihr über die Wange. Und noch immer konnte Marie nicht anders, als auf ein Wort von ihm zu hoffen. Währenddessen verabschiedete sich die Herrnhuterin von ihrem Sohn ohne große Herzlichkeit. Dann stiegen sie miteinander in den Kahn. Und als letztes, bevor sie losmachten, instruierte der alte Hofgärtner Gustav noch einmal, was mit den Hunderten von Topfpflanzen zu geschehen habe, die er sorgsam vorbereitet hatte, und die er ihm nachzusenden bat, sobald die Witterung im Frühjahr es zulasse.
Auf Einladung des Garten-Directors Peter Joseph Lenné hielt Gustav Adolph Fintelmann Anfang des folgenden Jahres seinen ersten Vortrag auf der 125. Versammlung des Vereins zur Beförderung des Gartenbaues in den königlich preußischen Staaten. Das enge Gestühl in dem hohen holzgetäfelten Raum war bis auf den letzten Platz besetzt, und der Tabakrauch hing dicht in der verbrauchten Luft, als er durch die niedrige Schranke an den ovalen Tisch trat. Der Titel seines Vortrags lautete: Über Anwendung und Behandlung von Blattzierpflanzen.
»Das spielende Kind«, begann er, nachdem er sich für die Einladung bedankt hatte, »das spielende Kind pflückt sich Blumen von der Wiese, der Mann aber betrachtet die schönen Gruppen, bei denen nur Form, ungestört durch bunte Farben, ergötzt.«
Damit war der Ton angeschlagen, der von nun an alles Tun Gustav Fintelmanns bestimmen würde. Er hatte sich entschieden. Für ihn gab es nur mehr das Reich der Blätter. Und tatsächlich würde die Pfaueninsel unter ihm zur Wiege der großen Blattpflanzenmode des 19. Jahrhunderts werden, der Blattform, Blattgröße, Blattstellung so viel wichtiger war als die Blüten und ihre Farben.
»Sprechen Schönheit und Mannigfaltigkeit der Blumen zu uns von dem unerschöpflichen Reichtum der Natur«, fuhr er mit fester Stimme fort, »so erinnert die Üppigkeit und Größe der Blätter an ihre Kraft und Fülle, sie mahnen uns an die fernen Tropen, wohin uns unsere Wünsche so oft tragen, dort, wo die Vegetation in ihrer ganzen Macht herrscht.«
Niemand im Raum wußte, was auf der Insel geschehen war, außer Lenné, dem Gustav sich in einer schwachen Stunde offenbart hatte. Mit aller Vehemenz hatte der Garten-Director sich gegen etwaige Ansprüche der Zwergin ausgesprochen. Ja, daß sie das Kind auf gar keinen Fall behalten, die Saat niemals aufgehen dürfe. Stolz darüber, daß er ihm gefolgt war, musterte Lenné jetzt seinen Eleven, dessen Entwicklung, die er so umsichtig gefördert hatte, ihm recht gab. Gustav machte in dem dunkelroten Frack mit seiner schmalen Taille à la mode eine so ausgesprochen gute Figur, daß er überlegte, ob er wohl ein Korsett trug, wie viele es jetzt taten. Jedenfalls saßen seine hellgrauen Pantalons ebenso perfekt wie die in allen leuchtenden Blautönen gestreifte Weste und der Vatermörder mit ebenfalls blauem Jabot, das Lenné an das Blau der Hortensien erinnerte, auf das Gustav so stolz war. Und außerdem, was ihm in diesem Moment gar nicht recht war, an eine bestimmte Begegnung mit jener Zwergin im Labyrinth zwischen den Rosen.
Das Bild, wie dieses Geschöpf damals im Sommerlicht dagestanden hatte mit der ganzen überströmenden Liebe, die es offenkundig absurderweise für seinen Schüler empfand, wollte nicht weichen. Aber schließlich gelang ihm doch, es verschwinden zu lassen, indem er es, wie es seine Art war, mitsamt dem Hintergrund, auf dem es zu leuchten nicht aufhören wollte, abtat. Alles war getan, sagte er sich. Die Pfaueninsel, so, wie sie war, vollendet. Mochte jenes Wesen inmitten der Käfige seinen Platz haben, weder ihn noch Gustav kümmerte dies von nun an, da war sich Lenné, während er ihm zuhörte, ganz sicher.
Und tatsächlich schien der neue Hofgärtner der Pfaueninsel so weit von all dem entfernt, was in den letzten beiden Jahren geschehen war, daß ihm wohl die Frage Maries nach den halkyonischen Tagen nicht mehr eingefallen wäre, wenn er sich denn zu erinnern versucht hätte. Statt dessen sprach er mit Begeisterung von einem Garten, der auf Blumen und Blüten, auf Samenstempel und Duft gänzlich verzichtete und den Blattpflanzen ihren verdienten Raum gäbe.
»Ihre Anwendung würde uns, nach und nach freilich nur, denn die Gewohnheit beherrscht die beinahe allmächtige Mode, von den Linien der Einfassungen, von der beinahe störenden Symmetrie der Blumenbeete neben der schönen Freiheit der Baum- und Strauchgruppen befreien. Wir würden die ununterbrochenen Zirkelstücke verlieren, denn diese Pflanzen breiten sich da- und dorthin, ohne daß wir sie zwingen können, in den vorgeschriebenen Linien zu bleiben.«
Gustav entwarf die Vision eines Gartens, wie er ihn sich vorstellte. Auf eine erste, unterste Ebene gehörten »Begonie, Iris, Kürbis, besonders der schwarzkörnige Angurea-Kürbis, der durch den Hofgärtner Sello auf Charlottenburg zur Bekleidung der Laubengänge benutzt wird, sodann Zwergformen der Sonnenblume und die deutschen Farne, Cypergras für Sumpfgelände, Teichrose und Seerose für Wasserflächen, Flußampfer, Hainampfer für feuchten Boden.«
Er machte eine Pause, um sich zu räuspern. Vor diesem Teil seines Vortrags hatte er am meisten Angst gehabt. Was würde geschehen, wenn er seine Träume hier vor all den Praktikern ausbreitete? Doch ein Blick in die Runde beruhigte ihn. Kein Mißfallen, nur gespannte Neugier war auf den Gesichtern zu sehen, von denen er die meisten schon seit Kindertagen von Besuchen mit dem Onkel in ihren Revieren kannte.
»Auf einer zweiten Stufe sehe ich spanische Artischocke, Taglilie und Rhabarber in der Vielfalt seiner Arten. Ja Rhabarber! Und darüber rotblättrige Melde, Teufels-Krückstock, Zimmer-Calla für’s Wasser, Papyrus für den Sumpf, Stechapfel, Bergbärenklau, Eselsdistel, rauhen Beinwell, Adlerfarn, rotstacheligen, geränderten und auch jenen geschlitztblättrigen Nachtschatten, den Forster von seiner Weltreise mitgebracht hat. Und schließlich, auf der höchsten Stufe, Erzengelwurz, Pfahlrohr, Federmohn, krause Malve, Tabak, amerikanische Kermesbeere, die verwachsene Silphie, Becherpflanze, Zuckerhirse, Tithonie.«
Damit war er zu Ende, und im selben Moment begann sein Herz wieder zu klopfen. Während er in dem Schweigen, das seinem Vortrag folgte, auf seinen Platz zurückkehrte, befürchtete er, man werde, vielleicht mit etwas Gemurmel und Geklopfe, einfach zum gemütlichen Teil übergehen, doch als er sich schon darauf einstellte, daß es so kommen werde, begann langanhaltender Applaus, und er wußte: Es war überstanden, die Nachfolge des Onkels angetreten. Was gewesen ist, zählt von heute an nicht mehr, dachte er triumphierend.
Und dennoch wurde ihm mitten im Applaus plötzlich schwer ums Herz, und er mußte, vielleicht, weil die verwachsene Silphie seine Erinnerung angestoßen hatte, an Marie denken. Dann aber gab er sich selbst einen Ruck, sprang auf, trat an die Schranke, bedankte sich für die freundliche Aufnahme und erbat noch einmal für einen Moment die Aufmerksamkeit der hochgeschätzten Kollegen.
»Wir haben so manche schöne Rankpflanze und sehen sie so wenig in unseren Gärten«, sagte er. »Die künstlichen Lauben sind verworfen worden, die Mühe, welche das jährliche Herabreißen der abgestorbenen Ranken machen würde, hat sie von den Bäumen der Haine und den Sträuchern abgehalten, die Arbeit, die das immerwährende Anbinden herbeiführen würde, bewahrte unsere Anlagen vor steifen Spindeln oder Pyramiden. Hier sollten wir nicht säumen, mit einigen Stäben, ein wenig Draht und Schnur, grün gestrichen, zierliche Spaliere, Lauben, Fächer, Mäntel und wie all diese kleinen Baulichkeiten heißen mögen, wieder aufzuführen. Die oft vergessene wohlriechende Wicke, die brennende Kapuzinerkresse, die verachtete Scharlachbohne, die mannigfaltigen Prunkwinden, die alte amerikanische Glyzinie, die schnell verbreitete Maurandie, die seltene dreifarbige Alstroemerie, die windende Bomarie sind wohl die vorzüglichsten Klimm- und Rankpflanzen, um auch hier uns noch an die Lianen der Tropen erinnern zu lassen.«