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Neuntes Kapitel. Zeit vergeht

Wie Tiere einen ansehen. Nichts, nicht einmal zu lesen beruhigte Marie so wie ihre Blicke. Deshalb kam sie immer wieder hierher zu den Käfigen, und am liebsten zu den Affen. Sah auch gleich, daß wieder ein Kapuzineräffchen darunter war, und schon kam es zutraulich heran mit seinen großen, gänzlich schwarzen Augen, Marie hielt ihm ein paar Nüsse hin und betrachtete sein nacktes Gesicht. Die Augen der Menschen waren etwas völlig anderes. Immer hatte sie ihre Blicke auf sich gespürt, doch mit dem Tod Christians und als man ihr das Kind weggenommen hatte, war das plötzlich zu Ende gewesen. So, wie sie irgendwann nicht mehr hatte weinen können. Dem spürte sie nach, während sie dem Affen weitere Nüsse auf der flachen Hand hinhielt, wie man einem kleinen Schmerz nachsann, der zum ersten Mal auftritt und nicht mehr weggehen will, wobei sie aber ganz im Gegenteil der seltsamen Empfindung nachspürte, daß dieser Schmerz tatsächlich verschwunden war.

Und mit ihm der böse Zauberklang jenes Wortes, das sie ihr Leben lang geängstigt hatte. Jenes Wort, mit dem diese Geschichte damals begann und dem wir gefolgt sind zu ihr und in dem wir sie begafft haben, ebenso, wie wir in dem Wort Königin jene junge Frau mit den flackernden Wangen begafft haben, die nun schon über ein Vierteljahrhundert tot war. Monster. Nichts bedeutete dieses Wort nun noch für Marie.

Ein Pfiff, wie sie ihn noch nie gehört hatte, schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Im selben Moment schwoll das Geschrei der Affen zu einem unerträglichen Tohuwabohu an. Und noch einmal dieser Pfiff. Marie sah sich beunruhigt um, wenn sie auch sogleich wußte, worum es sich handelte: eine Lokomotive! Die Berlin-Potsdamer-Eisenbahngesellschaft führte eine erste Probefahrt auf der sechsundzwanzig Kilometer langen Strecke von Potsdam nach Zehlendorf durch, der ersten Bahnstrecke in Preußen überhaupt, seit Monaten Gesprächsthema auf der Insel. Einige Wochen später, im Herbst 1838, las Marie dann in der Vossischen Zeitung von der ersten Fahrt. Sechzehn Wagen wurden von den beiden Lokomotiven ›Adler‹ und ›Pegasus‹ gezogen. Auf dem vordersten Wagen wehten Fahnen in den preußischen Farben und mit dem preußischen Adler geschmückt. Als um 12 Uhr der Zug sich in Bewegung setzte, befand sich auf dem ersten Wagen ein Musikkorps, und es ging vorwärts unter schmetterndem Hörner- und Trompetenklang und den Freudenschüssen aufgestellter Böller. Einige Reiter versuchten eine Zeitlang, den Wagenzug zu begleiten, doch schon nach wenigen Minuten konnten die erschöpften Pferde nicht mehr in gleicher Schnelligkeit folgen. In nicht voll 22 Minuten war der Anhaltspunkt bei Zehlendorf, eine Strecke von 3850 Ruthen, erreicht. Nach einem etwa halbstündigen Aufenthalt wurde die Rückfahrt nach Potsdam angetreten.

Die Pferdepost auf den märkischen Chausseen hatte nun mehr und mehr ausgedient, denn innerhalb kürzester Zeit entstand ein weitverzweigtes Eisenbahnnetz, das, mit Berlin als seinem Mittelpunkt, über Jüterbog nach Wittenberg, nach Eberswalde, nach Frankfurt an der Oder, nach Angermünde und Stettin, nach Magdeburg und nach Hamburg reichte. Und auch die Ausflügler kamen nun an den Besuchstagen mit Sonderzügen zur Pfaueninsel, die an der Behelfsstation Machnower Heide hielten. Von dort fuhr oder ging es über Wilhelmsbrück weiter, der Weg führte durch tiefen Sand, in dem die Pferde der schwerbepackten Chaisen sich mühen mußten. Im Sommer war die Hitze erstickend. Aus Mitleid stiegen die Herren aus.

Im selben Jahr wurde die Kirche fertig, hoch oben auf dem jenseitigen Ufer der Havel, direkt neben der russischen Siedlung Nikolskoje, die der König einst anläßlich des Besuchs von Charlotte hatte errichten lassen, seiner Lieblingstochter, die seit nun auch bereits zwanzig Jahren mit Zar Nikolaus I. im fernen Rußland verheiratet war. Auch Gustav hatte geheiratet. Eulalia Trippel war die Schwägerin eines Hofgärtnerkollegen und glich, wie Marie fand, seiner Mutter aufs Haar. Und auch Maitey heiratete in der kleinen Kirche am Stölpchensee, Doro, die Tochter des Tierwärters, in die er sich verliebt hatte, als sie die Vögel aus seiner Heimat fütterte. Es war ein schönes Fest, und Marie hatte einen Ehrenplatz an der Tafel. Doch da er nach dem Tod Christians immer wieder mit Gustav aneinandergeriet, bat Maitey danach um die Erlaubnis, mit seiner Frau nach Klein Glienicke übersiedeln zu dürfen, was ihm gestattet wurde, wenngleich der Maschinenmeister Friedrich, den man wegen all seiner feinen Elfenbeinarbeiten zum akademischen Künstler ernannt hatte, sehr dagegen protestierte. Nach Maiteys Wegzug verließ keines jener filigranen Modelle mehr seine Werkstatt.

Der Abschied fiel Marie schwer, und sie sah den beiden lange nach. Doro saß inmitten all des Hausrats im Karren wie in einem Nest und winkte, bis sie im Wald jenseits der Havel verschwunden waren. Maitey, der Marie noch einmal lange umarmt hatte und neben dem Karren ging, sah sich ganz am Schluß noch einmal nach ihr um.

Gustavs erstes Kind hieß Christine Ida Auguste, das zweite Ludowike Marie Elisabeth, und für eine Weile holte der Schmerz über diese Namenswahl Marie aus ihrer Lethargie. Auch der Tod Carl Friedrich Lichts, des Riesen, schmerzte sie. Zwei neue Conservir-Treibhäuser wurden errichtet, das Palmenhaus wurde außen gestrichen, und man begann, die tönernen Wasserleitungen durch Eisenrohre zu ersetzen. Madame Hardenberg schenkte dem König einen Affen, der Kaufmann und Fabrikbesitzer Jacobs aus Potsdam eine indische Kuh, der Postmeister und Gastwirt Joseph Schweig aus Ried am Inn einen Gemsbock. Als van Aken starb, erwarb Sieber aus dem Nachlaß seines ehemaligen Patrons für die Insel ein Kondorpaar, ein Stachelschwein, fünf Mufflons und einen schwarzen Papagei. Der König von Schweden schenkte drei männliche und drei weibliche Rentiere, zu denen sich nach der Reise noch drei Kälber gesellten, allesamt begleitet von zwei Lappländern nebst Dolmetscher. Und das Schiff der Seehandlung brachte aus Manila vier Zwerghirsche, drei Javaneraffen, einen roten Lori, zwei Paar Tauben aus Kuba und Málaga, eine Tibetkatze, sechs türkische Enten, fünf chinesische Gänse und drei Schildkröten mit dem nötigen Seewasser nach Hamburg, von wo aus sie mit dem Dampfer Henriette auf die Insel gelangten. Der Großherzog von Mecklenburg schenkte vier Schafe, der Magistrat von Magdeburg einen Biber, Herr von Jagow-Ehrdorf einen Fischotter, der französische Gesandte in Berlin eine Gazelle. Professor Lichtenstein kaufte von einem Bauern einen jungen Seeadler. Der Opernsänger Heinrich Blume schenkte zwei damals noch sehr seltene Shetlandponys und schrieb stolz in seinem Begleitbrief, man sage, sie seien die ältesten Tiere Europas; ihre Vorfahren hätten die Eiszeiten überdauert.

Die drei Murmeltiere, die der Konditor Zappa aus der Schweiz mitbrachte und dem König überreichte, waren die letzten Geschenke an die Menagerie auf der Pfaueninsel. Als Wilhelm Otto zur Welt kam, Maiteys Erstgeborener, stand Marie Pate. Nur ein Vierteljahr wurde das Kind alt, dann starb es. Gustav wurden zwei weitere Töchter geboren, Anna Charlotte Luise und 1840 Friederike Pauline Elisabeth. Im Sommer jenes Jahres starb der König.

Das Wasser war wie erstarrt, dazu war es völlig windstill und der Himmel so sternenlos schwarz, daß er den Fluß bis auf den Grund zu trüben schien. Und es regnete. Es regnete, als ob es seit Tagen regnete, völlig gleichmäßig und monton, doch so dünn fiel der Regen, daß niemand, der in diesem Moment an jener Stelle der Uferböschung gestanden hätte, den Einschlag der Tropfen auf der Wasseroberfläche hätte sehen können. Aber da war ja niemand, dessen war sich Marie in ihrem Traum ganz gewiß, denn die ganze Insel lag ebenso erstarrt wie die Havel. Längst war die Winterkälte durch alle Räume des leeren Schlosses gezogen, das Kastellanshaus seit Jahren verwaist. Die Fähre, fest vertäut an der Landungsstelle, rührte sich nicht. Kein Tier machte irgendein Geräusch, keines der exotischen Wesen aus den Käfigen der Menagerie war zu hören, keiner der einheimischen Vögel. Die Pfauen schliefen wohl in ihren Bäumen und im Schilf rund um die Insel reglos die Haubentaucher und Möwen. Wie still es war! Wirklich alles schien tot in diesem Moment, so tot, wie ein Augenblick nur sein kann.