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Um so überraschender, als es plötzlich, in diese vollkommen leblose Stille hinein, gluckste im stillen Wasser. Nicht so, als wäre etwas hineingefallen, sondern eher, als hätte sich eben etwas von seinem trüben Grund gelöst und komme nun an die Oberfläche, gerade hier, an dieser Stelle des Ufers. Ein dumpfes Schwappen, dann war da, inmitten dieser Bewegung, mit der das schwarze Wasser ganz sanft sich bauschte, ein Ding, ein Klumpen, ein hautweißer Brocken, als wäre etwas in durchnäßtes Linnen geschlagen.

Und dann ging alles ganz schnell. Fast im selben Moment, als jener Klumpen, plötzlich, aus dem Nichts an die Oberfläche kam, spürte Marie sich schon loslaufen, und dann sah sie ihre eigene winzige Gestalt, wie sie die Böschung herabkam durch das glitschige Gras, eilig und nicht achtend, ob sie etwa ausrutschte oder sich in dem dichten Unterholz verfing, das hier seit vielen Jahren ungestutzt aufwucherte, denn sie wußte voller Angst, um alles in der Welt müsse sie jenen Klumpen, jenes weiße Etwas, vorm Versinken bewahren. Und sie sah, von außen, wie es ihrer kleinen, in eine rote Pelerine gehüllten Gestalt, deren Kopf von einer weiten Kapuze verdeckt war, bei aller Eile sogar noch gelang, im Vorübergehen und ohne einen Blick von jenem Klumpen zu nehmen, der schon dabei war, auf den Fluß hinauszutreiben, einen langen Ast aus dem festverbackenen Wintergras zu zerren. Und ohne einen Augenblick zu zögern, begann sie, als sie dann am Ufer stand, mit dieser morschen Rute, entrindet und weiß vor Schimmel, nach dem ebenso weißen Ding dort draußen im Wasser zu fischen.

Das aber, und diese Gewißheit ließ Marie beinahe losschreien in ihrem Traum, war völlig aussichtslos, denn jenes weiße Ding trudelte stets von der dünnen Astspitze weg, die von der Anstrengung zitterte, mit der Marie die Rute so weit, wie es ihr möglich war, aufs Wasser hinausstemmte, wobei die Kapuze ihr immer wieder ins Gesicht rutschte, so, daß Marie nichts sah und sie immer wieder mit dem Ellbogen zurückschieben mußte, während das Ding wieder davontrudelte. Doch schließlich gelang es ihr trotzdem, und obwohl sie nicht mehr darauf zu hoffen gewagt hatte, gerade noch rechtzeitig jenen fahlen weißen Klumpen, bevor er endgültig ins Schwarz hinaustrieb, mit der zarten Spitze des Astes zu berühren und ihm den richtigen Drall zu geben. Mit ganz vorsichtigen kleinen Schlägen stupste und streichelte sie ihn ins Uferschilf.

Und kaum war er in Reichweite, ließ Marie, schweißgebadet, zitternd, atemlos, den Ast fallen und stürzte sich in das eiskalte Wasser, in den Schlick und zwischen die Binsen, und zog den Klumpen heraus und war schon wieder aus dem Wasser und behend die Uferböschung hinauf, im Arm jenes Ding, das ihr so kostbar war, und so schnell sie konnte, passierte sie das Schloß und lief über die Schloßwiese, auf der noch Plaken alten Schnees im Dunkel schimmerten. Wobei sie in ihrem Traum nicht zu sagen vermochte, wohin sie eigentlich wollte. Denn am Rand der Wiese war nichts als der schwarze Wald. Es war, als ob sie zögerte, weiterzuträumen. Aber mag es auch so scheinen, lassen Träume uns doch nicht wirklich eine Wahl. Plötzlich schimmerte da, am Waldsaum des uralten Eichwaldes, etwas in der Nacht. Etwas wie Glas, von hinten beleuchtet, eine Glasfront, und sie, die sich selbst nachschaute im Traum, wunderte sich sehr darüber, und erst recht, als sie so etwas wie eine Tür in dieser schimmernden Front zu finden schien, die sie öffnete und hinter der sie verschwand.

Und in diesem Moment schreckte Marie das erste Mal aus ihrem Traum auf. Mein Kind! hört sie sich selbst schreien, nur, um von ihrem Traum wie betäubt wieder einzuschlafen, beruhigt von jener gläsernen Tür in einer gläsernen Wand, von der sie den unerklärlichen Eindruck eines grünen Scheins, die Empfindung von etwas Warmem, Blühendem behielt, als sie in ihren Traum zurücksank, was sich anfühlte, als ließe man alles los, als atmete man plötzlich so ungeheuer wollüstig tief, daß der ganze Körper flatternd verschwand.

Und dann stand sie plötzlich im Saal des Schlosses und vor ihr, auf dem Boden, lag das Ding aus der Havel. Es war ein Bündel. Sie zweifelte, daß es das vorher auch schon gewesen war, mit Sicherheit aber wußte sie es nicht. Es fühlt sich wie ein körperlicher Schmerz an, wie ein Ziehen irgendwo ganz tief in einem, wenn man versucht, sich in Träumen zu erinnern. Sie war im Nachthemd. Sie hockte sich hin und betrachtete es. Sie wußte, es sollte atmen darin. Etwas sollte sich bewegen. Aber es war ganz starr. Und mit Herzklopfen öffnete sie es. Und erschrak vor dem, was sie da herausschälte aus dem nassen Stoff. Ihr bleichblaues Kind, so klein, wie es gewesen, als es zur Welt gekommen war. Und noch viel kleiner. So klein, wie es nie gewesen war. So klein, daß es auf der Handfläche eines normal gewachsenen Menschen Platz gehabt hätte. Dabei aber gar nicht fein und zart die Arme und Finger und das Köpfchen, Marie sah das im Traum überdeutlich, und sie streichelte dem kalten Wesen das Bäuchlein, küßte es und schmeckte das kalte Wasser an ihm, küßte es und weinte und erwachte endlich.

Vorsichtig folgte Gustav mit dem Finger der Blattwölbung einer der Pelargonien, die noch immer, wie zu Zeiten seines Onkels, ihren Platz auf dem Fensterbrett des Arbeitszimmers hatten. Er erinnerte sich daran, wie er das auch als Junge getan und geglaubt hatte, in den feinen Blattadern tatsächlich eine Bewegung zu spüren, das Leben darin.

Bevor der Onkel die Insel verließ, hatte er ihm mit einem feierlichen Blick die Instruktion für den Königlichen Hofgärtner und Schloßkastellan auf der Pfaueninsel bei Potsdam auf den Schreibtisch gelegt, von dem er sorgsam alle persönlichen Dinge entfernt hatte. Nie war das Verhältnis des Onkels zu ihm so innig gewesen wie zu einem leiblichen Sohn, und weil er mißbilligte, was Gustav hinsichtlich des Kindes unternommen hatte, war der Abschied zwischen ihnen kalt. Und gerade deshalb hatte Gustav sich mit einem Gefühl der Genugtuung an seinem ersten Tag als Hofgärtner an den leeren Schreibtisch gesetzt und die Instruktionen genauestens studiert. Ihm oblag die polizeiliche Beaufsichtigung der Insel, also des Gartens, des Schlosses und die Verwaltung der Meierei. Er hatte dafür Sorge zu tragen, daß die Arbeiter auf den Wegen blieben, kein anderer Landungs- oder Abfuhrplatz auf der Insel genommen wurde als derjenige vor dem Kastellanshaus, daß niemand auf der Insel einen eigenen Kahn hatte, das Vieh nur auf der Meierei frei herumlief, der Dünger aus der Menagerie für den Garten und die Milch aus der Meierei wiederum für die Menagerie bereitgestellt wurden. Er hatte die Weiderechte mit dem Menagerieinspektor abzusprechen und mit diesem gemeinsam jeden Oktober einen Bericht an den Hofmarschall zu verfassen, was die Tiere und den Zustand der Gebäude anging. Schließlich hatte er dafür zu sorgen, daß die Besucher das Tabakrauchen, Mitführen von Hunden, Speisen und Getränken unterließen.

Es war das Jahr 1842. Gustav war jetzt Mitte dreißig und sein Haar, das er etwas länger trug, lichtete sich bereits. Er hatte feingliedrige, immer etwas unruhige Hände und legte Wert auf gute Kleidung, vor allem auf seinen Gehrock nach englischem Schnitt. Inzwischen war er Vorsitzender der Märkisch-Ökonomischen Gesellschaft und Sekretär des Gartenbauvereins. Nach dem Abschied des Onkels hatte Gustav damit begonnen, regelmäßig die Temperaturen auf der Insel zu messen, und zwar diejenige der Luft, des Wassers in der Havel und im Meiereibrunnen, als handelte es sich bei der Insel um einen Körper und beim Brunnen um eine intime Öffnung in diese hinein, die es ihm gestattete, ihre Vitaldaten zu überwachen. Jeder Liebende ist ein Überlebender. Doch auch die Toten sind weiter unter uns, als wäre nichts geschehen.