Draußen vor dem Fenster legten die noch ganz frischen Blätter der Pappeln hellgrüne Schatten über den sonnigen Sand. Gustavs Zeigefinger wischte über das Fensterbrett und zog eine dünne Spur in den Staub. Hier, zwischen dem rauhen Steinzeug der Blumentöpfe, hatte jenes alte Weinglas ohne Stiel gelegen, das er Marie damals unbedingt hatte zeigen müssen. Damit, davon war er überzeugt, hatte alles begonnen. Dieses rote Leuchten. Manchmal kam es ihm vor, als ob es sie beide nicht nur in jene Scheune geführt hätte, sondern Marie auch in eine andere, in Kunckels Welt. Die lauten Schritte der beiden größeren seiner vier Töchter polterten die Treppe hinab. Das weckte die Kleine, und er hörte, wie sie oben in ihrem Bettchen anfing zu weinen. Er registrierte, wie seine Frau vom Schlafzimmer ins Kinderzimmer hinüberging. Das Schluchzen verebbte, und in der folgenden Stille kroch der Gedanke an jenes Kind, das nicht hier war, aus seinem Herzen hervor, als wäre es sein Schweigen, das er hörte.
Liebte er seine Frau? Das war eine Frage, die er sich gemeinhin nicht stellte, auch niemals gestellt hatte, seit sie einander vorgestellt worden waren und sie beide es bei weiteren Gelegenheiten unternommen hatten, den anderen kennenzulernen. Er war sich ziemlich sicher, daß es ihr ebenso ging. Ihre Ehe entsprach dem, was sie beide gewollt hatten. Ihre Kinder der Beweis. Seine Entscheidung war richtig gewesen. Männer waren von Geburt an unmoralisch, gewalttätig, unersättlich in jeder Hinsicht, es hatte lange gedauert, bis er das begriff. Es brauchte eine Frau, um sich selbst zu erziehen. Einmal hatte er versucht, das alles Marie zu erklären, auch, was Fichte dazu schrieb, aber sie hatte ihn nicht verstanden. Die Stille nagte an ihm. Er hatte einen Sohn, den es nicht gab. Seit er denken konnte, hatte er geglaubt, Marie zu lieben. Pflanzen kennen keine Liebe. Manchmal schoß Christians Blick, mit dem er ihn damals angesehen hatte, grinsend und wissend, nackt hingelagert am Ufer in die Wurzeln der alten Grauweide, als er Marie nachgesprungen war ins Wasser, wie ein Schmerz, der einen anderen überdeckt, durch sein Empfinden von Schuld.
Marie hatte manchmal Stendhal zitiert, sie las ja in jeder freien Minute, doch er hatte nie begriffen, wieso sie gerade diesen Satz so gern mochte: La beauté n’est que la promesse du bonheur. Seltsam, daß immer alle betont hatten, wie schön seine Eltern gewesen seien. Beim Vater wußte er selbst gar nicht, ob das stimmte, zu selten war er dem aus der gescheiterten Ehe vertriebenen Bankerotteur in seiner Kindheit begegnet, aber was die Mutter anging, stimmte das wohl. Aber er hatte die Dringlichkeit nie verstanden, mit der man darauf hinwies. Seltsam: Er hatte sich nie, wirklich niemals, das konnte er beschwören, vor Maries Gestalt geekelt. Und das, obwohl ihn doch nie die Blüte, in die man sich versenkte, interessiert hatte, sondern jene Schönheit, die aus der Architektur der Pflanze erwächst, aus ihrem funktionalen Bau und damit aus ihrem Platz in der Systematik.
Lenné hatte vorgemacht, zu welcher Kraft solche Systematik in der Lage ist, wenn sie an die Stelle des Wildwuchses tritt. Vor kaum mehr als zehn Jahren hatte er die Landesbaumschule zwischen Sanssouci und Charlottenhof gegründet, die inzwischen auf einhundertdreißig Morgen jährlich anderthalb Millionen Gehölze produzierte, die größte Baumschule der Welt, und alle preußischen Alleen mit Straßenbäumen versorgte, private wie staatliche Gärten mit Obstbäumen und Gehölzen, und Jahr für Jahr zweihundertachtzigtausend Forstbäume zog. Darauf galt es aufzubauen. Palmenhaus, Menagerie und Rosengarten wurden auch im Ausland als Sehenswürdigkeiten geschätzt. Mit der Eisenbahn war die Insel nun auf eine ganz neue Weise an die Welt angeschlossen. Das entsprach Gustav, der mit Gärtnern in ganz Europa korrespondierte, seine Aufsätze in Loudons Gardener’s Magazine veröffentlichte und überall für die Insel bestellte, was ihm wichtig schien. Bedauerlich nur, daß Lenné ihn noch gar nicht besucht hatte seit seiner Anstellung. Aber so war er nun einmal. Das Projekt Pfaueninsel war für ihn abgeschlossen.
Und Marie war Lenné in der Tat immer ekelhaft gewesen, er hatte es Gustav deutlich zu verstehen gegeben. Was hatte sie ihm bei ihrem letzten Treffen entgegengeschrien? Du bist das Monster! Du bist das Monster! Immer wieder. Das war ihr Abschied voneinander gewesen. Seither gingen sie sich aus dem Weg, und wenn sie sich zufällig trafen, sprachen sie nicht miteinander. Gustav unterließ es, obwohl das in seiner Macht gestanden hätte, ihr irgendwelche Aufgaben zuzuweisen. Manchmal fehlte sie ihm wie eine vergangene Lust, deren Wiederholung man sich sehr wünscht.
Seine Gedanken gingen von einem zum andern. Von der Maikäferplage im letzten Jahr, als die Engerlinge gierig die Wurzeln der Rosenstöcke zerfressen hatten, zu dem, was in diesem Jahr zu tun war, und mit einem Mal fühlte er sich sehr allein. Dabei war doch dieser Tag ein Tag des Triumphes. Da sollte er sich nicht einsam fühlen. Denn er hatte gesiegt: Die Tiere kamen weg. Friedrich Wilhelm IV., dem die Insel nicht dasselbe wie seinem Vater bedeutete und der sie kaum mehr besuchte, hatte endlich einem entsprechenden Vorschlag von Lichtenstein zugestimmt und ein Stück der alten Fasanerie am Berliner Tiergarten für einen modernen städtischen Zoo zur Verfügung gestellt. Und als deren Gründungsbestand war die Menagerie der Pfaueninsel vorgesehen. Damit würde die Insel endlich so werden, wie er es sich immer ausgemalt hatte. Endlich würde er ihr die Sehnsucht austreiben und all die Phantastereien, denen es Marie und ihr Bruder und der Riese und Maitey allein zu verdanken gehabt hatten, hierherzukommen, und all das Vieh aus aller Welt. Nichts mehr würde bleiben davon.
Gustav riß den Blick von den Sonnenflecken unter den Pappeln an der Anlegestelle los und öffnete die letzte Inventarliste des Tierbestandes der Königlichen Menagerie auf der Pfaueninsel, die es geben würde, und in die der König höchstselbst die weitere Verwendung der Tiere und ihrer Anlagen eingetragen hatte.
Affenhaus: 1 Mandrillaffe, 4 Kapuzineraffen, 1 grüner Affe, 1 Maci, 3 Javaneraffen, 1 Klammeraffe, 2 Waschbären, 1 Aguti aus Ostindien, 2 Tibetkatzen. Es erhält der zoologische Garten die Gebäude und die Thiere. Känguruhhaus: 3 Känguruh. Es erhält der zoologische Garten Gebäude und Thiere. Schafstalclass="underline" 17 tibetanische Ziegen, 1 Ziegenbock mit 4 Hörnern, 4 Ziegen, 1 amerikanische Ziege, 20 schottische Schafe, 3 ägyptische Schafe, 4 ungarische Schafe, 4 spanische Schafe, 1 Mufflonschaf, 4 Zebu, 2 kleine Zebukühe, 1 Zebukalb, 2 Hunde. Der Garten die Thiere, welche er braucht, das Gebäude bleibt. Lamahaus: 2 Lama aus Peru. Die Thiere der Garten, nicht die Gebäude. Bärengrube: 1 Bär aus Rußland. Der Garten das Thier. Stall für wilde Schweine: 3 Schweine. Biberbau: 2 Biber. Thiere und Gebäude bleiben auf der Insel. Adlerhaus: 2 Seeadler, 2 Schreiadler, 1 Schneeule, 2 Baumeulen. Gebäude und Thiere an den Garten. Volière: 2 Nachtreiher, 4 Löffelreiher, 1 Kranich, 1 Wasserhuhn, 4 weiße Lachtauben, 5 graue Lachtauben, 2 Turteltauben, 2 wilde Tauben, 8 Hühner, 1 goldgelbes Huhn, 6 podolische Hühner, 6 türkische Hühner, 3 Strupphühner, 2 Condor, 6 Crammetsvögel, 1 Schwarzamsel, 2 Dompfaffen, 8 Lerchen, 2 Kanarienvögel, 9 verschiedene Vögel. Ententeich und Wasservögelvolière: 12 Pfauentauben, 50 Flugtauben, 12 chinesische Gänse, 1 Gans mit drei Füßen, 2 Südsee-Gänse, 15 podolische Enten, 1 Surinamer Ente, 15 türkische Enten, 8 Märzenten, 5 Zwergenten, 6 junge Perlenten, 2 columbische Enten, 6 junge Schellenten, 2 Rohrdommeln. Der Garten die Thiere, die er braucht, die Gebäude bleiben. Im Freien: 6 weiße Störche, 2 schwarze Störche, 5 weiße Pfauen, 48 Pfauen. Thiere und Gebäude auf der Insel. Dachsbau: Ein Dachs. Gebäude und Thier an den Garten.