Irgendwann in den nächsten Jahren, an einem jener Tage, die noch den späten Sommer spüren lassen, ohne ihn mehr zu haben, und deren frühe Kälte einem schon so in die Glieder kriecht, daß man wie betäubt darauf hofft, sie möge endlich die Klarheit gewinnen, die es ermöglicht, sie zu ertragen, zog es Marie plötzlich wie ein Tier, das sich für den Winter in seinen Bau zurückziehen will, in das hölzerne, kalte Schloß, das seit langem schon die meiste Zeit leer stand. Bald schien sie ganz dort zu wohnen, und die Gärtner begannen sich darüber zu wundern und zu tuscheln, doch da Gustav Fintelmann nichts unternahm, gewöhnten sich die Bewohner der Insel schnell daran, daß das alte Schloßfräulein jetzt im Schloß lebte, das ansonsten niemand betrat und das längst wieder jene Kulisse geworden war, als die es der verliebte Vater des nun toten Königs mit seiner Geliebten einst errichtet hatte.
Der neue König, der sich nur sehr gelegentlich für einige Stunden im Sommer zur Insel rudern ließ, ohne jemals dort zu übernachten, wo er doch viele Tage seiner Kindheit verbracht hatte, entzog der Insel nach und nach die Mittel. Menageriedirector Sieber trat in den Dienst des Zoologischen Gartens von Berlin über, die Tiere wurden entsprechend den königlichen Verfügungen nach Berlin gebracht, ihre Ställe abgebrochen. Das Lamahaus brannte ab, und viele der Tiere gingen dabei zugrunde. Das Rotwild der Insel kam in den Wildpark Pirschheide bei Potsdam, das Damwild ins Forstrevier Grunewald. Das Affenhaus wurde abgetragen, ebenso der Biberbau und der Taubenturm. Man begann, die Freiflächen des mittleren Inselteils wieder mit Buchen und Eichen zu bepflanzen, und mit dem Verschwinden der Menagerie gab man auch die komplizierte Lennésche Wegführung im Süden der Insel auf und legte eine Chaussee an, auf der man schneller zur Meierei gelangen konnte.
Marie erkannte die Stille aus ihrer Kindheit wieder, auch die Leere auf den Wegen, als die Besucher immer mehr ausblieben, dann die Weise, wie die Natur sich mit großer Selbstverständlichkeit zu dem zurückverwandelte, was sie einst gewesen war. Alles Künstliche verschwand in dem Moment, in dem der Wille verschwand, es zu erhalten, und was eben noch modern gewesen war und Versprechen einer neuen Zeit, sank lautlos und kraftlos als Mode zurück ins Vergessen. Das Vergehen der Zeit, dachte sie, war ja vor allem ein Vergehen von Zukunft und ein Sieg der Vergangenheit. Einer Zeit also, zu der sie gehörte und die nicht verging. Groß war die Aufregung, als Tagelöhner in der Hirschbucht die Scherben eines von Baumwurzeln gesprengten groben Topfes entdeckten und darin vier Ringe, Opfergaben wohl aus alter Zeit, die, wie Marie fand, nicht zufällig gerade jetzt zum Vorschein kamen. Seltsam beruhigt las sie ihre Lieblingsbücher von früher noch einmaclass="underline" Die nächtlichen Erscheinungen im Schlosse Manzini, Das schöne Mädchen von Perth und Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores.
Und immer öfter, als rückte sie tatsächlich näher, sprach man auf der Insel von der Stadt, von den unendlich langen Straßen aus nichts als Stein, von schloßhohen Mietshäusern, von Hinterhöfen und von den unzähligen Menschen, die in den Manufakturen und Fabriken arbeiteten, von Kanälen und Kähnen voll Ziegel und Kohle, von einem abgesetzten König aus Hannover, den die Stadt verschluckt hatte, von Biergärten und politischen Versammlungen, von Elend und Hunger. Doch all das blieb so lange in weiter Ferne, bis in einer verhangenen, gänzlich sternlosen, aber windstillen Märznacht des Jahres 1844 gegen zwei in der Früh ein Kahn am Steg der Pfaueninsel festmachte und zwei Soldaten auf die Holzbohlen kletterten, die bei der großen Kälte, die herrschte, von feinem Rauhreif überzogen waren.
Atemwolken vor dem Gesicht, sahen die beiden sich vorsichtig um, dann halfen sie vier dickvermummten Gestalten aus dem Kahn, zwei Frauen und zwei Männern, und ohne ein Wort stapfte die kleine Gruppe so schnell es ging zum Kastellanshaus hinauf. Man zögerte einen Moment vor der Tür, dann gab jene Gestalt, die als letzte den Kahn verlassen hatte, einem der Soldaten Ordre, die Scheibe einzuschlagen, mit einem lauten Scheppern zerbarst das Glas unter dem Knauf eines Säbels, die Scherben zerklirrten auf den Dielen, schnell war man drinnen und zog die Tür zu. Ein kleines Kind fing irgendwo im Haus an zu schreien, eine Petroleumlampe auf der Anrichte neben der Tür wurde entdeckt und entzündet, Türenschlagen im ersten Stock, Geflüster, dann Rufe, wer da sei. Schritte, die zögernd die Treppe herabkamen. Die Lampe warf einen zitternden Schein um die Gruppe, und einer der beiden Soldaten, ein junger Mann, das Gesicht rot vor Kälte, rief Gustav Fintelmann entgegen: »Ihre Königliche Hoheit, der Prinz von Preußen!«
Gustav stand unschlüssig im Hausmantel vor der Gruppe, um die noch die Kälte dampfte, bis einer der Eindringlinge den Shawl, der ihm das Gesicht verdeckte, löste und beide Hände dem alten Freund aus Kindertagen entgegenstreckte. Das brach den Bann. Jetzt erkannte und begrüßte man einander freudig, während verschlafen der junge Gartengehülfe auftauchte, der sein Bett unter den beengten Verhältnissen des Hauses im Arbeitszimmer Fintelmanns aufzuschlagen pflegte, und Mascha, die Haushälterin, ein junges Ding, das von Nikolskoje herkam. Der Prinz stellte dem Gärtner seine Frau vor, Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, eine Schönheit mit dunklen Schläfenlocken und großen Augen, die von dem hellen Teint ihrer Haut abstachen, der sie in der dicken winterlichen Vermummung, die sie nun langsam abschälte, sehr jung erscheinen ließ. Was man, wie Gustav bemerkte, von seinem Freund nicht behaupten konnte. Der Junge, an den er sich erinnerte, war nun ein Mann von fünfzig Jahren, die Uniform saß prall um den kompakten Leib, mit einem buschigen Schnurr- und ebensolchem Backenbart und einer beginnenden Halbglatze, dessen Augen tief unter den hängenden Lidern lagen.