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Bei den Begleitern des Paares handelte es sich um ein Fräulein von Reindorf, die noch ganz junge Kammerfrau der Prinzessin, und den Kammerdiener Krug, der gleich geschäftig für Ordnung zu sorgen begann, die Überkleider entgegennahm und das Gepäck, das von einem der Soldaten hereingeschafft wurde. Gustav bat alle ins Wohnzimmer, ließ die Lampen entzünden, Schnaps holen und Tee bereiten und an Essen, was in der Küche war, auftischen. Seine Frau werde gleich zu ihnen kommen, sie sehe nur kurz nach den Kindern und kleide sich an.

Das wenige, das Gustav über die augenblickliche Lage in Berlin wußte, hatte er aus Briefen von Kollegen, die Zensur ließ den Zeitungen dieser Tage wenig Raum. Aber man flüsterte doch dies und jenes, zumal die Situation spätestens seit der Hungerrevolte vom letzten Jahr unverändert prekär schien und nach Auflösung drängte. Die Hoffnungen der Liberalen auf den neuen König hatten sich nicht erfüllt, ganz im Gegenteil war überall eine große Unruhe spürbar, und selbst hier auf der Insel führte man, wie Gustav wußte, Reden gegen ihn. Mit alldem brachte er das nächtliche Auftauchen des Prinzen unwillkürlich in Zusammenhang, und tatsächlich begann dieser, kaum, daß sie Platz genommen hatten, und während noch Stühle gerückt und Gläser gebracht wurden, zu erzählen.

»Es hat eine Zusammenrottung gegeben, Handwerksgesellen, Studenten, Arbeitergesindel. Tausende. Eine Proklamation wurde verlesen. Als der Mob nicht weichen wollte, habe ich die Garde schießen lassen. Es gab Tote.«

Der Prinz räusperte sich und blinzelte Gustav unsicher an, griff nach einem Schnapsglas und stürzte den Korn hinunter. Gustav nickte Mascha zu nachzufüllen.

»Sie haben sich bewaffnet. Sie bauen Barrikaden, aus Marktständen und Transportkarren und derlei, es gibt Kämpfe in den Straßen.«

»Und es gibt Lieder. Über den Schlächtermeister von Preußen«, bemerkte die Prinzessin leise und blies über den heißen Tee in ihrem Glas hin.

Es hieß, ihre Ehe sei nicht glücklich. Sie sei ihrem Mann zu intelligent und vor allem zu liberal. Der Ton in Weimar wird ein anderer gewesen sein, dachte Gustav, und überlegte, während er sie betrachtete, was von den Gerüchten zu halten sei, sie langweile den Prinzen vor allem als Frau. Er fand sie hübsch. Etwas porzellanen, aber hübsch.

»Ich war dafür, alle zusammenzuschießen. Aber Fritz hält es für angebracht, zu verhandeln. Und da mußte ich zunächst einmal aus der Stadt. Ich soll nach England.«

In diesem Moment kam Eulalia herein, sehr aufgeregt, doch der Prinz nahm sie gleich lachend bei den Händen und bedankte sich bei der Frau des Freundes für die Gastfreundschaft in der Not.

»Wir wohnen so einsam, man muß sich keine Sorgen machen«, sagte Gustav. »Und die Fintelmänner waren immer ergebene Diener des Königshauses, es ehrt uns, daß Sie zu uns kommen, Königliche Hoheit. Ich werde den Kahn gleich mit Steinen beschweren und versenken lassen, damit morgen niemand Verdacht schöpft.«

Als die entsprechenden Anweisungen gegeben und auch entschieden war, die Gäste nicht im Schloß unterzubringen, um nur kein Aufsehen zu erregen, spürten alle, nachdem die Aufregung nun überstanden schien und auch der Schnaps seine Wirkung tat, ihre Müdigkeit, und man ging schlafen.

Eine improvisierte Feier aus Anlaß des Geburtstages des Prinzen, der nun gerade in diese Tage der Flucht fiel, bildete dann den Rahmen des Mittagessens am nächsten Tag, zu dem ihre Hoheit sich auch das Erscheinen des Schloßfräuleins wünschte, an das er sich aus Kindertagen erinnerte. Gustav, dem diese Bitte fast ebenso wie die Notwendigkeit, den Anlaß angemessen auszurichten, Unwohlsein bereitete, ließ gleichwohl am Morgen Mascha zu Marie ins Schloß schicken und sie instruieren.

Dennoch betrat Marie das Eßzimmer erst, als man schon zu Tisch saß. Das gehörte sich nicht, aber sie hatte den ganzen Vormittag mit sich gerungen, und es hatte sie große Überwindung gekostet, ins Kastellanshaus zu kommen. Und nun stand sie in dem altvertrauten Raum, und die Töchter Gustavs sahen von ihren Stühlen mit neugierigen Augen auf sie herab, den ungewohnten Gast, während sie einen entsetzlich langen Moment nicht wußte, wie sie zum Kopf des Tisches gelangen sollte, an dem der Prinz von seinem Ehrenplatz aufgestanden war und sie lachend zu sich winkte. Doch schließlich gelang es, und auch die Fragen, die er ihr stellte, überstand Marie ohne Stocken und Irritationen, und selbst auf ihren alten Kinderstuhl zu klettern, den man ihr neben die Plätze der Kinder gestellt hatte, meisterte sie trotz der Peinlichkeit, die es ihr verursachte, so beiläufig wie möglich. Froh, als dann die Aufmerksamkeit sich wieder anderen zuwandte.

»Überall um das Schloß herum waren all diese Menschen. Wir hatten große Angst, wie wir da in unserer Verkleidung standen in der Nacht«, erzählte die Prinzessin noch einmal und wischte sich mit dem kleinen Finger einen Krümel aus der Mundecke.

»Die Gräfin Oriola begleitete uns. Aber zu unserem Glück kam, gerade als wir uns in dem Gedränge nach einem Wagen umsahen, die leere Equipage des Grafen Nostitz vorüber, und der brave Kutscher erkannte die Gefährlichkeit der Lage. Schnell lenkte er uns aus dem Menschengewühl hinaus und die Linden hinunter nach dem Brandenburger Tor, das wir Gott sei Dank ohne irgendeine Störung passierten, obwohl die Wachen, wie wir wußten, Befehl hatten, uns aufzuhalten. Doch wir gelangten sicher zu dem recht abgelegenen Anwesen des Geheimrats Schleinitz im Tiergarten. Der liebe Alexander von Schleinitz, kennen Sie ihn?«

Marie sah, wie Gustav und Eulalia den Kopf schüttelten. Es hatte gedauert, bis sie sich traute, von ihrem Teller aufzusehen. Gustav tranchierte den Braten, schenkte Wein nach.

»Wie geht es übrigens deinem Vater?« fragte der Prinz.

»Er wird alt. Hat den Tod des Königs sehr bedauert.«

Der Prinz nickte und zerbröselte eine Scheibe Brot.

»Noch vor Tagesanbruch«, fuhr die Prinzessin fort, »sind wir weiter nach Spandau, wo wir in der Zitadelle den gestrigen Tag zubrachten.«

»Während der Pöbel in Berlin sich anschickte, mein Palais zu plündern und anzuzünden!«

»Was aber«, wandte die Prinzessin mit ruhiger Stimme ein, »ein Mann aus dem Volk verhinderte, und zwar einzig dadurch, daß er das Wort Nationaleigentum an die Mauer schrieb.«

»Wie dem auch sei. Jedenfalls wartete in Spandau ein Boot. Und nun sind wir hier, Gustav!«

Marie sah, daß Gustavs Frau vor Stolz glühte. Und wie er, als sie einmal etwas sagte, das große Heiterkeit hervorrief, seine Hand stolz auf ihren Unterarm legte. Wie sein Mund sich öffnete und wieder schloß beim Essen. Sie selbst bekam keinen Bissen herunter. Siebzehn, unser Sohn ist jetzt siebzehn, dachte Marie und konnte nicht aufhören, Gustav zu mustern. Wie er sich hielt und wie er schaute, welchen Anzug er trug und wie er lachte. Kein Mensch, den wir einmal geliebt haben, wird uns wieder gänzlich fremd. Gerade, als Marie sich ermahnte, ihn nicht anzustarren, traf sie der Blick der Prinzessin, und sie sah darin die Überraschung über das, was die junge Frau entdeckt zu haben glaubte. Marie spürte, wie sie errötete, und schlug die Augen nieder.

Und als der Prinz sich bei Einbruch der Nacht mit zwei Ackerpferden und einem Wagen, den der Gespanndiener Stoof lenkte, auf den Weg nach Nauen machte, wo Extrapostpferde vorgespannt wurden und Stoof mit den eigenen Tieren umkehrte, dann weiterreiste bis Hagenow, wo der Wagen in den Zug nach Hamburg verladen wurde, wo er wiederum am 24. ankam, sich umgehend unter dem Pseudonym Lehmann an Bord der John Bull begab und nach London in See stach, hielt die Stille, nun schwer und lastend, wieder Einzug auf der Insel. Kaum war der hohe Besuch ins Dunkel verschwunden, verabschiedete auch Marie sich, wobei Gustav und sie es vermieden, einander die Hand zu geben, und wanderte dann lange in dieser Nacht durch die Räume des kalten Schlosses und dachte an ihr Kind, das jetzt siebzehn Jahre alt sein mußte, und daran, wie Gustavs Mund sich geöffnet und geschlossen hatte und wie seine Hand auf dem Arm seiner Frau lag. Ziellos kratzten ihre Gedanken über die Erinnerungen hinweg, ohne daß diese undeutlicher geworden wären.