Wie erzählt man, wenn Zeit erzählt werden soll? Was ist wichtig, was vernachlässigbar? 1846 wurde Gustav ein Sohn geboren, Gustav Adolf, im Januar des darauffolgenden Jahres starb seine Tochter Anna Charlotte Luise, dann brachte seine Frau Luise Clara Emma zur Welt. 1847 wurde im Opernhaus in Berlin das Ballett La Esmeralda nach dem Glöckner von Notre Dame aufgeführt, einem Roman, den Marie so sehr mochte, daß sie ihn schon dreimal gelesen hatte. Esmeralda erschien darin in Begleitung einer Ziege, die man eines Tages von der Pfaueninsel holte, was Marie den plötzlichen Wunsch eingab, einmal nur in Berlin ins Theater zu gehen, und sie hätte sich fast überwunden, Gustav darum zu bitten, es ihr zu ermöglichen. Sie tat es nicht. Kein Wort davon. Und kein Wort von Gustavs Reise 1850 in den Madlitzer Park der Finkensteins, und keines über die französische Schauspielerin Rachel, obwohl noch heute eine Statuette am Schloß ihren Auftritt auf der Insel in einer Julinacht 1852 bezeugt. Anlaß war der Besuch von Zar Nikolaus und Zarin Alexandra, jener Lieblingstochter Friedrich Wilhelms III., der er einst Nikolskoje errichtet hatte und deren Geburtstag mit einem Gondelcorso von tausend Booten auf der Havel und dem Auftritt der berühmten Tragödin gefeiert wurde, die auf der Schloßwiese im Fackelschein Racine deklamierte. Vorstellbar, daß Marie im Dunkel dabeistand und lauschte.
Es ließe sich auch erzählen von dem, was sie las in all den Jahren, die sie noch hatte, längst nicht mehr die Bücher aus dem Schloß, dafür Balzacs Glanz und Elend der Kurtisanen, gleich nachdem es auf deutsch erschien, dann den Graf von Monte Christo und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe, nichts davon ist noch notwendig für diese Geschichte. Die Jahre vergingen.
Und was ist mit dem, was zuvor geschah und hier auch keine Erwähnung gefunden hat? Den Dingen und Geschichten also, die fehlen? Was änderte sich, fügte man sie nachträglich noch in das Bild ein? Etwa die sogenannte Montagne russe, die unerwähnt blieb, obwohl die Zeitgenossen diese Vergnügung sehr schätzten, und die aus einem hölzernen Turm bestand und vier Rollwagen, zwei gelb und zwei blau gestrichen, Sitze und Lehnen gepolstert und mit eisernen Rollen versehen, mit denen man, die Dame saß, der Herr stand auf den Kufen hinter ihr, eine Holzbahn vom Dach des Turmes hinabrollte. Und unerwähnt blieb, daß man im Winter auf der Insel jährlich zwischen zwanzig und siebzig Schock Rohr schnitt und verkaufte, ein Schock aus sechzig Bund, jeder Bund einen Fuß stark. Nicht erwähnt wurde Friedrich Siegel, jener Invalide aus den Befreiungskriegen, der fünfzig Jahre lang Ameiseneier für die Fasanerie auf der Pfaueninsel sammelte. Nicht der kleine Wagen für die Shetlandponys, den es auf der Insel gab, und nicht Gustav Fintelmanns Brief vom 12. Januar 1867 an den Gartenintendanten Graf Iwan von Keller: Habe eine Todesanzeige schon mehreremale vergessen: Am 4. ist der alte Ponyhengst krepiert. Nichts über seine Ernennung zum Oberhofgärtner und kein Wort vom Leben seiner Kinder und daß der Tierwärter Hermann Johann Becker, Schwiegervater Maiteys, nach der Auflösung der Menagerie als Nachtwächter mit Hellebarde, Laterne, Säbel und Doppelflinte die Insel bewachte. Er ist dort auch gestorben, im Jahr 1866, fast genau dreißig Jahre nach seinem Vorgänger, dem Tierwärter Daniel Wilhelm Parnemann.
Und nicht wurde erzählt, daß in der Nähe des Jagdschirms eine Quelle ihr Wasser in eine steinerne Muschel ergoß und daß Gustavs Bruder Priester in Nikolskoje war, nicht jene Begegnung auf einer Bank an der Schloßwiese, bei der Friedrich Wilhelm III. seinem Sohn die Hochzeit mit der Gräfin Radziwill ausredete. Die angeblich tausendjährige Königseiche wurde nicht erwähnt, um die herum, wie auf dem Plan von 1828 zu erkennen ist, Lenné einen Weg hatte anlegen lassen. Man mag sie einsetzen ins Bild, aber ist es nötig? Fehlt all das? Ist es von Belang, daß es in Wirklichkeit nicht nur den einen Steg am Kastellanshaus gab, der übrigens dem König vorbehalten war, sondern einen weiteren am sogenannten Überfahrerhaus, noch einen an der Küche und einen vierten an der westlichen Spitze des Parschenkessels? Und daß in jenem Überfahrerhaus am Landungssteg Matrosen wohnten, genannt Mariniers, die man als Besatzung der Royal Louise hier stationiert hatte?
Die Royal Louise? Nach dem Sieg über Napoleon machten die Könige von Rußland, Preußen und England einander Geschenke, und so erhielt der preußische König 1814 aus London ein kleines, dreimastiges Boot für Fahrten auf der Havel, welches aber, da es auch im Winter an der Pfaueninsel vor Anker lag, nach fünfzehn Jahren so verrottet war, daß der englische König William IV. 1831 dem Royal Dockyard in Woolwich den Auftrag zum Bau eines Nachfolgers erteilte. In Takelage und Rumpfform, Kanonengang, Heckgalerie und Galionsfigur entsprach es, im Maßstab 1 : 3, ganz den modernen Fregatten der Royal Navy jener Zeit. Wer mag, stelle sich vor, wie Marie es jenseits des dichten Schilfgürtels auftauchen sah mit geschwellten Segeln, gleich einer optischen Täuschung auf der kleinen Havel groß wie eine echte Fregatte auf einem echten Meer. Vielleicht, nein sehr wahrscheinlich ist sie darauf mitgefahren, nirgendwo hätte sie sich maßstabsgerechter einpassen können, und das wird dem Hof nicht entgangen sein. Fügen wir es also nachträglich ein, dieses Schiff und Marie darauf. Wir können es aber auch wieder wegdenken und herausnehmen aus dem Bild, um vielleicht besser zu begreifen, welche Leere Marie umgab, und um das Vergehen der Zeit selbst zu verstehen. Die Stille der Insel, von der die Tiere verschwunden waren und alle Menschen, die ihr einmal etwas bedeutet hatten. Die Leere des Schlosses, die Leere der Tage.
Das einzige, was Marie in all den Jahren auf der Insel noch lebendig schien, war das Palmenhaus. Doch nicht nur, weil Christian darin gestorben war, ging sie nie mehr hinein, sondern weil es ihr vorkam, als flösse alle Wärme der Insel, wie in ein lebendiges Grab, hinter seine gläsernen Wände. Und manchmal sah Marie im Vorübergehen Gustav hinter den Scheiben und inmitten seiner Palmen.
»Sie dürfen das nicht!«
Marie blieb überrascht stehen. Auf der Schloßwiese saß, nein lagerte ein Mann, bequem auf dem Unterarm und mit locker übereinandergeschlagenen Beinen, vor sich ein unansehnliches Blechgeschirr und eine Flasche, die er dem Felleisen entnommen haben mochte, das neben ihm lag. Er lächelte sie mit vollem Mund an. Es sei nicht gestattet, mitgebrachte Speisen und Getränke auf der Insel zu verzehren, erklärte Marie und ging einen Schritt näher zu dem seltsamen Gesellen hinüber, der wie ein älterer Fischer aussah mit seinen kurzen grauen Stoppelhaaren, dem aufgeknöpften Hemd, den Kniehosen ohne Strümpfe, und wartete auf eine Antwort, die er ihr aber nicht gab. Statt dessen griff er in den Blechbehälter, nahm vorsichtig etwas heraus und hielt es ihr kauend hin.
Wildgänse zogen in langen Formationen über die Insel Richtung Osten und schrien dabei wütend in den hohen blauen Himmel hinein. Es war der erste Tag in diesem Jahr, an dem die Sonne wärmte. Im stumpfen, welken Wintergras zeigte sich schon das Grün. Marie wurde schwindelig, denn es kam ihr plötzlich so vor, als drehten sich die Jahreszeiten nur um sie, immer nur um sie, wie ein Carrousel. Der Sommer würde wiederkommen und der Herbst und dann wieder ein Winter und wieder ein Frühjahr, und Rohrweihen und Fischadler würden wieder auf der Havel jagen, Kormorane und Graureiher in ihren kotweißen Bäumen nisten und im Röhricht des Parschenkessels Haubentaucher und Bläßhühner. Man würde wieder, wie jetzt im April, das Zilp-Zalp des Zilpzalps hören und das Schreien des Milans im Sommer ganz weit droben im Himmel am Mittag, und in den Nächten würden die Nachtigallen wieder in den Eichen nahe der Fontäne singen, lautlos Störche vorüberziehen und mit lautem Klatschen schwarze Schwanenfüße das Wasser treten, wenn die großen Vögel unbeholfen aufflogen. Und das Krächzen der Saatkrähen auf den kahlen Bäumen um die Meierei würde man den ganzen Herbst und Winter hindurch hören, wenn die Tafelenten und Schellenten, Reiherenten und Gänsesäger dicht nebeneinander auf ihren Rastplätzen in den Buchten schaukelten. Und immer von neuem. Und immer wieder. Hilflos sah sie sich um. Wie groß der Götterbaum geworden war, den Lenné hatte pflanzen lassen! Welches Jahr schrieb man denn? Marie schlug vor Entsetzen die Hand vor den Mund.