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»Probieren Sie!« sagte der Mann mit sanfter Stimme und lächelte ihr zu.

Doch sie konnte nur heftig den Kopf schütteln, als hätte er ihr ein ungehöriges Angebot gemacht. Und ihr fiel ein, wie sie aussah, in diesem alten Kleid, das an mancher Stelle geflickt war und an anderen nicht einmal das. Sie hatte sich am Morgen nicht gekämmt.

»Was tun Sie hier?« fragte sie tonlos.

Der Mann schwenkte seine breite Hand mit den kurzen dicken Fingern und jener seltsam bleichen Knolle, die er ihr anbot. »Für gewöhnlich kommt meinesgleichen ja nicht so weit aus der Stadt heraus. Aber ich hatte in Potsdam etwas auszuliefern, und da dachte ich: Statte ich doch der berühmten Pfaueninsel einen Besuch ab. Das hier sind die Reste meiner Lieferung. So probieren Sie doch!«

Marie ignorierte das Angebot noch immer. Doch sie spürte erleichtert, wie der Schwindel sich langsam legte. »Was ist das, was Sie da haben?«

»Ich bin Koch, ein Leihkoch. Ich koche auf Gesellschaften, Hochzeiten, Beerdigungen. Und mache auch kleine Sachen bei mir zu Hause, die ich dann verkaufe. Wie das hier. Setzen Sie sich doch zu mir, dann erkläre ich Ihnen, was es ist.«

Marie sah sich um, als könnte sie bei etwas Verbotenem ertappt werden, obwohl sie wußte, daß da niemand war. Und dann setzte sie sich tatsächlich zu ihm ins Gras. Es tat gut zu sitzen, ihre Beine zitterten noch immer. Und auch die Sonne tat tut.

»Also: Was haben Sie da?«

»Erst probieren.«

Er mochte wohl, schätzte Marie, etwa so alt sein wie sie selbst. Das Lachen, das aus seinen Augen sprach und um seine Lippen spielte, kontrastierte mit den schweren Lidern und den Falten um den Mund. Das Leben zog an einem, wenn man älter wurde, dachte Marie und ordnete ihr Kleid auf dem Rasen. Jenes Ding schien aus Teig zu sein, weich, und sie meinte ein Gewürz zu riechen, ohne zu wissen, was es war. Seine Finger glänzend vor Fett. Daß er aber auch keine Gabel hat, dachte sie mißbilligend, sah sich noch einmal um, nahm ihm das Teigstück aus der Hand und steckte es ganz und gar in den Mund.

Er sah ihr neugierig zu. »Für gewöhnlich ißt man sie warm, aber was gut gekocht ist, schmeckt auch kalt.«

Es war tatsächlich Teig, ein aromatisch nach Brühe schmeckender Teig, der eine weiche Masse umhüllte, die sofort sämig ihren ganzen Mund ausfüllte, als sie hineinbiß, und so viele Geschmäcker zur selben Zeit zu enthalten schien, daß sie vor Überraschung die Augen schloß. Pilze waren das, so intensiv, daß sie ihren würzigen, erdigen Geruch im selben Moment in der Nase zu haben meinte, dazu etwas Milchigfettiges und zugleich Herbes, Käse wohl, aber sie war sich nicht sicher, da war noch etwas Festeres, Fleisch vielleicht, und ein Aroma, das in ihrem Mund zu knospen schien, so daß sie an Blüten denken mußte, und dann auch noch etwas Scharfes und das alles durcheinander, und sie kaute und schluckte und kaute und hatte noch nie etwas so Feines gegessen.

Obwohl sie unbedingt wissen mußte, was das war, ließ sie sich noch einen Moment Zeit, als sie alles heruntergeschluckt hatte, bevor sie die Augen wieder öffnete.

»Was ist das?«

»Rafiolen.«

»Rafiolen? Kann ich noch eine?«

»Aber gewiß.«

Und während sie die nächste Teigtasche, die er ihr hinhielt, ganz vorsichtig in den Mund nahm und zunächst nur daran lutschte, erklärte er ihr, es handle sich bei Rafiolen um so etwas wie kleine Pastetchen, aber weich, in Italien mache man derlei, meist in Form einer Auster oder einer Muschel oder eines Hasenohrs, in die allerlei eingeschlagen werde, in diesem Fall getrocknete Steinpilze, die er zuvor in Wasser eingeweicht, kleingehackt und in Butter angeschwitzt habe. Dazu Kalbfleisch und Ziegenkäse.

»Und die Gewürze?« fragte Marie und schluckte den letzten Bissen hinunter.

»Muskatblüte, Pfeffer, gestoßener Rosmarin. Man siedet die Rafiolen in Fleischbrühe. Zuletzt werden sie in Butter geschmelzt.«

»Rosmarin. Das habe ich noch nie gegessen.«

Der Koch griff wieder in sein Blechgeschirr und gab ihr noch eine.

Marie musterte sie. »Es ist, als könnte man durch die dünne Haut eines Tierchens in es hineinsehen. Da, die dunklen Pilzstückchen. Wirklich wie ein weiches nacktes Tier.«

»Mögen Sie einen Schluck?«

Der Koch hielt Marie die Flasche hin, und sie trank, ohne darauf zu achten, was es war. Schwerer roter Wein. Sie aß das kleine weiche Tier. Der Himmel war hoch und blau. Es war früh am Nachmittag. Die Sonne wärmte sie durch und durch.

»Wie heißen Sie?«

»Froelich. Jon Froelich.«

Sie mußte lachen. »Wirklich? Sie heißen Froelich?«

Sie konnte nicht aufhören zu lachen und sah ihn dabei wie etwas an, das man nach langem Suchen gefunden hat.

Und auch er mußte lachen. »Ja, aber man schreibt es anders.«

Marie nickte und fragte nicht, wie. »Meinen Sie, es gibt verschiedene Sorten Menschen?«

»Natürlich«, nickte er. »Vor allem Reiche und Arme. Aber auch Kranke und Gesunde.«

»Das meine ich nicht.«

Er überlegte einen Moment, dann grinste er. »Männer und Frauen, ja gewiß.«

»Auch das meine ich nicht. Glauben Sie, es gibt pflanzliche und tierhafte Existenzen?«

»Verstehe ich nicht.«

Marie schüttelte den Kopf. Nichts von alledem spielte noch eine Rolle.

»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Wegen dieser Rafiolen, die ja beides enthalten, Pflanzliches und Tierisches. Vielleicht lieben wir das ja so sehr, weil es zusammengehört, aber in der Welt nicht zusammenfindet.«

»Was Sie so denken!«

Der Koch schüttelte lächelnd den Kopf und musterte sie schweigend. Plötzlich wieder ernst, sagte er dann: »Besuchen Sie mich doch einmal, dann koche ich richtig für Sie.«

»Das würden Sie tun?«

Zehntes Kapitel. Feuerland

Noch nie hatte Marie Gleise gesehen, diese Eisenbänder, die den Blick schneller und unbedingter mit sich wegziehen als jede Straße, und sie verlor sich in diesem Band, bis an seinem einen Ende, ein Stück nur entfernt von der Plattform, auf der sie wartete, der ächzende und zischende Dampfwagen von vielen Männern unter Mühen herumgedreht wurde, der dabei dampfend stillhielt wie ein sehr großes Tier.

Und als das eiserne Tier mit seinem Gesicht in die Flucht der Eisenbänder hineinglotzte, zischte und ächzte es plötzlich lauter, und dann, ohne daß man zuvor irgendeinen Willen oder eine Anspannung bemerkt hätte, kam es zu ihnen heran. Marie entdeckte auf dem offenen Führerstand der Lokomotive einen Mann in Uniform, der sich an Hebeln zu schaffen machte, dann kam der Tender, dann kamen die grünen Wagen, eingehüllt vom Dampf, in dem das alles vor ihr mit einem Schreien von Metall auf Metall auch schon wieder zum Stehen kam, und Marie schlug das Herz bis zum Hals. Als wäre es das Normalste, setzten die vielen Menschen um sie her, die mit ihr gewartet hatten, sich im selben Moment in Bewegung, kaum ihre Unterhaltung dabei unterbrechend, während zugleich uniformierte und allesamt schnurrbärtige Männer auf die hölzernen Trittbretter sprangen, die entlang der Waggons verliefen, und die vielen Türen öffneten, in die alles hineindrängte.