»Weshalb können wir nicht hinein?« fragte der Ingenieur, sichtlich erregt jetzt.
»Es geht nun einmal nicht.«
Marie wandte sich wieder an die junge Tamilin. »Und glauben Sie mir, Ananthi, es tut mir wirklich besonders leid darum, daß Sie den indischen Pavillon nicht sehen können, der aus Birma hierher zu uns kam, und die Ausmalung im orientalischen Stil, die Sie sicherlich an Ihre Heimat erinnern würde. Aber es ist unmöglich. Und jetzt möchte ich Sie wirklich bitten, mir zu folgen. Es wird Abend, und auch im Schloß gibt es noch einiges zu sehen.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, begann Marie den Uferweg entlangzugehen, der unter den Eichen, die hier dicht standen, zum Schloß führt. Es ist genug, dachte sie, wenn sie sich auch nichts Schmerzhafteres als den Abschied vorstellen konnte, der ihr bevorstand. Sie unterließ es, auf den antiken Brunnen hinzuweisen oder um das Schloß herumzugehen, wo ihre Besucher den Ausblick nach Potsdam gehabt hätten, sondern ging direkt zum Portal, und erst, als sie die Tür öffnete, sah sie sich nach den beiden um, die ihr stumm gefolgt waren und denen sie jetzt den Vortritt ließ in ihr Haus.
»Das Schlößchen wurde unter Friedrich Wilhelm II. in den Jahren 1794 bis 1797 vom Baumeister Brendel aus Potsdam errichtet«, begann sie im Treppenhaus sogleich ihren Vortrag. »Die Zimmer haben parkettierte Fußböden von allen inländischen Holzarten und schöne teils Papier-, teils Zeugtapeten.«
Langsam führte sie die beiden von Zimmer zu Zimmer im Erdgeschoß, sie folgten ihr schweigend, besahen sich alles genau und begriffen doch nicht, was vor sich ging. Endlich kamen sie auch ins Otaheitische Cabinett, und Ananthi lachte überrascht, als sie das exotische Dekor erkannte. Musterte ganz genau die Tapete. Zeigte ihrem Mann die Vignette des Schlößchens darin.
»Als wären wir bei uns am Strand!«
Der Ingenieur nickte. Doch Marie sah, daß ihn derlei nicht interessierte. Er war noch immer verstimmt, weil ihm das Palmenhaus verschlossen geblieben war, und das schmerzte Marie, denn er sollte doch alles sehen, was ihr Leben hier gewesen war.
»Wonach die Europäer sich damals wohl so gesehnt haben mögen, daß ihnen derlei gefiel?« fragte Ananthi nachdenklich, den Blick nicht von der Tapete nehmend. »Heute bauen sie Eisenbahnen durch unser Land und legen Plantagen an.«
»Ja, das war wohl eine andere Zeit.«
Marie mußte wieder daran denken, wie sie hier einmal unerwartet auf den Kronprinzen gestoßen war, der König nach ihrem König und nun selbst tot. In seinen Augen war all die Sehnsucht gewesen, die die Tamilin nicht begriff. In diesen feuchten Augen über dem steifen Kragen der blauen Uniform.
»Gehen wir weiter?« fragte der Ingenieur ungeduldig, und als ihre Blicke sich trafen, gelang es Marie für einen Moment nicht ganz, ihre Traurigkeit zu verbergen, doch schnell faßte sie sich wieder und nickte ihm zu.
»Der Plafond des Speisesaales im ersten Stock, zu dem wir jetzt hinaufgehen, ist seinerzeit mit Guido Renis Aurora al fresco ausgemalt worden«, sagte sie, wieder ruhig, und ging voran.
Der Saal beeindruckte ihre Besucher, doch mehr als das Deckenfresko, die Holzarbeiten an den Wänden und der Parkettboden war es der Blick, der ihnen gefiel. Lange standen sie an den hohen Fenstern und schauten hinaus. Hier hatte der König immer gesessen. In Gedanken an seine tote Königin oder seinen Vater, wer konnte das sagen. Und hier hatte sie selbst gestanden unter seinem Blick, und er hatte sie angesehen wie sonst niemand in ihrem Leben. Ein Tierchen war sie gewesen unter diesem Blick, nein, etwas noch viel Geduldigeres, noch Nachgiebigeres, noch viel Stummeres, ein Ding war sie gewesen, die Insel selbst. Daß sie hierhergehörte, hatte Marie in diesen Momenten begriffen, und weshalb. Von alldem aber würde er, der noch immer dort am Fenster stand und hinaussah und seiner jungen Frau dies und jenes zeigte, nie etwas erfahren, dachte Marie traurig. Und wollte zugleich nicht, daß es schon vorüber wäre.
Und so schlug sie den beiden vor, was sie sonst nie bei ihren Führungen tat, noch auf den Turm hinaufzusteigen. War selbst lange nicht mehr dort oben gewesen, zu sehr schmerzte das Treppensteigen, und mußte tatsächlich alle paar Stufen pausieren. Doch die beiden warteten geduldig hinter ihr, während sie sich ans Geländer klammerte und Atem schöpfte.
Als sie dann schließlich oben anlangten und hinaustraten auf die Plattform, war die Sonne über Potsdam bereits untergegangen, das Firmament glomm noch rot, und die wenigen Wolken, die in dünnen Schleiern über die ferne Stadt zogen, brannten dabei. Tief atmete Marie durch. Direkt über ihnen wurde der Himmel schon durchsichtig in die schwarze kalte Nacht hinein. Ananthi lehnte sich in den goldenen Abendschein, und auch ihr Mann schien seinen Groll zu vergessen. Man ist auf diese Landschaft in Preußen immer so stolz gewesen, weil sie Preußen so wenig gleicht. Ein wenig Süden. Ein wenig gütiges Licht. Lange sagte keiner der drei etwas, dann erklärte Marie den beiden leise, was sie sahen. Ihre ganze Welt.
»Zur Rechten tritt die Halbinsel von Sacrow in das Wasser der Havel, weiterhin sieht man das Marmorpalais im Neuen Garten, auf dem Hügel dahinter die grüne Kuppel der griechischen Kirche in der russischen Colonie bei Potsdam, zur Linken das hölzerne Dach von Nikolskoje.« Sie trat zur anderen Seite. »Kommen Sie, sehen Sie sich die Insel an! Dort aus den Bäumen ragt das Palmenhaus hervor, und dort, ungefähr in der Mitte, sehen Sie das Cavaliershaus, und ganz am Ende die weißen Ruinen der Meierei.«
Von dorther kam die Nacht. Sie wischte das Glitzern der Havel aus und zerschmolz das Grün der hohen Bäume in Grau. Ein letzter Glanz auf der Kuppel des Palmenhauses verlosch. Schnell wurde es ganz empfindlich kühl, doch das bemerkten die drei erst, als die Nacht den Turm des Schlosses schon ganz erreicht hatte. Im Dunkeln tasteten sie sich dann die Treppe wieder hinunter und in den Saal zurück, wo Marie eine Lampe entzündete, um ihre Gäste hinauszubegleiten. Dabei führte sie die beiden noch durch das Cabinett, das ihre Heimat geworden war, damit er, ohne es auch nur zu merken, ein Bild davon mit sich nähme.
»Sieh einmal, wie das glänzt«, sagte er leise zu seiner Frau und blieb an der Kommode stehen.
Marie, schon im Hinausgehen, drehte sich überrascht um, als sie ihn das sagen hörte. Tatsächlich: Er hatte das Rubinglas entdeckt, das im Licht der Lampe tiefdunkelrot aufgeleucht hatte und nun, als sie wieder umkehrte, immer heller strahlte. Als könnte er nicht genug bekommen von dem Feuer darin, stieß Nietner den Kelch vorsichtig mit dem Zeigefinger an, der sich daraufhin mit einem klingelnden Geräusch um seinen imaginären Zirkelpunkt drehte, kippelte und mit einem winzigen Zittern erstarrte. Und wieder tippte er mit dem Finger gegen das Glas, und wieder glitzerte das Rot darin auf, als pustete er in eine Flamme.
Er habe, sagte er leise und in diesen Anblick völlig versunken, sich niemals so für Pflanzen interessiert, wie ihn schon als Kind die Steine in den Bann geschlagen hätten, leuchtende, glitzernde Steine, und er habe sich immer danach gesehnt, dorthin zu gelangen, wo sie in der dunklen Erde darauf warten, ans Licht geholt zu werden. Noch einmal wurde Marie unsicher, ob sie das Richtige tat. Wie gern hätte sie ihm in diesem Moment alles erzählt, was mit jenem Glas einst begann. Daß er als Kind damit gespielt hatte. Und sie befeuchtete mit der Zunge schon ihre Lippen, um endlich zu reden.
Aber da drehte er sich nach ihr um und fragte mit einem weichen Lächeln: »Es ist doch nun einmal zerbrochen, das schöne Glas. Ob Sie es mir wohl als Andenken an die Pfaueninsel überlassen könnten, Fräulein Strakon?«
Und damit zerbrach der Zauber des roten Scheins. Was man verschenkt, muß sein Geheimnis behalten. Ein Geschenk trägt all das in sich, wovon man nicht sprechen will. Marie lächelte, statt zu weinen.